Essays

La prima volta

»Für uns, denen der Pfosten der Tür verbrannt ist, an dem die Jahre der Kindheit Zentimeter für Zentimeter eingetragen waren.«    Hilde Domin

La prima volta – das erste Mal. Ausgesprochen von italienischen Zungen, fällt mir auf, wie viele erste Male es im zurückliegenden Jahr tatsächlich gegeben hat. Ich bin mit meinem Freund im Dorf seiner Familie in Norditalien, es ist Sommer, wir trinken roten Schaumwein, der mich heiter macht und erfreue mich an den Holundersträuchern an den Wegrändern. Die Gegend hier ist grün und satt, sie trägt eine Sanftheit in sich, die mich tief berührt. Ich kenne Berggebiete auch anders: Als karg, abweisend, »einkesselnd«, würde meine Mutter sagen. Corniglio ist ein kleines Bergdorf im norditalienischen Apenin-Gebirge, an der Wasserscheide zwischen der Toskana und der Emiglia Romagna, eine dreiviertelstündige Fahrt von Parma entfernt. Vom Castello di Corniglio aus hat man einen atemberaubenden Überblick über das Tal, durch das der Fluss Parma fliesst. Ich bin neu an diesem Ort, aber für meinen Freund hat er Geschichte. Sein Vater ist hier aufgewachsen, seine Grossmutter lebte hier bis zu ihrem Tod. Es ist das erste Mal, la prima volta nach ihrem Begräbnis, dass er zurückkehrt.

Ich bin an einen Ort des Ursprungs zurück gekommen, der nicht mein eigener ist. Gerade in so einer Umgebung liegt der Vergleich mit einer Quelle nahe. Mein eigener Ursprung ist dort verschwunden, wo ich ihn nicht mehr erreichen kann. Ein Jahr zuvor ist meine Mutter mit 63 Jahren nach kurzer Krankheit gestorben. Auch mein Vater ist seit zehn Jahren tot. Die Brücken zu meiner Kindheit sind für immer eingestürzt. Was darauf folgte, hatte traumatischen Charakter: Die Namen meiner beiden Eltern auf dem Grabstein eines Dorffriedhofs, die Räumung des Elternhauses. Es ist ungeheuer schwer zu gehen, wenn man muss. Der einzige Mensch, der seit meiner Geburt Standhaftigkeit beweist, ist meine 90-jährige Grossmutter. Ein seidener Faden als Verbindung in meine Vergangenheit, immer in Gefahr, durchtrennt zu werden. Hinzu kommt das segensreiche Vergessen des Alters. Der Platz des Vermittlers zwischen den Zeiten ist unbesetzt. Die Brüchigkeit des Lebens liess mich für Wochen und Monate sprachlos zurück. Ihr Tod hat mich entblösst. Mich mir und meinem Leben schreibend zu versichern, es gewissermassen zu »entschlüsseln«, hätte mir helfen können, aber auch schreiben konnte ich nicht mehr. Ich war verstummt. Mein versteinertes Herz. Für andere Menschen scheint Vergangenheit nicht so wichtig zu sein. Nicht für mich. Ich bin ein Ursprungs-Mensch.

Vor Jahren hat Corniglio zweifelhafte Berühmtheit erlangt, als bei einem Erdrutsch das halbe Dorf unter den Erdmassen begraben wurde. Tote gab es keine, aber viele Cornigliesi haben damals ihre ganze Existenz verloren. Auch die Familie meines Freundes hat alles verloren. Um dann, an anderer Stelle, ein neues Haus aufzubauen. Ein Spaziergang auf den Spuren der Vergangenheit führt uns auch an den Ort, wo das alte Haus gestanden hatte. Mein Freund erkennt die Gegend kaum wieder, die Ruine einer Schinkenfabrik sowie ein altes Hexenhäuschen, das völlig schief steht, sind die einzigen Zeichen dafür, dass hier einmal Menschen gelebt haben. Die Hausruinen inmitten von Bäumen und Buschwerk berühren mich, die Natur hat diesen Teil des Dorfes zurückerobert, alles hier ist wild, alles ist ursprünglich. Vielleicht hat der Besuch in Corniglio auch deshalb so eine heilsame Wirkung auf mich, weil die Rinde des Vertrauens hier wieder nachzuwachsen beginnt. Das Dorf scheint mir etwas sagen zu wollen, der Fluss Parma überträgt mir die Botschaft flüsternd: »Das Leben kann weitergehen. Es kann vorkommen, dass du ein Haus verlierst. Schau nicht zurück, sondern bau dir ein neues Haus, an einem anderen Ort.« Für mich ist es schwer zu verstehen, dass Zerstörung dazu gehört. In anderen Religionen ist dieses Wissen viel präsenter. Im Hinduismus zum Beispiel ist Kali die Göttin des Todes und der Zerstörung, und gleichzeitig der Erneuerung.

