Glossen

Kill den Märchenprinz!

Ich habe mir gestern Schuhe gekauft. Darauf bin ich stolz, denn sie passen meinen Füssen wie angegossen. Ausserdem erinnern sie mich an Aschenputtelschuhe: Schlicht und elegant. Innen golden, aussen schwarz. Es ist diese unglaubliche Schlichtheit, die mir den Atem nimmt. Solche Schuhe sagen: Ich will nicht auffallen, und dennoch gut angezogen sein. Aschenputtels Griff in den Kleiderschrank zeugte bestimmt von Souveränität. Doch fühlte sie sich genauso souverän? Wie sah es wohl in ihrem Innern aus? Im Schloss hatte man ein rauschendes Fest angesagt. Der erste Ball ihres Lebens. An diesem Abend war sie Debütantin. Als sie das Schloss erreichte und aus der Kutsche stieg, waren ihre Nerven bis zum Zerreissen angespannt. Ihr Magen rumorte und das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie war ja gar nicht eingeladen! Es bestand kein Zweifel: Hier war sie unerwünscht. Und dennoch hatte sie sich selbst ermächtigt, daran teilzunehmen. Denn – wenn wir ehrlich sind – was hatte sie noch zu verlieren? Die Sterne am Himmel funkelten, völlig unbeeindruckt vom Lauf der Welt. Aschenputtel raffte ihr langes Kleid zusammen, atmete einmal tief durch und nahm die ersten Stufen, die zum Schlosseingang führten.

Und dann? Was geschieht als nächstes? Wir kennen alle den weiteren Verlauf der Geschichte. Aber theoretisch wäre auch jeder andere Ausgang denkbar. Wichtig ist nur, dass Aschenputtel trotz ihres aufgewühlten Inneren erhobenen Hauptes die Treppen zum Schloss hinaufsteigt. Mutige Taten sind es, die zählen. Allein durch mutige Taten geben wir dem Drehbuchautor unseres Lebens zu verstehen, dass wir unzufrieden sind mit der momentanen Situation. Vielleicht ist das die einzige Sprache, der er überhaupt mächtig ist. Wie viel Überwindung es Aschenputtel gekostet haben muss! Schliesslich war sie ein einfaches Bauernmädchen. An diesem Ball jedoch amüsierten sich die Adligen. Doch mit vorgeschobener Unterlippe und geballten Fäusten hatte sie sich dazu entschlossen, der Tyrannei ihrer herrischen Stiefmutter zu entkommen. Wer konnte sie sonst aus ihrer misslichen Lage befreien, wenn nicht sie selbst? Auf einen glücklichen Zufall wollte sie jedenfalls nicht vertrauen. Und sie wusste: Der Ball war eine Chance, die unter Umständen nicht mehr so schnell wiederkommen würde.

Das Märchen vom Aschenputtel steht wie jedes Märchen für den Wert von Veränderungen. Ob die Prinzessin den Frosch küsst oder ob Aschenputtel mit gerafftem Ballkleid die Stufen hinaufsteigt – für beides braucht es Mut und Entschlossenheit. Im Märchen werden mutige Taten immer belohnt. Und so – davon bin ich überzeugt – auch im richtigen Leben. Vielleicht verwandelt sich der hässliche Frosch im richtigen Leben nicht gleich in einen Prinz, aber vielleicht wartet der wahre Ritter ja schon lange hinter dem Baum darauf, dass die Prinzessin den Frosch endlich küsst, damit sie erkennt, dass der sich – aller Vermutungen zum Trotz – gar nicht in einen Prinz verwandelt. Nur wenn die Prinzessin den Blick vom Frosch abwendet, ist sie fähig, den Ritter überhaupt wahrzunehmen, der ihr schon lange aufwartet. Niemand anders als wir selbst können den Traum vom Märchenprinzen zerstören. Schliesslich haben wir ihn auch gedanklich erschaffen. Erst wenn der Märchenprinz tot ist, kann der Ritter hervortreten und in Fleisch und Blut übergehen.

2008

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