Emanzentiraden

Einssein um jeden Preis


Die Veloroute Nummer 45 (Wyland-Downtown) von Veloland Schweiz hat früher direkt an meinem Haus vorbeigeführt. Im Sommer sind sie jeweils in Scharen vorüberpedalt – stille Einzelkämpfer im Velotrikot nach dem Feierabend, gemächlich in die Pedale tretende Eltern mit ihren wild strampelnden Kindern übers Wochenende. Als wahre Chillerin fläze ich mich im Gartenstuhl und schenke den Freizeit-Radlern kaum Beachtung. Nur auf Paaren mit Tandemvelos verweilt mein Blick etwas länger. Fröhlich und selbstzufrieden lustwandeln sie des Wegs und sind dabei vor allem eins: Ja eben eins.

Einssein um jeden Preis – ist das wirklich sogar noch auf dem Velo erstrebenswert? Eine Vespa ist cool, ein Tandemvelo sieht lächerlich aus – wobei Lächerlichkeit im Doppelpack den Effekt noch potenziert. Die Feministin in mir meldet sich mit Furor: Ein Tandem ist Aufgabenverteilung auf gleicher Augenhöhe! Ganz im Unterschied zu einem Motorrad oder einer Vespa, wo der vorne bestimmt, wo’s langgeht. Achtung Denkfehler: Auch beim Tandem bestimmt einer, wo’s langgeht. Und der hinten muss trotzdem seinen Beitrag leisten. Gleiche Pflichten, aber nicht die gleichen Rechte. Da macht es sich die Pantoffelheldin doch viel lieber hinten gemütlich und legt die Beine hoch. Soll sich doch der andere abstrampeln! Weck mich, wenn wir angekommen sind.

Schlitz-Neid

Ich wollte schon länger etwas über meine Empörung betreffend Männerslips mit Seitenschlitzen schreiben, aber die Römerin hat mir mangels schlüssiger Argumentation dringend davon abgeraten. Nun, zuerst wollte ich mich ja über das Bild toxischer Männlichkeit auslassen, das der Schlitz verkörpert. Im Stehen pinkeln, rülpsen und von Gott gegeben sein. Als nächstes wollte ich mit seiner designtechnischen Zwecklosigkeit argumentieren. Was, bitteschön, soll dieser Schlitz in der Unterhose eigentlich? Braucht ihn irgendjemand? Mindestens zwei Männer in meinem Umfeld finden ihn ungefähr so nützlich wie der Blinddarm im menschlichen Organismus. Trotzdem gibt es erstaunlich viele, die ihn als «praktisch» verteidigen. Er ist bestimmt praktisch gemeint – aber ob er auch praktisch ist?

Auf Umwegen komme ich zu Pudels Kern. Ich gestehe: Ich habe Schlitzneid. Während die Männer ihren praktischen Schlitz im Slip haben, obwohl er bei Lichte betrachtet absolut nicht nötig ist – das Herunterlassen der Hose bis auf Hüfthöhe dauert nun wirklich kurz genug! – wartet die Frau immer noch auf das Redesign des BHs. Hier würde Handlungsbedarf bestehen! Am Büstenhalter scheint nicht nur der Name veraltet, sondern gleich das ganze Design. Die Häkchen, die beim Liegen in den Rücken pieksen, weisen auch nach hundert Jahren BH-Geschichte noch zu viel Parallelen mit dem freiheitsberaubenden Korsett von früher auf. Ich kenne genug Frauen, die sich ihres BHs entledigen, kaum sind sie in den eigenen vier Wänden.

Während wir Frauen uns also mit einem Kleidungsstück begnügen müssen, das einschneidet und einschränkt, ist der Weg zur luftigen Freiheit bei Männerslips so kurz ist wie ein Atemzug. Frauen, es ist wieder an der Zeit. Verbrennt eure BHs! In diesen innovativen Zeiten ist das Überdenken eines Klassikers wirklich nicht zu viel verlangt.  