Ich wache auf und merke, dass ich vom alles verschlingenden Feuer geträumt habe. Meine Grosseltern, bei denen ich einen Grossteil meiner Kindheit verbracht habe, waren gottes- und naturfürchtige Bauersleute. Bei einem Gewitter sassen wir auf unseren gepackten Koffern im Wohnzimmer, statt in unseren Betten zu schlummern. Jederzeit bereit, zu flüchten, sollte ein Blitz ins Haus einschlagen. Dabei wohnten wir gleich neben der Kirche, und jedes Kind weiss doch, dass der Blitz immer in den höchsten Punkt einschlägt. Einmal hat der Blitz tatsächlich den Blitzableiter des Kirchturms getroffen und es gab einen fürchterlichen Knall. Am nächsten Tag war unser Fernsehapparat kaputt. Und einmal hat es in der Nachbarschaft gebrannt. Das Geräusch von knisterndem Gebälk werde ich nie mehr vergessen. Und dass ich allein zu Hause war und ungeschützt wie die meiste Zeit meiner Kindheit.

Hilflos sein, ungeschützt: In der Kapelle lese ich im Altarbuch, und darin hat jemand geschrieben: »Beschütze meine liebevollen Eltern, auch wenn ich schon erwachsen bin, brauche ich sie noch.« Dieser Zusammenhang war mir nie bewusst gewesen und ich finde es faszinierend, dass das jemand so klar in Worte fassen kann. Ein Kind braucht seine Eltern – ohne sie ist es nicht überlebensfähig. Doch wofür braucht man Eltern, wenn man selber bereits erwachsen ist?

Ich bin in einem Klima der Güte und der Unschuld herangewachsen. In einem sehr liberalen Elternhaus, in dem es nicht viele Regeln gab. Meine Eltern haben vor allem gearbeitet und mir vorgelebt, »wo das Geld herkommt«, wie mein Vater sagen würde. Und dann denke ich wieder an die Hilflosigkeit meiner »beiden Mütter«. In meinen Jugendjahren waren meine Mutter sowie meine Grossmutter, die Haus an Haus wohnten, bereits verwitwet und die beiden Frauen haben grosse Demut bewiesen. Nie hätten sie das Schicksal angeklagt, sondern haben einfach hingenommen und dem geharrt, was da kommen mag. Darin steckt viel Urvertrauen ins Leben und den natürlichen Verlauf der Dinge. Aber in Wahrheit haben wohl eher sie mich gebraucht als umgekehrt. Doch auch ich hatte sie insofern gebraucht, als dass ich sie mir irgendwann zur Aufgabe gemacht habe. Als meine Mutter starb und die Pflege meiner betagten Grossmutter anders organisiert werden musste, verlor ich diese Aufgabe – das war zuerst befreiend, und später befremdlich: Weil es nichts mehr gab, das ich hätte pflegen können. Ich hatte eine Aufgabe verloren, die immer zu mir gehört hatte. Und damit ein Stück meiner Identität verloren.

Jemanden zu »brauchen« ist also nicht immer so linear, wie es im ersten Moment den Anschein macht. Jemanden zu brauchen, weil er einem das Leben verschönert, lebenswerter macht, oder weil er mit Rat und Tat zur Seite steht, ist etwas anderes, als das Gebrauchtwerden, dem eine Abhängigkeit zugrunde liegt. Meine Mütter waren durchaus allein lebensfähig – zumindest zusammen – haben aber immer das Gegenteil ausgestrahlt. Es war ihnen einfach lieber, wenn jemand da war und für sie gesorgt hat. Erwachsensein heisst vor allem, seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Und gerade das haben meine Mütter gerne von sich weggeschoben. Was ich damit sagen möchte: Wer Kind ist und wer Erwachsen, wer Hilfe leistet oder Hilfe braucht, ist nicht immer klar abzugrenzen. Es kann auch vorkommen, dass es plötzlich umgekehrt ist.

Also nochmals die Frage: Wofür braucht man Eltern, wenn man selber bereits erwachsen ist? In meinem Fall muss die Antwort lauten: Nötig sind sie nicht mehr. Aber beruhigend ist es, jemanden hinter sich zu wissen. Jemand, den man als kompetent einstuft, wenn es um die unergründlichen Fragen des Lebens geht. Fällt diese Absicherung weg, steht man plötzlich allein da.

