Einwurf-Kolumne Stadtanzeiger

Der zweite Platz

Meine Mitbewohnerin rauft sich beim Ausfüllen der Steuererklärung die Haare: Warum wird die Ehefrau auf dem Deckblatt immer als «P2» bezeichnet und damit auf den zweiten Platz verwiesen? Emanzipation ist ein lebenslanger Prozess und die Genderfrage stellt sich überall, auch beim Steuernsparen. Wir, Frauen um die dreissig, wurden von Müttern erzogen, die sich selbstlos für ihre Familien aufgeopfert haben. Der zweite Platz reichte völlig aus, «ja nicht zu viel wollen»; so waren sie sozialisiert worden. Dennoch kann ich mir nicht vorstellen, dass sie sich im Stillen nicht manchmal doch gefragt haben: Lebe ich wirklich in all meinen Möglichkeiten; aus meiner ganzen Fülle heraus? Selbst wenn viele Frauen unserer Müttergeneration im Lauf der Zeit wachsamer wurden für ihre Bedürfnisse, blieb die Selbstverwirklichung trotzdem meistens auf der Strecke. Die Zeit dafür war noch nicht reif oder einer der Ehepartner vermochte es nicht, über seinen eigenen Schatten zu springen. Heute ist alles anders, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wären vorhanden. Wir müssen nicht mehr an zweiter Stelle sein, von der Steuererklärung der Stadt Winterthur und ein paar anderen Baustellen einmal abgesehen. Unseren Müttern bleibt nur die Genugtuung, dass wir es besser machen werden. Und genau das sind wir ihnen schuldig.

Erschienen im «Winterthurer Stadtanzeiger», 22.05.2012

 

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