Die sieben Zentimeter

Das mit dem Frausein ist so eine Sache. Auf unserem Weg zur vollkommenen Sinnlichkeit werden uns immer wieder Fallen gestellt. Die sieben Zentimeter beispielsweise. Ab sieben Zentimeter sind High Heels nämlich offiziell High Heels. In Stöckelschuhen fühlen sich Frauen selbstbewusst und weiblich. Weil Frauen auf hohen Schuhen durch die Landschaft schaukeln, jedem Kanaldeckel ausweichen und dabei immer noch souverän lächeln sollten, sind sie manchmal ganz froh, ab und an einen Mann an ihrer Seite zu wissen, an dessen Arm sie sich ein wenig unterhaken können. High Heels scheinen nie eine falsche Wahl zu sein, auch nicht auf einer schneebedeckten Strasse in einem Schweizer Wintersportort. Die Szene, dessen Zeuginnen wir Amazonen in jener Neujahrsnacht werden: Zwei Liebespaare stehen am Strassenrand und warten auf ein Taxi, die Damen sind zurechtgemacht und tragen doch – Sie erraten es – High Heels. Wir schauen uns ungläubig an, so viel Dummheit macht uns sprachlos. «Diese Frauen können heute Abend tatsächlich keinen einzigen Schritt alleine tun», sage ich in das Schweigen hinein. Die Römerin antwortet: «Was denkst du denn, die haben VIP-Eintritte in einen angesagten Club. Die müssen heute gar nicht mehr auf die Strasse.» Nicht so wie wir, die in Silversternächten meistens noch bis kurz vor zwölf um die Häuser ziehen ohne zu wissen, in welche Säuferbar es uns dieses Mal verschlagen wird.

Wir stapfen also weiter durch den Schnee und finden tatsächlich noch ein warmes Plätzchen für den Moment des Champagnerknallens. Als die Uhr Mitternacht anzeigt, fallen wir uns stürmisch um den Hals, uns von ganzem Herzen alles Gute wünschend. Danach ist mir etwas feierlich zumute. Und anstatt meiner Weiblichkeit mit sieben Zentimeter hohen Absätzen Ausdruck zu verleihen, beschliesse ich, mir fünf süsse Zentimeter der etwas anderen Art zu gönnen. «Ich lasse mir jetzt am Automaten einen Taschenvibrator raus», verkünde ich meinen Freundinnen in feierlichem Tonfall und rutsche von meinem Barhocker. Auf ein vibrierendes neues Jahr!

Als ich den Automaten im Untergeschoss anpeile, stehen da bereits zwei Frauen, die sich angeregt unterhalten. Ich denke bereits daran, meine Mission auf später zu verschieben, weil ich mich ein klitzekleines bisschen geniere. Doch dann beschliesse ich, zu meinem Bedürfnis zu stehen und fasse mir ein Herz. ICH KAUFE MIR HEUTE NACHT EINEN VIBRATOR, wiederhole ich innerlich mein Mantra, füttere den Automaten mit zwei Fünfliberstücken, als ich feststellen muss, dass dieser Automat kein Rückgeld gibt. Anstatt acht Franken zahle ich deren zehn. Aber was soll’s, schliesslich ist heute Silvester und vielleicht ist meine Neuanschaffung ja eine echte Investition. Mit grösster Sorgfalt wähle ich die richtige Taste, schliesslich will ich kein Kondom, nein, ich will einen TOY BOY. Die zwei Frauen, die sich nun über meinen Kopf hinweg unterhalten müssen, nehmen keine Notiz von mir. Ohne Unterlass plappern sie weiter. Und gerade, als ich das Päckchen aus dem Fach nehmen und verduften will, kommt eine junge Frau die Treppe herunter und verkündet lautstark: «Dä muess huere geil si, mini Fründin hät dä glich!» Es war einer meiner aufregenderen Silvesternächte.