Meine Mutter ist genauso gestorben, wie sie gelebt hat: Zutiefst erleichtert, dass sie nicht selber entscheiden musste. Der Kampf gegen den Krebs war in ihrem Fall so aussichtslos, dass es nur verschwendete Energie gewesen wäre, ihn überhaupt anzutreten. »Im Leben brauchtest du Unterstützung, nur das Sterben fiel dir leicht«, möchte ich manchmal zu ihr sagen. Das ist doch paradox. Dass sie noch gebraucht würde, weil ihre Tochter eben erst erwachsen geworden war, sozusagen nur einen Schattenwurf vor der Diagnose, dieser Gedanke wäre ihr gar nie gekommen. Gebraucht zu werden, das hatte sie sich nicht zugetraut. Gebraucht zu werden hätte ein Ego erfordert, das sie nicht gehabt hat. Bescheidenheit ist eine Tugend, oder versteckt sich dahinter eine Minderwertigkeitsdemut? Manchmal wäre ich froh, jemand hätte mir beigebracht, dass ich auch einen Wert habe, auch mal aufbegehren darf, nicht immer lieb und nett sein muss, um akzeptiert zu werden. Und ja nicht zu viel vom Leben fordern! Ich glaube, damit habe ich sie immer wieder herausgefordert: Plötzlich begann diese Tochter Bücher zu schreiben, mehr vom Leben zu fordern, aktiv statt passiv-duldsam zu sein. La prima volta – meine Mutter ist gestorben, zum ersten Mal und zum letzten Mal. Mein eigener Urmensch ist gegangen, von nun an existiert nur noch die Erinnerung. Und weil sich daran unwiederbringlich nichts mehr ändern wird, ist es auch an der Zeit, Bilanz zu ziehen.

In diesem italienischen Bergdorf kommt ein Gefühl zurück, das ich verloren glaubte: So eng mit der Landwirtschaft und der Natur zu leben macht mir bewusst, wie sehr ich im Grunde meines Herzens ein Landmensch bin und wie mir der Lärm der Welt auf die Nerven geht. An diesem Ort, an dem ich keine Wurzeln habe, fühle ich mich meiner Mutter plötzlich wieder auf ganz eigenartige Weise nah. Weil auch sie ein Naturmensch war und die Berge geliebt hat. Könnte man diesen Prozess Neuverwurzelung nennen? Sein »Haus« im übertragenen Sinne an einem anderen Ort wieder aufbauen? Ich weiss, dass es möglich ist. Die Parma hat es mir zugeflüstert, in gurgelnden Geräuschen mitten in der Nacht. Hier kann ich mir plötzlich vorstellen, eigene Kinder grosszuziehen und mit ihnen die Wälder zu durchstreifen. Mit meinen Freundinnen und deren Kindern herzukommen und Kastanien zu sammeln. Corniglio ist ein Kraftort geworden. Ein Ort, wo sich meine kleine verlorene Seele neu behaust hat.

Unveröffentlicht

Holunderblütennachmittage 

Vor dem Blumenbeet knie ich mich nieder. Jemand hat Malven gepflanzt. Ich nehme einen Erdklumpen, zerreibe ihn mit den Fingern. Die trockene Erde fühlt sich angenehm kühl an. Es ist die Erde, in die ich hineingeboren wurde. Es ist aber auch die Erde, in der meine Eltern begraben liegen. Das Massaker Leben hat ihnen zugesetzt. Ein schmaler Pfad aus Steinplatten führt ans andere Ende des Gartens. Ich gehe ihn entlang. Langsamen, bemessenen Schrittes. Es ist Oberwind, verkündet meine Grossmutter, als müsste ich genau wissen, was das bedeutet. Sie ist eine Zeichenleserin. Seit ich denken kann, sagt sie das Wetter anhand der Wetterfahnen auf dem Kirchturmdach voraus.

„Bekommst du jetzt kein Heimweh?“, fragte Mutter, wenn ich sie aus dem fernen Südostasien anrief und die Glocken der Kirche schlagen hörte. Die viertelstündlichen Zeitangaben per Glockenschlag bedeuteten mir nie allzu viel. Die Pfarrerstochter mit den Sommersprossen und dem Moskitonetz war meine Freundin, obwohl sie mir in allem überlegen war. Sie war eine Art weiblicher Piratenkönig. Vielleicht wegen dem tansanischen Impfausweis, der ihre Geburt auf dem exotischen Kontinent verbürgte. Abenteuerliche Leben, die abenteuerlich beginnen. Wegen dem weissen Streifen in ihren Haaren – ein Pigmentfehler. Oder ihren Stofftieren: Dem weissen Panther und der Zitronenmaus vor der Abfahrt in die Italienferien – die Insel lockt, ein Ferienhäuschen mit Plumpsklo und Tanz auf dem Kraterrand.

