Am Hafen


The soup has ended

Schamvoll erinnere ich mich an mein Kinderzimmer zurück, das mit David H.-Postern zugekleistert war. David H. im Schaumbad, mit einer roten Rose zwischen den Zähnen. Wie unappetitlich. Seit damals haben sich meine Idole  verändert, heute bin ich eine Bewunderin von Prinzessin Rania von Jordanien. Weil sie sich als arabische Frau für Frauenrechte und Bildung einsetzt, weil sie intelligent ist, weil sie sich furchtlos mit den Mächtigen anlegt, und – ich gebe es zu – weil sie schön ist. Da werde ich natürlich besonders hellhörig, wenn meine Flughafen-Gspändli von Ranias Besuch in der VIP-Lounge berichten. Die Prinzessin hätte sich ein Süppchen gewünscht, doch dieses war bereits ausgegangen. Weil meine Kollegin sich nicht getraute, der Prinzessin dies zu beichten, nahm mein Kollege die Sache in die Hand. «Your majesty», sprach er sie an, «the soup has ended.»

Ich finde diesen Satz einfach grossartig. «The soup has ended». Das klingt so gewichtig und bedeutungsvoll. Es ist kein banales «die Suppe ist uns leider ausgegangen», es klingt, als wäre es ein bedeutendes Ereignis, ein grosser Moment der Weltgeschichte. Was würde ich dafür geben, mit meinem Idol so einen prinzessinenwürdigen Satz gewechselt zu haben! Die Tochter eines palästinensischen Arztes hat es mit einem Lächeln zur Kenntnis genommen. Sie ist eben eine Frau, die ganz genau weiss, wo sie ihre Prioritäten setzten muss. Wenn Prinzessinnen so sind wie Rania, will ich auch Prinzessin werden, wenn ich gross bin.

Erschienen im «Winterthurer Stadtanzeiger», 19.03.2013


Warum wir postpandemisch wieder reisen sollten

Ich werde mein Leben lang Nomade bleiben, verliebt in den wechselnden Horizont, in die unerforschten, fernen Orte, denn jede Reise, selbst zu den überfülltesten und viel besuchten Ländern, ist eine Entdeckung.

—Isabelle Eberhardt

Es ist nicht das erste Mal, dass er mir diese Frage stellt. Ein guter Freund von mir, einige Jahre jünger und eigentlich ohne Scheuklappen unterwegs, fragt mich: Was bringt Reisen überhaupt? Mein Puls taktet einen Moment im Doppelschlag, liebevoll-ungläubig schaue ich ihn an. Warst du denn noch nie in den wechselnden Horizont verliebt, mein Kind? Hat dich noch nie der Wind der Freiheit erfasst, der dir aus Furcht den Atem verschlägt und dich gleichzeitig in einen natürlichen Rauschzustand versetzt? Ja hast du denn noch nie alle Sicherheiten hinter dir gelassen?

Ich bin in Ägypten durch die Wüste gereist, bin in rasanten Minibussen gefahren, habe auf einem Beduinen-Hochzeit getanzt oder gegen einen Beduinenältesten Backgammon gespielt (und natürlich verloren). Ich habe im Kaffeehaus auf Arabisch um den richtigen Preis gefeilscht, einmal musste ich einen Angreifer mit meiner Handtasche in die Flucht schlagen. Und ich würde gern einmal auf einem Busdach durch eine offene Landschaft fahren oder auf dem Gipfel des Mount Sinai dabei zusehen, wie die ersten Sonnenstrahlen des Tages die karge Wüstenlandschaft in Besitz nehmen wie die langen Finger Gottes. Mit aller Ehrlichkeit, die ich aufbringen kann: Ich stehe dem Reisen ambivalent gegenüber, weil es auch mit grosser Anstrengung verbunden ist. Aber nie wäre ich auf die Idee gekommen, die Kosten-Nutzen-Rechnung aufzustellen. Reisen ist ein Geschenk, Reisen bildet (oh ja!), Reisen inspiriert und baut Vorurteile ab. Und ich glaube sogar, dass ich damit vor allem das Alleinreisen meine.

Natürlich kenne ich auch die Behaglichkeit eines Nests, das man sich mit dem Partner eingerichtet hat: Plötzlich wird die Anlieferung des neuen Kühlschranks mit dem Gütesiegel «vier Plus» zum grössten Abenteuer. Ein Kind bekommen und eine Familie gründen – und ob das ein Abenteuer ist! Das Leben ausloten zwischen diesen beiden Eckpfeilern Sicherheit/Geborgenheit und Freiheit/Abenteuer scheint mir jedoch nach wie vor der Inbegriff eines geglückten Daseins. Gegen Ende des letzten Jahres bin ich zum ersten Mal nach sehr langer Zeit wieder allein – ohne Partner – in die arabische Welt aufgebrochen. Ganz auf sich gestellt sein. Zu spüren, wer man ist und wie man sich ohne Gegenüber zurechtfindet. Es war beglückend, und gleichzeitig verängstigend. Reisen kann so vielschichtig sein und unter Umständen auch dazu da sein, die Vergangenheit von Schlacke zu befreien. Wenn der Aufbruch nicht nur symbolisch ist, sondern sich sozusagen «verkörperlicht», muss eigentlich fast etwas passieren. Es stimmt, dass man nicht vorhersehen kann, was die Reise mit einem anstellen wird. Doch das ist part of the game. Ganz ohne Risiko geht es nicht.

Bleiben wir jetzt zu Hause – damit wir bald wieder reisen können.
2020/et