Unterwegs

Matrosenleben

Er legt den Kopf in den Nacken und lacht, die Matrosenmütze rutscht nach hinten
er schiebt sie zurück, dort, wo sie hingehört.

sein Bärentöterlachen nimmt mich gefangen
seine Hände sind warm und stark
ich möchte von ihm gehalten, nur noch gehalten werden

Die Liebe ein Rausch, vernebelt sie mir das Gehirn
die Glückshormone sind mit ihm über das Meer gekommen
gut verpackt in einer schweren Holzkiste
doch ich habe den Schlüssel gefunden.

Das Holz ist morsch, «wir segeln zusammen um die Welt», höre ich mich in den Telefonhörer sagen, wickle das Kabel des Münzapparates um meinen Zeigefinger,
meine Mutter am anderen Ende der Leitung japst nach Luft

In den Ecken stinkt es nach Urin, die verwinkelten Hafengässchen ein Labyrinth.

Ich bin ihm verfallen
seine Liebe knebelt mich

Im Kerzenschein essen wir Dosenfutter, die Wellen glucksen
Zum Geburtstag zimmere ich ihm einen Tisch aus alten Schiffsplanken.
«Das Meer murmelt seine Geschichten», sagt er und streichelt mir über die Wange, lächelt.
«Kannst du es auch hören?» Ich blicke ihn an, nicke schnell
meine Wangen glühen.

Wind

Wind kommt in die Segel, die Wasseroberfläche glitzert verführerisch, der Morgen ist noch jung und ich kann den Tag gestalten, wie ich will. Die roten Ballerinas haben mich tänzelnd hierhergetragen, mit Schwung setze ich mich auf die Schaukel, der Narr über dem Abgrund.
Wachsen aus meinen Schulterblättern Albatrosflügel? Ich schwinge vor und zurück, das zitronengelbe Röckchen flattert im Fahrtwind, die Beine im Rhythmus, das Leben im Takt, ich steige höher und höher, hole Anlauf, stosse mich ab, die Landung in den Schäfchenwolken watteweich.
Keine Angst vor dem freien Fall.

Einblick in den Schreibprozess
Diese beiden Texte entstanden im Rahmen
eines Schreibworkshops meiner Freundin
Sabine Rädisch am Bodensee.

Löwenbaby sein

Ich setze den Pinsel an und male sorgfältig den ersten Strich. Maler sind sowieso nicht beliebt, wegen der Dämpfe, hat Marjola gesagt. Meine Füsse auf dem warmen Asphalt. Ich sehne mich nach der Kühle einer Kirche. Alles so sommerlich hier. Die Sommer meiner Kindheit, die grosse, verwitterte Villa mit den hohen Fenstern. Der goldumrahmte Eingang, die Giebelstatuen an den Fenstern. Meine Familie muss einst reich gewesen sein. Zu Zeiten von Michelangelo vielleicht. Meine erste Wohnung in der Stadt mit den Milchquadrat-Fenstern und dem hereindrängenden Verkehrslärm erzählt eine andere Geschichte. Ich kneife die Augen zusammen, versuche mich nur auf die Pinselstriche zu konzentrieren. Eine Frau mit dickem, schwarzem Haar … ist es meine Mutter? Hundepfoten, die auf dem hitzeabweisenden Marmorboden des Südens dahintrippeln. Der karamellfarbene Collie war ihr ständiger Begleiter. Ihr bodenlanges schwarzes Kleid, das ihr dieses Schauspieler-Image verleiht. Erinnerungen zerfallen in meinen Händen zu Staub.

Das Haus am Ende der Strasse, sagte ich damals zu meinem Freund. Er liest mir die Namen auf den Klingelschildern vor: Fam. Taucher auf Top 14, Fam. Pilz, Horat, Kiffmann. Ich möchte ein Löwenbaby sein, sagte ich, als er atemlos oben ankam. Das Ticket von Air Tanzania kaufte ich noch am selben Tag.

Die bunten Mosaiksteinchen glitzern in der Tropensonne. Kirchen gibt es hier keine, dafür viele Moscheen. Meine Mutter war keine besonders brave Frau gewesen, hatte sich dem Priester-Vater widersetzt, um einen Wilden zum Mann zu nehmen. Der Dorfplatz in einer samtenen, mondlosen Nacht, ein angenehmer Windhauch streicht mir über die Haut. Lichter gibt es wenige, junge Männer stehen im Kreis und reden. Später fährt einer mit dem Fahrrad über den Platz. Saadani Safari Lodge, steht auf einem Zettel geschrieben, den mir die Marjola mitgegeben hat. Eine mutige Frau, das sei sie gewesen, hatte Marjola gesagt. Nicht immer ganz einfach. Stur bis zur Boshaftigkeit, aufbrausend, ehrlich, kampfeslustig, aber auch sanftmütig und bescheiden. Bin ich das Produkt einer heissen Tropennacht während des Aufstands gegen die Kolonialisten? Meine Geschichte ist hinter der Erdkrümmung verschwunden – dort, wo ich sie nicht mehr erreichen kann.

Am Ufer sehe ich einige Flusspferde, die im Licht der aufgehenden Sonne baden. Ich hätte früher kommen sollen, um dann vielleicht für immer zu bleiben. Ich nippe an meinem Kaffeebecher und nähre den Salzsee in meinem Innern. Viel später kommt mir ein älterer Mann mit einem langen weissen Kaftan am Strand entgegen. Die Menschen hier leben von dem, was das Meer hergibt. Es ist später Nachmittag, das Meer hat sich zurückgezogen – «Gute Reise, Meer», flüstere ich. Der Mann kommt näher, jetzt sehe ich, dass er einige glänzende Fische an einem Haken mit sich trägt. Vieläugig starren sie mich an. Mein Schritt verlangsamt sich. Der Mann hält inne, schaut mich an. Einzig die verschiedenen Farben des Meeres können es bezeugen, als er auf Suaheli sagt: «Karibu sana, toto.» (Willkommen, Kind.)

Text erschienen in: Dreiundsechzig, Kameru Verlag (vergriffen)

Einblick in den Schreibprozess
Dieser Text entstand im Rahmen eines Workshops des Berufsverband Wiener SchreipädagogInnen.