Die Eremitin, die sagt, es kommt nicht darauf an, was einem das Leben gibt, sondern was man daraus macht. Meine Achtung vor der Freundin könnte größer kaum sein. Mit vier hat sie mir das Schaukeln beigebracht. Mit 18 floh sie aus der Enge der Dorfgemeinschaft. Ich bin geblieben. Mit dem Tod meiner Mutter ging ein Auftrag zu Ende.

Ich habe mir nichts sehnlicher gewünscht als eine Schaukel unter dem Zwetschgenbaum. Doch der Baum war zu morsch, hieß es. Arbeit war wichtig. Gute Gastgeber, das waren meine Eltern. Verhätschelte Hunde haben sie genauso fraglos akzeptiert wie verhätschelte Kinder oder wilde Jugendliche. Nichts Menschliches war ihnen fremd –  er, die Liebe meines Lebens, erkennt die Unschuld in meinen Augen. Die Unschuld, die vielleicht nur an einem Ort wie diesem entstehen kann.

Ich habe das Boot geliebt, das meine Eltern besaßen. Zusammen mit dem pinkfarbenen, aufblasbaren Delfin. Meine Eltern haben immer verstanden, dass es Kinder ans Wasser zieht. Faule, sonnige Sonntage auf dem See. Nein, ich habe nie auf dem Kraterrand getanzt, dafür aber mit meinem pinkfarbenen Delfin jede Welle geritten. Oder dann habe ich vorne auf dem Boot gesessen und meine Zehen gezählt. Jemand hat eine Häuschenschnecke an den Holzverschlag gemalt – mit wasserfester Farbe. Seit Jahren lacht die Schnecke mir zu, so wie auch der Gartenzwerg mir schelmisch zuzwinkert.

Später war der Sonntag der hektischste Tag der Woche. Am Sonntag stand das Adrenalin hoch. Da wurde Eis verkauft, Hamburger, Hotdogs … ich kann die Speisekarte heute noch auswendig. Darf ich stolz sein? Ich dürfte es. Während andere Familien an sonntäglichen Holunderblütennachmittagen um den Gartentisch gesessen, Kuchen gegessen und Sirup getrunken haben, waren unsere Sonntage vor allem mit Arbeit angefüllt.

Das Holz ist morsch geworden. Der einzige Baum, der noch steht, ist der Baum, dem ich meine Geheimnisse anvertraut habe. Der Nebel dieser Landschaft im Herbst, die Berge von Zuckerrüben, die bald in die nahe Zuckerfabrik überführt werden – das alles rührt mich an. Ich gehöre in diese Erde, sie hat sich in mich eingeschrieben. Doch ich bin eine Vertriebene. Wenn ich gekonnt hätte, wäre ich geblieben. Für immer.

„Irgendwo muss man seine Wurzeln ja angeben“, sagt die lebenskluge kleine Frau mit dem grünen Band im Haar. Auch sie hat Abschiede erlebt. „Bleibst du bei mir?“, frage ich ihn, und ich meine damit nicht die Dinge, die einem in der Zähigkeit eines grauen Alltags zustoßen können, Geschichten von Fremdgehen oder Fremdlieben. Der Sensenmann ist auf Heimurlaub in der Südsee, sagt er. Der Sonntag ist der Familientag, hätte es sein sollen. Dass er es nicht war, hatte seine Gründe. Aber es gibt keinen Grund, warum er es nicht sein könnte.

Erschienen in: Dreiundsechzig, Kameru Verlag

 

