Emanzentiraden

Hähninnen gibt es nun mal nicht

Eine Frau mit einem grünen Kopftuch sitzt ganz allein im hinteren Teil eines Kairener Kaffeehaus, raucht Wasserpfeife und liest die Zeitung. Ich liebe dieses Stoische an ihr. Die Gelassenheit, die sie ausstrahlt. Die Tische rund herum sind mit Männern besetzt, die ihren Kaffee trinken, manche spielen «Tawla», das ägyptische Backgammon. Ich spüre eine Bewunderung für diese Frau, dafür, dass es ihr offenbar gelingt, sich in dieser Männerwelt zu behaupten. Ich möchte gern mehr über diese Frau erfahren, was sie arbeitet, wie sie mit diesen patriarchalen Strukturen umgeht. Ich möchte mit ihr ins Gespräch kommen, sie kennen lernen. Es ist eine Tatsache, dass es in den meisten von Kairos Kaffeehäusern keine Damentoilette gibt. Frauen sind nicht vorgesehen in diesen Zentren der ägyptischen Kultur, wo sich das öffentliche Leben abspielt. «Ein Kaffeehaus ist in Kairo zugleich Büro, Informationsbörse, literarisch-politischer Salon, Ankerpunkt der Menschen im grossstädtischen Mikrokosmos sowie Arbeitsplatz für allerlei fliegende Händler und Dienstleister», beschreibt es Reinhard Hesse in einem «Merian»-Artikel. Ich fasse den Mut und setze mich an einen der kleinen Tische, wobei ich jedoch darauf bedacht bin, einen der äusseren Tischreihen zu wählen, nahe bei den Passanten auf dem belebten Tahrir Platz. Jederzeit fluchtbereit, und das am helllichten Nachmittag.

Ganz offensichtlich nimmt sich die Frau im grünen Kopftuch, die gerade mit einer kurzen und energischen Handbewegung beim Kellner einen zweiten Kaffee bestellt, gewisse Freiheiten heraus, mit denen ich Mühe bekunde. Freiheiten, für die ich mir nicht gewohnt bin zu kämpfen. Natürlich ist mir klar, dass es Frauen vor mir gegeben hat, die den Grenzgang gewagt haben. Ich denke da zum Beispiel an Nadeschda Suslowa, 1866 die erste Studentin an der Universität Zürich, ich denke an Katharina Zenhäusern, die 1957 als erste Frau in der Schweiz eine Stimmkarte in die Urne legte. Oder an Erna Fischbacher, die erst letztes Jahr als erste Frau am Eidgenössischen der Fahnenschwinger teilgenommen hat. Männliche Sphären zu besetzen und «Hähnin im Korb» zu sein macht mir irgendwie Angst. Der «Hahn im Korb», also der einzige Mann unter lauter Frauen zu sein, ist als Redewendung hingegen sogar eher positiv besetzt. Es bedeutet, eine Sonderstellung einzunehmen, vielleicht sogar ein wenig verwöhnt, bemuttert oder umgarnt zu werden. Die Akzeptanz jedenfalls wird nie in Frage gestellt. Aber «Hähninnen» gibt es nun mal nicht.

Dass es keine «Hähninnen» gibt, weiss Sayed sehr gut. Sayed ist dort, wo ich wohne, auf der kleinen Insel im Nil, zuständig für die Hühner des kleinen Hobbybauernhofs, den sich unsere Hausbesitzer leisten. Vielleicht hundert Hühner lässt er täglich aus dem Hühnerstall und dann gackern sie vergnügt auf unserer Wiese, die frechsten wagen sich bis auf unseren Vorplatz. Zu den hundert Hühnern gehören auch drei Hähne, die sich mit ihrem mächtigen Kamm und Gefieder rein physisch deutlich von den Hühnern unterscheiden. Hier am Nil leben wir sehr nahe an der Natur, was auch bedeutet, dass wir bei Tagesanbruch regelmässig vom Krähen der Hähne geweckt werden. Mit der Zeit kann mein Mitbewohner den Klang des einen Hahns so gut nachahmen, dass wir Tränen lachen. Und das, obwohl der Gockel gar nicht richtig krähen kann. Der Ton bleibt ihm regelrecht im Hals stecken.

