Hibiskus Corner

UG_Truninger

Die aus Südafrika stammende Rosaly hat ihr Studium abgebrochen und verdient nun ihren Lebensunterhalt als Eisverkäuferin am Flughafen in Zürich. Tagein tagaus spielen sich vor ihren Augen kleine Abschiedstragödien, aber auch glückliche Wiedersehen ab. Sie liebt es, von ihrem Platz hinter dem Eiscremewagen all die Menschen zu beobachten, die sich auf Reisen begeben. Dabei macht sie sich Gedanken über ihr eigenes Leben und erinnert sich immer wieder an ihre Großmutter Rose, die ihr das alte Familienrezept für das Hibiskuseis verraten hat. Rosaly spürt, dass auch sie eine »Reisende« ist – eine »Reisende« zwischen ihrer alten und ihrer neuen Heimat. Mit Südafrika verbinden sie Erinnerungen, die – wie sie selbst zugeben muss – »in meiner Hand augenblicklich zu Staub zerfallen würden«.

Edith Truninger bevölkert ihre Novelle mit realitätstreuen, liebenswürdigen Figuren
und beschreibt diese in einer erfrischenden, modernen Sprache. Hibiskus Corner ist eine Geschichte über Sehnsucht und Hoffnung, über Freundschaften und Träume und über das Verbundensein – nicht nur mit der Heimat, sondern auch mit sich selbst.

KaMeRu Verlag
ISBN 978-3-906082-28-8
Erscheinungsjahr: 2013
180 Seiten
Taschenbuch (Paperback)

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Leseprobe

»Stimmt es eigentlich, dass es in Ägypten so viele Cafés gibt?« Ahmed und ich sitzen in der Bye bye Bar und trinken Kaffee.
»Habibi, machst du Witze? Unser ganzes Leben spielt sich in Cafés ab. Auf den ersten Blick sieht es vielleicht so aus, als würden wir dort nur Wasserpfeife rauchen und Backgammon spielen, doch in Wahrheit ist das Café der Ort, wo wir unsere Geschäfte abwickeln, Freunde treffen, Gerüchte austauschen.« Ahmed hält einen Moment inne, zwirbelt an seinem Schnurrbart. »Eigentlich ist es ein Wunder, dass unsere Kinder nicht in Cafés zur Welt kommen.«
Ich lache. Ahmed hat es geschafft, mich aufzuheitern. Es hat etwas Tröstliches, mit ihm an der Fensterfront zu sitzen und den startenden Flugzeugen nachzublicken, im Wissen darum, dass sie dem Licht, der Sonne entgegenfliegen – an diesem nebelverhangenen Tag
im Januar, an dem mich das Gefühl beschleicht, seit Wochen kein Sonnenlicht mehr gesehen zu haben.
»Uns fehlt einfach die Großzügigkeit im Blick«, sage ich nachdenklich zu Ahmed. »Bei uns ist jetzt zwar Winter, doch das bedeutet, dass an einem anderen Ort gerade Sommer ist«, sinniere ich.
Ahmed grunzt etwas Unverständliches. Ich spinne meine Gedanken weiter. »Zum Beispiel in Südafrika.«
Ich halte einen Moment inne. »Ahmed, vermisst du Ägypten, die Kaffeehauskultur, das Klima, das Essen?«
Ahmed schaut mich aus seinen dunkelbraunen Augen an.
»Habibi,es vergeht kein Tag, an dem ich Ägypten nicht vermisse. Manchmal tut mir alles weh, so sehr vermisse ich meine Frau und meine Kinder.«
Plötzlich fühle ich mich schuldig: Was beklage ich mich eigentlich? Ahmeds Lage ist viel trauriger. Seine Familie lebt in Ägypten, er sieht sie einmal, vielleicht zweimal pro Jahr. Es muss hart sein, grüble ich, zwischen den Welten zu leben. Auch ich spüre die Sehnsucht nach Südafrika manchmal fast körperlich. Ein inneres Ziehen nach dieser Weite des Himmels, nach den bunten Farben in Kapstadts Straßen und der Lebensfreude der Menschen. Bin ich eine Sklavin meiner Sehnsucht?

 

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