Von Räumen, die es zu besetzen gilt

Eine Frau mit einem grünen Kopftuch sitzt ganz allein im hinteren Teil eines Kairener Kaffeehaus und raucht Wasserpfeife, während sie Zeitung liest. Ich liebe dieses Stoische an ihr. Die Gelassenheit, die sie ausstrahlt. Die Tische rund herum sind mit Männern besetzt, die ihren Kaffee trinken, manche spielen «Tawla», das ägyptische Backgammon. Ich spüre eine Bewunderung für diese Frau, dafür, dass es ihr offenbar gelingt, sich in dieser Männerwelt zu behaupten. Ich möchte gern mehr über diese Frau erfahren, was sie arbeitet, wie sie mit diesen patriarchalen Strukturen umgeht. Ich möchte mit ihr ins Gespräch kommen, sie kennen lernen. Es ist eine Tatsache, dass es in den meisten von Kairos Kaffeehäusern keine Damentoilette gibt. Frauen sind nicht vorgesehen in diesen Zentren der ägyptischen Kultur, wo sich das öffentliche Leben abspielt. «Ein Kaffeehaus ist in Kairo zugleich Büro, Informationsbörse, literarisch-politischer Salon, Ankerpunkt der Menschen im grossstädtischen Mikrokosmos sowie Arbeitsplatz für allerlei fliegende Händler und Dienstleister», beschreibt es Reinhard Hesse in einem «Merian»-Artikel. Ich fasse den Mut und setze mich an einen der kleinen Tische, wobei ich jedoch darauf bedacht bin, einen der äusseren Tischreihen zu wählen, nahe bei den Passanten auf dem belebten Tahrir Platz. Jederzeit fluchtbereit, und das am helllichten Nachmittag.

Ganz offensichtlich nimmt sich die Frau im grünen Kopftuch, die gerade mit einer kurzen und energischen Handbewegung beim Kellner einen zweiten Kaffee bestellt, gewisse Freiheiten heraus, mit denen ich Mühe bekunde. Freiheiten, für die ich nicht zu kämpfen gewohnt bin, die dort, wo ich herkomme, als ganz selbstverständlich erscheinen. Natürlich ist mir klar, dass es Frauen vor mir gegeben hat, die das für mich erledigt haben. Ich denke da zum Beispiel an Nadeschda Suslowa, die erste Studentin an der Universität Zürich, ich denke an all die Politikerinnen, die sich in einer männerdominierten Sphäre zurechtfinden müssen, ich denke an Angela Merkel, die sich auf dem europäischen Politparkett bewegt und ganz bescheiden das ist, was sich irgendwie niemand auszusprechen traut: Die mächtigste Frau Europas, neben der Männer wie Nicolas Sarkozy oder Silvio Berlusconi wie Kasperlis wirken. Hat sie sich daran gewöhnt, immer die einzige Frau zu sein? Fühlt sie sich manchmal einsam an den Staatsempfängen, und fühlt sie sich nicht noch viel einsamer, wenn sie die Tafel mit Frauen wie Carla Bruni teilt, die bestenfalls Décor sind für die angegrauten Mächtigen in ihren braven Anzügen? Aber vielleicht geht es ihr ja auch ganz gut dabei als «Hähnin im Korb», der «Hahn im Korb», also der einzige Mann unter lauter Frauen zu sein, ist als Redewendung ja nicht negativ besetzt, im Gegenteil sogar eher positiv. Es bedeutet, eine Sonderstellung einzunehmen, vielleicht sogar ein bisschen verwöhnt, bemuttert oder umgarnt zu werden. Die Akzeptanz jedenfalls wird nie in Frage gestellt. Aber «Hähninnen» gibt es nun mal nicht.

Dass es keine «Hähninnen» gibt, weiss Sayed sehr gut. Sayed ist dort, wo ich wohne, auf der kleinen Insel im Nil, zuständig für die Hühner des kleinen Hobbybauernhofs, den sich unsere Hausbesitzer leisten. Vielleicht hundert Hühner lässt er täglich aus dem Hühnerstall und dann gackern sie vergnügt auf unserer Wiese, die frechsten wagen sich bis auf unseren Vorplatz. Zu den hundert Hühnern gehören drei Hähne, die sich mit ihrem mächtigen Kamm und Gefieder rein physisch deutlich von den Hühnern unterscheiden. Hier am Nil leben wir sehr nahe an der Natur, was auch bedeutet, dass wir regelmässig vom lauten Krähen der Hähne geweckt werden. Mein Mitbewohner kann den Klang des einen Hahns so gut nachahmen, dass wir regelmässig Tränen lachen. Denn nach drei Monaten auf einer Hühnerfarm muss selbst ich, die sich nie besonders für Tiere interessiert hat, einräumen, dass jeder der Hähne eine individuelle Krähmelodie hat. Besagter Hahn jedenfalls kann gar nicht richtig krähen, der Ton bleibt ihm regelrecht im Hals stecken und vielleicht ist gerade das der Grund, warum er das mit dem Krähen einfach nicht lassen kann.

