Die Eremit:innen der Neuzeit

Wir definieren uns nicht über unsere Taten oder Werte. Wir definieren uns über die Beziehung, die wir leben. Wir möchten, dass unser Lieblingsmensch die Kleidung trägt, die zu der unseren passt. Wir möchten, dass unser Liebling eine tolle Figur hat und einen schönen Haarschnitt. Wir schämen uns, wenn er sich unseren Freunden gegenüber unpassend verhält und freuen uns über seinen Erfolg, weil es gleichzeitig unser Erfolg ist. Wir sind eine Symbiose eingegangen, doch sie wird ihre Opfer fordern. Unsere gesellschaftliche Akzeptanz könnte in Mitleidenschaft gezogen werden. Zugegeben, es ist schwierig, sich als WIR zu definieren, wenn man keine Ahnung hat, wer man selbst ist und was man anstellen will mit seinem Leben. Aber ist es nicht falsch, nur mit jemandem zusammen zu sein um die eigene Eitelkeit zu stillen? Der Zusammenschluss zweier autonomer Existenzen ist oftmals mehr als ein Akt der Liebe und Hingabe. Es ist ein Akt des gesellschaftlichen Auf-oder Abstiegs. Sich als zwei Freiheiten zu begreifen, die beide ihr eigenes gedankliches Gerüst haben und sich dann gegenseitig austauschen und den Gedanken weiterentwickeln… solche Paare haben Seltenheitswert. Singles haben es da einfacher. Sie sind gedanklich wirklich unabhängig. Liebende jedoch bringen oftmals nur wenig Verständnis für das Singletum auf. Singles werden belächelt und als Nichtwisser abgetan. Singles haben keine Ahnung von diesen starken Gefühlen, die Liebende vergessen lässt, wofür sie einmal eingestanden sind. Nach dem ersten Kuss beginnt die Zeitrechnung neu. Doch das war nicht immer so. Als Jesus lebte, gab es in jedem Dorf einen Eremiten. Er blieb Zeit seines Lebens allein stehend und sah die Dinge sich von aussen entwickeln. Diesen objektiven Beobachter-Status ermächtigte ihn dazu, den Eheleuten im Dorf Ratschläge zu erteilen. Die Eremiten waren gesellschaftlich enorm angesehen, und das finde ich sehr schön. Die fortwährende Auseinandersetzung eines Singles mit sich selbst ist eine grosse Leistung. Sich immer wieder selbst bestätigen zu müssen, raubt viel Energie und Kraft. Es ist an der Zeit, diese grosse Leistung als solche zu würdigen.

Erschienen im «Bieler Tagblatt»

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