Cairo – mon amour

Die Hitze ist brüllend, und trotzdem fühle ich mich wie eine Art Pilz, der sich plötzlich in der für sein Organismus adäquaten Umgebungstemperatur befindet. Hier kann er wachsen und geheihen. Gleichzeitig bin ich Eva im dattelpalmenumsäumten Paradies, und Sayed (unser Nachbar), bringt uns die Früchte, die wir kosten, gleich auf dem Tellerchen vorbei.

Nach dem Einbruch der Dunkelheit bin ich der Zaungast, der von der Dachterrasse aus auf die kleine Welt unter sich blickt. Von den zwei kleinen, grün erleuchteten Moscheen der Insel dringen bis spät in die Nacht Gebetsrufe herüber, die Geräusche der Stadt sind nah, und doch fern. Ich bin mitten drin, und doch ausserhalb.

Nachts lege ich mich als die arabische Prinzessin schlafen, im Himmelbett mit dem Moskitonetz und den weissen Bettlaken träume ich den Traum von 1001 Nacht.

Meine Ankunft im Orient ist geglückt.

Yogische Verrenkung

Auf der Insel selbst gibt es nicht viel mehr als einige selbst zusammengezimmerte Backsteinhäuser, ein paar Ochsenkarren, ein paar Kinder mit verfilztem Haar und zwei Moscheen. Eine kleine Barke bringt die InselbewohnerInnen in einer einminütigen Fahrt von der verkehrsreichen Nilpromenade ans Ufer der Insel. Keiner verlässt hier die Insel, ohne dass ihn jemand dabei sehen würde. Ein paar einfache Bauern werden sich also daran gewöhnen müssen, dass eine dieser verrückten Künstlerinnen in der Villa for swiss artists jeden Morgen auf der Dachterrasse komische Verrenkungen macht… Morgenyoga mit Blick auf Ochsenpflug und Feldarbeit… ich kann nicht anders!

Eva II, Versuchungen

Verbannt wurde ich noch nicht, und trotzdem bin ich die Eva, die der Versuchung nicht widersteht. Aus Respekt vor dem Ramadan vermeide ich es, auf der Strasse zu trinken (erst recht zu essen) und erlebe in sehr bescheidenem Masse, was es  heisst, bei dieser Hitze keine Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Kaum bin ich wieder in meinen eigenen vier Wänden, werfe ich mein Schlabbergewand von mir und stürze zum Kühlschrank. Wasser, durchsichtiges Gold. Ein bisschen fühlt es sich an, als würde ich etwas Verbotenes tun.

Metro fahren im Frauenabteil oder die Hälfte beanspruchen

Ein besonderes Vergnügen in Kairo ist das Metro fahren im Frauenabteil. Es ist der einzige öffentliche Raum, wo Frauen unter sich sein können. Verirrt sich ein Mann ins Frauenabteil, wird er nicht selten mit Schimpf und Schande zum Teufel gejagt. Die Ägypterin – Opfer von Unterdrückung oder heimliche Herrscherin des Hauses? Kaum ein Thema ist wohl umstrittener, kaum ein Thema der ägyptischen Gesellschaft wurde so oft falsch verstanden. Tatsache ist: Die meisten Ägypterinnen, auch die ganz jungen, tragen ein Kopftuch, immer wieder sieht man auch Frauen mit Vollverschleierung und Handschuhen. Wie alt mag die Frau unter dem Niqab wohl sein? Dem Alter des Kindes nach zu urteilen, das sie an der Hand hält, noch keine vierzig. Sich mit ihr über den freien Sitzplatz zu verständigen, ist, als würde man mit einem Phantom reden. Eine ehrbare Frau, das sieht der Ägypter, die Ägypterin in ihr. Ich sehe Scham und Unterdrückung. Man sagt, dass sich der Entwicklungsgrad eines Landes an der Stellung der Frau ablesen lässt. Ist das Land am Nil also hoffnungslos rückständig? Im Gegenteil, sagen manche. Die Ägypterin gebe zu Hause den Ton an, trete selbstbewusst auf und springe sogar recht unzimperlich mit ihrem Mann um. Die Frage ist, was wir wollen. Aber wenn wir die Hälfte beanspruchen, gehört dazu auch der öffentliche Raum.  

Köpfchen

Etwas Faszinierendes an Ägypten ist die Fähigkeit der Leute, aus allem Geld zu machen. Immer finden sie einen Weg, noch ein paar zusätzliche Piaster zu verdienen. Ob es nun bedeutet, Touristen im islamischen Viertel verbotenerweise auf ein Minarett zu führen, jemanden im Auto über die Brücke mitzunehmen oder eine Zeitung zu «verleihen», bevor man sie anschliessend verkauft… Die Fantasie der Menschen kennt keine Grenzen. Was natürlich vor allem damit zu tun hat, dass viele Menschen unter dem Existenzminimum leben und wirklich ums Überleben kämpfen müssen. Hier kommt nur durchs Leben, wer Köpfchen hat.

et/2011