Ein aufmüpfiges Huhn sein, das möchte ich. Warum bin ich jedoch eines, das weit weg vom Haus seine Würmer pickt, weit weg von der potentiellen «Gefahrenquelle»? Diese unsichtbare Grenze zu überschreiten, das interessiert mich, deshalb zieht es mich auch immer wieder allein in Arabische Länder, obwohl ich ganz genau weiss, dass eine allein reisende Frau in der Arabischen Kultur schon fast eine Provokation darstellt, zumindest etwas ist, wofür es keine Kategorien gibt. Die Mutprobe daran interessiert mich. Und auch da wieder muss ich an meine historischen Vorbilder denken. Isabelle Eberhardt beispielsweise, die sieben Jahre lang Algerien, Tunesien und Marokko bereist und darüber geschrieben hat und sich teilweise sogar als Mann ausgegeben hat. Doch mich als Mann ausgeben, das kann ich nicht. Und ganz ehrlich gesagt will ich es auch nicht.

Aber natürlich habe auch ich mich angepasst. Nach einem schlechten Erlebnis mit einem Taxifahrer bin ich schnurstraks ausgezogen auf den Khan-el-Khalili-Markt, um mir einen Ehering zu kaufen, obwohl ich nicht verheiratet bin. Meine Mitbewohnerin hat mich begleitet. Es ist ein einfacher Silberring, «weissgold», meint sie scherzhaft und wir lachen. Irgendwie ist es lustig, und dann auch wieder nicht. Sie, die Mitbewohnerin, erlebt es anders. Sie ist mit ihrem Freund gekommen, bewegt sich im öffentlichen Raum fast nur mit ihm. Wird in Ruhe gelassen, zumindest einigermassen. Ich hingegen bin Freiwild. Die jungen Männer pfeifen, schnalzen oder zischen mir hinterher, obwohl ich immer darauf bedacht bin, selbst im heissesten Monat August, meine Schultern zu bedecken und lange Jeans zu tragen. Ganz allein das erste Taxi zu besteigen war ein muttechnischer Kraftakt. Schliesslich weiss ich nie, an was für einen Mann ich gerate. Nur dass ich an einen Mann gerate, ist sicher. Mir ist bewusst, dass das als Mann sehr schwierig zu verstehen sein muss. Es hat damit zu tun, dass man als Frau einem Mann sehr schnell ausgeliefert sein kann. Es ist etwas ganz Grundlegendes. Schliesslich ist es er, der penetriert, und nicht sie.

Später macht es mir nichts mehr aus, Taxis zu benutzen, ja es wird mir sogar zur lieben Gewohnheit. Ich lerne etwas Arabisch und bin bald schon fähig, rudimentäre Dialoge mit meinen Fahrern zu führen. Die Sprache bietet mir Schutz, denn ich werde jetzt im weitesten Sinne als «eine von ihnen» angesehen. Gleichzeitig fällt aber auch noch die letzte Barriere, jeder zweite Taxifahrer will mich heiraten, natürlich sind die Anträge nicht immer ganz ernst gemeint, ich habe viel gelacht während all dieser Taxifahrten und die Fahrer ganz schamlos als meine Arabischlehrer missbraucht. Genau wie der Gockel, der nicht krähen kann, probieren sie es halt einfach mal. Vielleicht funktioniert’s ja. Und trotzdem: Die ständige Grenzziehung ermüdet mich. Ich muss meine Grenzlinien selbst ziehen, von alleine werden sie nicht respektiert, sie werden nicht erspürt oder erfühlt, und ich frage mich ganz grundsätzlich, warum das so sein muss. Warum hier nicht sensibler mit Grenzen umgegangen wird. Warum ich ständig das Gefühl habe, bedroht zu sein und mich schützen zu müssen. Oder ist das nur mein eigener Eindruck? Bin ich paranoid?

Vieles läuft über die Gewohnheit. Als ich Besuch von Freundinnen bekomme, traue ich mich mit ihnen als Schützenhilfe in ein Kaffeehaus, in dem nur Männer sitzen. Später, als die Freundinnen wieder abgereist sind, gehe ich auch alleine hin. Die Angestellten erkennen mich wieder, grüssen mich, man wechselt ein paar Worte. Ich gehe vor Anker. Besetze einen Raum. Was hindert mich eigentlich daran, gewisse Räume zu besetzen? Ich weiss, dass es Angst ist. Aber die Angst wovor?

