Einwurf-Kolumne Stadtanzeiger

Fremde Indianerhorden

Im Zugabteil komme ich neulich neben einer Gruppe Studentinnen zu sitzen. Während ich deren Gespräch belausche, fällt mir auf, wie fremd mir diese Welt geworden ist. Auch als ich in Wien einmal im Yoga-Studio auf den Beginn meiner Stunde warte und immer mehr Frauen mit runden Babybäuchen den Raum betreten, finde ich es lustig, fühle mich aber sehr fehl am Platz. Der Schriftsteller Urs Widmer spricht in einem Interview von einer «fremden Indianerhorde», deren Gebräuche er überhaupt nicht verstand und meint damit sein Blick auf ältere Menschen, als er jung war. Eine fremde Indianerhorde – ein völlig anderer Stamm. Obwohl es vieles gibt, was uns Menschen eint, gibt es auch die befremdliche Seite der Andersartigkeit. «Was ist eigentlich so schlimm daran, wenn jemand anders ist?», fragt mein entnervter Freund, als ich mich über die fremden Indianerhorden dieser Welt beschwere. Ja, was ist schlimm daran? Die Schriftstellerin Virginia Woolf mochte Partys und Treffen mit Freunden zeitlebens sehr, nicht zuletzt, weil ihr gesellschaftliche Ereignisse Gelegenheit gaben, Material für ihre schriftstellerische Arbeit zu sammeln. Auch ich bin schriftstellerisch tätig, und dass sich erwachsene Menschen an Kindergeburtstagen plötzlich ausserstande sehen, Erwachsenen- Gespräche zu führen, wird wahrscheinlich immer ein Problem für mich sein. Es sei denn, ich spezialisiere mich auf Kuchenbackbücher. Da wird mir der Stoff bestimmt nicht ausgehen.

Erschienen im «Winterthurer Stadtanzeiger», 19.11.13

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