Die hühnertechnische Vielweiberei vor unserem Haus finde ich irgendwie nett, doch die verbalen Belästigungen herumstreunender Männer gehen mir auf die Nerven und ich beschliesse, dass es nicht schlecht wäre, wenigstens den Anschein zu erwecken, als würde ich zu jemandem gehören. Schnurstracks ziehe ich aus auf den Khan-el-Khalili-Markt, um mir einen Ehering zu kaufen. Meine Mitbewohnerin begleitet mich. Es ist ein einfacher Silberring, «weissgold», meint sie scherzhaft und wir lachen. Irgendwie ist es lustig, und dann auch wieder nicht. Sie, die Mitbewohnerin, erlebt es anders. Sie ist mit ihrem Freund gekommen, bewegt sich im öffentlichen Raum fast nur mit ihm. Wird in Ruhe gelassen, zumindest einigermassen. Ich hingegen bin Freiwild. Die jungen Männer pfeifen, schnalzen oder zischen mir hinterher, obwohl ich immer darauf bedacht bin, selbst im heissesten Monat August, meine Schultern zu bedecken und lange Jeans zu tragen. Ganz allein das erste Taxi zu besteigen war ein muttechnischer Kraftakt. Schliesslich weiss ich nie, an was für einen Mann ich gerate. Nur dass ich an einen Mann gerate, ist sicher.

Später macht es mir nichts mehr aus, Taxis zu benutzen, ja es wird mir sogar zur lieben Gewohnheit. Ich lerne etwas Arabisch und bin bald schon fähig, rudimentäre Dialoge mit meinen Fahrern zu führen. Die Sprache bietet mir Schutz, denn ich werde jetzt im weitesten Sinne als «eine von ihnen» angesehen. Gleichzeitig fällt aber auch noch die letzte Barriere, jeder zweite Taxifahrer will mich heiraten, natürlich sind die Anträge nicht immer ganz ernst gemeint. Genau wie der Gockel vor unserem Haus, der nicht krähen kann, probieren sie es einfach mal. Vielleicht klappt es ja. Und trotzdem: Die ständige Grenzziehung ermüdet mich. Ich muss meine Grenzlinien selbst ziehen, von alleine werden sie nicht respektiert, sie werden nicht erspürt oder erfühlt, und ich frage mich ganz grundsätzlich, warum hier nicht etwas sensibler mit Grenzen umgegangen wird.

Mit der Zeit beginne ich mich auch äusserlich anzupassen. Ich möchte zwar nicht soweit gehen und ein Kopftuch tragen, doch ich ahme den Kleiderstil der jungen Ägypterinnen nach: Ein langes Kleid, darunter ein langärmliges Top. Es sieht modisch aus und zeigt doch keinen Millimeter Haut. Bereits diese kleine Veränderung macht einen Unterschied. Es ist das Gefühl, aufrechter zu gehen. Stolzer irgendwie. Ist die einzige Waffe gegen Grenzüberschreitungen der eigene Stolz? Niemand würde abstreiten, dass die Ägypterinnen etwas Stolzes an sich haben, das aber niemals in Überheblichkeit mündet. Und nun denke ich wieder an die Frau im grünen Kopftuch zurück. Habe ich in ihrer Haltung Gelassenheit gesehen, ohne den Stolz darin zu erkennen? Mit dem Kopftuch passt sie sich dem Herrschaftssystem an, um sich mehr Freiheiten herauszunehmen. Doch vielleicht ist das Kopftuch auch eine Art Schutzschild. Die Identifikation als Muslima lässt sie aufrechter durch die Strassen gehen. Dadurch, dass sie nicht alles zeigt, selbst aber alles sieht, kann sie sich ihren ureigenen Raum bewahren. Es ist ihr Raum und nur ihrer, den sie ganz allein besetzen kann.