Natürlich hat es mit dem Gefühl des Fremden zu tun. Nicht nur gegenüber der fremden Sprache und Kultur, sondern vor allem die Fremdheit gegenüber männlichen Verhaltensweisen. Die männliche Aneignung des Raums ist mir fremd. Denn es ist nicht nur der Mann, der penetriert, er ist auch rein physisch immer stärker als die Frau. Wenn er will, kann er sich nehmen, was er braucht. Ich denke an meine eigene Physiognomie und wundere mich, schliesslich war ich nie zart gebaut, ich bringe siebzig Kilo auf die Waage seit ich in der Pubertät war, zudem bin ich vielleicht nicht stärker, aber zumindest grösser als mancher Mann. Wie müssen sich Frauen fühlen, die Männern körperlich noch eindeutiger unterlegen sind als ich? Und natürlich komme ich auch ungeschützt, und das meine ich jetzt rein kleidertechnisch, schliesslich trage ich kein Kopftuch, habe mich auch nie dazu durchringen können, eines zu tragen, auch weil uns gesagt wurde, man würde damit in erster Linie den Hohn und den Spott der Ägypterinnen auf sich ziehen. Ich glaube auch nicht, dass dieses Tuch in meiner Situation Wunder gewirkt hätte, ich sehe nicht ägyptisch aus, das ist nun mal eine Tatsache. Mit der Zeit habe ich jedoch den Kleiderstil der jungen Ägypterinnen nachzuahmen versucht, habe lange Kleider zu tragen begonnen, die mit einem langärmligen Top kombiniert werden. Es sieht modisch aus, und zeigt doch keinen Millimeter Haut. Dass ich deshalb weniger angemacht worden wäre, kann ich nicht behaupten. Und trotzdem hat es einen Unterschied gemacht, wahrscheinlich eher bei mir selbst. Es war so ein Gefühl, aufrechter zu gehen. Stolzer irgendwie.

Kann die einzige Waffe gegen Grenzüberschreitungen also nur der eigene Stolz sein? Ein interessanter Gedankengang, den ich mir so noch nie gemacht habe. Und niemand würde abstreiten, dass die Ägypterinnen, vielleicht allgemein die arabischen Frauen, etwas Stolzes an sich haben, das aber niemals in Überheblichkeit mündet. Und nun denke ich wieder an die Frau im grünen Kopftuch zurück. Wie Isabelle Eberhardt in ihren Männerkleidern passt auch sie sich mit der Kleidung dem Herrschaftssystem an, um sich mehr Freiheiten herausnehmen zu können. Doch es ist nicht nur das. Habe ich in ihrer Haltung  Gelassenheit gesehen, ohne den Stolz zu erkennen? Ich glaube daran, dass das Kopftuch in ihrem Fall eine Art Schutzschild ist, das ihr selbst ein besseres Gefühl gibt. Sie selbst geht damit aufrechter durch die Strassen. Dadurch, dass sie nicht alles zeigt, bleibt  Spielraum für Geheimnis, es ist ihr Raum und nur ihrer, den nur sie besetzt. Demnach wäre das Kopftuch kein Instrument der Grenzziehung, sondern ein Instrument, das Räume öffnet, sich selbst mehr wert zu geben und das auch nach aussen zu tragen.

Erschienen im Papyrus Magazin

 

Die Unaufgeregte

Winterthur ist keine City, sondern eine Town. Eine typische Town mit einer intakten Altstadt, einem Pub und dem Gemüsetürken. Alles ist da, aber nichts existiert im Überfluss. Überhaupt gibt es in Winterthur ganz objektiv betrachtet nicht viel zu sehen. Keine Burg, kein Barockschloss, keine Kirche mit einem überdimensionierten Zifferblatt, keinen See, dessen Oberfläche verführerisch in der Sonne glitzern würde wie in Zürich. Die einzige Sehenswürdigkeit – obschon es die WinterthurerInnen nie als solche bezeichnen würden – ist das Stadthaus, ein Repräsentationsbau des Architekten Gottfried Semper. Als Wahrzeichen hinter vorgehaltener Hand könnte allenfalls noch der riesige hölzerne Mann in der Platanenallee hinhalten, mit seinem ebenso riesigen Gemächt. In Winterthur zeigen nur der Holzmann und die Statuen im Stadtpark, was sie wirklich zu bieten haben.

Winterthurs Schönheit erschliesst sich dem wachsamen Auge erst auf den zweiten Blick. Im Frühling zum Beispiel, wenn die Kirschbäumchen an der Agnesstrasse in ihren rosafarbenen Blüten stehen – man kann sich kaum satt sehen an der Farbenpracht. Doch anders als während der Kirschblütenzeit in Tokio zelebrieren es die WinterthurerInnen nicht, sie setzten sich nicht darunter und halten ein Picknick ab, sondern geniessen es im Stillen, laben sich an der Schönheit des Anblicks, wenn sie durch Zufall mit dem Velo daran vorbeifahren. Und kaum hat die Nachricht über die Kirschblütenzeit die Runde gemacht, ist diese auch schon wieder vorbei. Winterthur ist heimlich schön. Wenn Wien die Frau ist, die viel Make-up aufgetragen hat, ist Winterthur die Frau, die ein schwarzes hochgeschlossenen Kleid trägt, das nichts zeigt und doch alles erahnen lässt.

