Die weisse Inderin

Flüssiges Herz

Das Olas lag in einem kleinen Hinterhof, die Decke drei Meter oder höher, an den Wänden stapelten sich Bücher, die Plätze am Fenster hell. Es duftete lecker nach frisch geröstetem Kaffee. Toni pfiff anerkennend durch die Zähne. «Das ist ganz nach meinem Geschmack.»

«Warte ab, bis du den Schokoladenkuchen gekostet hast, er ist phänomenal. Mit warmem flüssigem Herz.» Alice legte vertrauensvoll ihre Hand auf Tonis Unterarm und senkte ihre Stimme zu einem rauen Wispern: «Manche sagen, er ist orgiastisch. Nimmst du dazu auch einen Kurkuma Latte mit Mandelmilch?

Was zum Kuckuck ist Kurkuma Latte?, dachte Toni.

«Ich hätte lieber Kuhmilch», sagte sie. «Von Mandelmilch bekomme ich immer Sodbrennen.» Alice schaute sie zweifelnd von an, die Augen leicht zusammengekniffen. «Ausserdem gibt’s hier doch so viele Kühe», sagte Toni schnell. «Ich möchte der Kuh meinen Respekt erweisen.»

Alices Gesicht hellte sich auf. «Oh ja, die Kuh ist in Indien heilig, weil man alles an ihr verwerten kann. Die Milch dient zur Herstellung von Ghee und Lassi, der Mist dient der Landbevölkerung als Brennmaterial, sogar der Urin findet Verwendung in der Medizin.» Toni verzog vor Ekel das Gesicht.
«Kuhmilch mit Kaffee oder nur Kuhmilch?», fragte Alice.

«Einen Schuss Kaffee.»

«Latte Macchiato?»

«Latte Macchiato.»

Sie wandte sich der Servicekraft am Tresen zu, Toni atmete erleichtert auf.

Als sie an ihren Kaffeetassen nippten, bemerkte Toni: «Du kennst dich hier ganz schön gut aus, dafür, dass du erst heute angekommen bist.»

Alice stellte das Glas auf den Tisch, ihre silbernen Armreife klimperten.

«Ach nein, so ist es nicht. Wir sind schon eine ganze Weile in Delhi und vor Singapur haben wir drei Jahre in Kalkutta gewohnt. In Delhi sind wir bisher im Hotel untergekommen. Am Anfang ist es ja ganz schön. Aber irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten, ich fühlte mich total unfrei. Wir konnten uns ja nicht mal selbst einen Tee brauen, geschweige denn unsere Lieblingsgerichte zubereiten. So habe ich zu Marcus gesagt: Entweder, du engagierst jetzt einen Makler oder ich bin raus!»

Die gut trainierten Oberarmmuskeln, die sich oberhalb ihres sportlichen Träger-Shirt abzeichneten, verkrampften sich einen Moment. «Der Makler hat dieses Apartment für uns gefunden. Das Olas ist eine Kette und in South Extension II gab es auch eine Filiale davon. Dieser Kurkuma Latte hier», sie hob die Tasse kurz auf, «hat mich über manchen schlechten Tag hinweggetröstet.» Sie räusperte sich kurz. «Und was treibt dich nach Indien?»
«Ich bin auf der Suche.»
«Oh das sind hier viele. Erleuchtung? Nirwana? Überwindung des Egos?»
Toni schüttelte energisch den Kopf. «Nein, nichts von alledem. Mutter.»
«Mutterschaft? Oh ja, diese üble Sache mit den Leihmüttern. Diese armen Dinge machen das doch aus einer finanziellen Notlage heraus, niemand ist doch gern schwanger und lässt sich die Figur ruinieren …»

«Nein, auch nicht Leihmutterschaft.» Ich verliere langsam die Geduld mit dieser Schnattertante, dachte Toni und schnitt Alice das Wort ab: «Ich bin auf der Suche nach meiner leiblichen Mutter.»
Alice verstummte, zog die Augenbrauen hoch.

«Deine liebliche Mutter. Hier. In Indien.»
«Ich weiss, mein Aussehen lässt nicht gerade vermuten, dass ich eine indische Mutter habe. Aber deshalb bin ich hier: Um es herauszufinden.»
«Und was ist mit deinem Vater?»

«Meine Eltern – also meine Adoptiveltern – haben mich 1985 in Pondicherry adoptiert. Es hiess, dass mein leiblicher Vater verstorben sei und meine Mutter mich deshalb zur Adoption freigegeben hat.»

Alice seufzte hörbar, mit ihren langgliedrigen Fingern umschloss sie ihre Tasse, als wollte sie sich irgendwo festhalten. «Das war sicher keine einfache Entscheidung für deine Mutter. Gleichzeitig wünsche ich mir manchmal sosehr, ich könnte es.»

«Du könntest was?»

«Sie abgeben.»

«Deine Kinder?»

Wiederum nickte Alice. «Die Sehnsucht danach, frei zu sein, tut manchmal fast körperlich weh.»

«Aber du lässt deine Kinder doch oft fremdbetreuen», warf Toni ein.

Alice strafte sie mit einem strengen und vielsagenden Blick.

«Ich meine nicht so.»

«Sondern? Hilf mir, ich bin gerade echt verloren.»

Alice atmete hörbar aus.

«Es rückgängig machen», sagte Alice bestimmt und liess erneut Luft entweichen. «Das Muttersein», hauchte sie. «Es macht mir keinen Spass, Kinder zu haben», fügte sie fast trotzig hinzu.

Verdammt, was soll ich dazu sagen?, dachte Toni und senkte hilflos den Blick.

«Das tut mir leid», murmelte sie.

«Ich finde es unerträglich, dass so viele Eltern ihre Kinder abfeiern und von der Selbstaufgabe schwärmen, die sie zu viel besseren Menschen macht. In der Expat-Community ist dieses Phänomen besonders schlimm.» Sie machte eine Pause. «Hast du Kinder?»

Toni schüttelte schnell den Kopf.

«Gut. Gut. Möchtest du welche?»

Toni deutete ein Schulterzucken an. «Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Zuerst muss einmal der richtige Mann her.»

«Ständig sagen mir die Leute: Aber wenn sie dann mal da sind, möchte man sie nicht mehr hergeben. Aber es ist einfach nicht wahr. Ich hätte mich gern selbst zurück», sagte Alice und starrte auf ihre knochigen Hände mit den gepflegten Fingernägeln.

Aber warum hast du gleich drei kleine Racker, wollte Toni fragen, doch sie traute sich nicht.

«Mir war dein unzimperlicher Umgang mit deinen Kindern gleich sympathisch», meinte sie stattdessen diplomatisch.

Alice lachte kehlig. «So kann man es auch sehen.»

«Weisst du, vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn wir damals bei der Geburt unseres Ältesten Joseph nicht in Singapur gewesen wären. Ich habe mich so überfordert gefühlt, mein Mann bei der Arbeit, ich mit dem Kleinkind tagelang allein zu Hause, mein Körper, der nicht mehr mir gehörte, hinzu kam meine Einsamkeit und die fehlenden sozialen Kontakte. Joseph war ein schwieriges Baby. Er hat teilweise Stunden am Stück geschrien und liess sich nicht beruhigen.» Alice stiess einen Seufzer aus und schüttelte den Kopf, während sie nach unten auf ihre Hände blickte. «Ich fühlte mich wie ein einziger grosser failure
Sie fegte die trüben Gedanken mit einer Handgeste weg und schaute Toni herausfordernd an: «Einen Orgasmus gefällig? Schokoladenkuchen mit flüssigem Herz?»
Toni nickte. «Na klar. Warum nicht?»
Alice ging zum Tresen zu und gab die Bestellung auf. Als sie mit den beiden Schokoladenkuchen auf einem Tablett zurückkam und sich setzte, sagte sie: «Mir brennt eine Frage unter den Nägeln.»
«Schiess los.»
«Was möchtest du deine Mutter als Erstes fragen, falls du sie findest?»
Toni fühlte sich ertappt. Darüber hatte sie noch nie nachgedacht.

«Ob sie sich an meinen Geburtstag erinnern kann», sagte sie dann.

«Vielleicht hat sie ja noch andere Kinder», bemerkte Alice.

«Es ist anzunehmen», sagte Toni. Nach einer kurzen Pause meinte sie: «Da fällt mir noch etwas anderes ein.»

«Was denn?», fragte Alice.

«Ob sie mit Osho Orgasmen hatte.»

«Oh Baby, bestimmt nicht solche, die uns dieser kleine Braune hier gleich bescheren wird.» Alice deutete auf den Kuchen. Toni und Alice prusteten im gleichen Moment los, griffen zu ihren Gabeln und stachen hinein, die bräunliche Flüssigkeit quoll heraus und ergoss sich auf dem Teller.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s