Eine Stadt mit Geheimnissen… und während man in anderen Städten Barockschlösser oder Zarenpaläste besichtigt, führt man Besucher hier in die beschauliche Neustadtgasse. Dort steht das kleinste bewohnte Haus, das jedoch kaum mehr Platz bietet als eine Einzimmerwohnung. Anschliessend zeigt man den Gästen von auswärts noch die Arbeiterhäuser an der Jägerstrasse, die einst nach dem Vorbild der Cottage-Häuser in Liverpool erbaut wurden. Die Häuser sind  kleiner als eine durchschnittliche 2,5-Zimmer-Wohnung. Und doch: Es sind Häuser aus Backstein und Beton, sie haben alles, was ein Haus zu einem Haus macht. Ein Gartentor. Einen Vorgarten. Wohnraum auf zwei Etagen sowie auf der Rückseite des Hauses ein Gemüsebeet. Keine andere Stadt schickt sich so lustvoll in ihre Kleinheit wie Winterthur.

Doch die Stadt – man muss es sagen – hatte nicht immer den besten Ruf. «Dort gibt es ja nur schlotende Kamine!», rief meine Mutter vor vierzig Jahren aus, als sie – die naturverbundene Bündnerin – meinen Vater kennenlernte. Damals, in den 70er Jahren, galt Winterthur als die grösste Industriestadt der Schweiz. Sechzig Prozent der arbeitenden Bevölkerung war in der Maschinenindustrie tätig. In riesigen Hallen wurden Schiffsmotoren hergestellt, Antrieb grosser Frachtschiffe, die sich anschickten, über die Weltmeere zu stampfen. Der industrielle Fortschritt hielt Einzug, die Welt beschleunigte sich und hier gab man Impulse dafür, ohne daran teilzunehmen. Die Arbeiter gingen im blauen Overall zum Feierabendbier und um 18 Uhr nach Hause. Schliesslich mussten sie am nächsten Tag in aller Herrgottsfrühe wieder am Fliessband stehen. Anderswo auf der Welt profitierte man vom Fortschritt. In Winterthur wurde er erarbeitet.

Inzwischen ist der Russ von den Dächern gewichen, der Rauch abgezogen, sind die Kamine eingestampft. Die leer stehenden Hallen im ehemaligen Industriequartier wurden von kreativen Köpfen vielfältig umgenutzt. In nur dreissig Jahren hat sich Winterthur von der Arbeiter- zur Studentenstadt gewandelt. Hier hat die ZHAW ihren Sitz, die grösste mehrspartig geführte Fachhochschule der Schweiz. Das Technikum ist vielleicht noch deren Aushängeschild, aber mittlerweile sind auch angehende Hebammen, PhysiotherapeutInnen, ÜbersetzerInnen, ja sogar LinienpilotInnen eingeschrieben. Winterthur ist eine Akademikerschmiede ohne den Pomp eines Cambridge oder Oxford, denn die Stadt hat keine Gelehrten-Vergangenheit, sondern weiss, dass sie ihren Erfolg allein dem Schweiss und der Muskelkraft zu verdanken hat.

Auch Feier und Genuss sind in Winterthur keine Fremdkörper mehr. Das Leben geniessen – das ist neu für die hiesige Seele mit ihrem hohen Arbeitsethos. Die WinterthurerInnen halten sich erstaunlich gut darin. Mit den Afro-Pfingsten, den Musikfestwochen und den Kurzfilmtagen beherbergt die Eulachstadt drei Festivals mit internationaler Ausstrahlung. Ausserdem bietet Winterthur 18 Museen eine Heimat, nicht wenige davon befinden sich in Privatbesitz. Hier kann man hemdsärmelig durch altehrwürdige Museen schlendern, ohne dabei schräg angeschaut zu werden. Keine Stadt verkörpert so schön, dass Büezermentalität und ein Sinn fürs Schöne sich nicht gegenseitig ausschliessen müssen. Ja tatsächlich: Winterthur ist eine Insel. Die Insel der Glückseligkeit. Und trotzdem sollte man von Zeit zu Zeit die Sicherheit ihrer fest gesteckten Küste aufgeben und aufbrechen – immer dem Horizont entgegen. Für Menschen mit dem Mut aufzubrechen ist Winterthur ein guter Ort, ihr Leben zu verbringen. Ein sehr guter Ort.

Erschienen in: 750 Wörter, Zeichen, Jahre

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