Kurzgeschichten

Die zerdrückte Jasminblüte

Frauen in bunten Saris, Hauspersonal mit schweren Einkaufstüten, junge Paare auf Fahrradrikschas, Kühe und streunende Hunde wuselten durch die Einkaufsstrasse. Eine geschlagene Stunde irre ich jetzt schon in den verwinkelten Gassen herum, dachte Toni grimmig. Unglaublich, wie die Hitze immer noch drückt. Dabei habe ich meine Einkaufs-Tour doch extra auf die frühen Abendstunden verlegt. Die Visitenkarte in ihren Händen war mittlerweile schon ganz aufgeweicht. Toni hatte die Hoffnung auf einen erfolgreichen Ausgang ihrer Suche bereits aufgegeben, da entdeckte sie ein unauffälliges Schild: Mandala Sewing Company. Endlich, da ist das Schneidergeschäft, das mir Alice empfohlen hat! Der Eingang lag auf der Hinterseite, der chaotischen Einkaufsstrasse abgewandt. In Indien muss sogar den Shoppingwütigsten dieser Welt die Lust am Konsum vergehen, dachte Toni leicht entnervt, als sie den Laden betrat. Drinnen war es dunkel, der Strassenlärm wie verschluckt. Als wäre die Zeit stehen geblieben, schoss es Toni durch den Kopf. Die Wände waren mit Teppich in den abscheulichsten Farben ausgelegt. Es duftete nach Räucherstäbchen und ein lustiger Ganesha lachte ihr von der Theke entgegen. Im toten Winkel neben der Eingangstür stand ein Stuhl. Sie sackte darauf nieder und strich sich die Schweissperlen mit dem Handrücken von der Stirn.

«Darf ich heute bei Ihnen übernachten?», fragte sie den Mann hinter der Theke.  Der Schneider lächelte milde.

«Aus diesem Grund gehe ich um diese Zeit normalerweise nicht aus dem Haus. Ausser im Winter. Da kann es richtig kalt werden. Vor einigen Jahren hatten wir Schnee in Delhi.» Er pausierte. «Wie kann ich Ihnen helfen?»

«Ich brauche eine festliche Garderobe im traditionellen Stil», sagte sie. «Weil ich nämlich die Ehre habe, auf eine indische Hochzeit eingeladen zu sein», fügte sie stolz hinzu.

«Sari oder Salwar Kameez?», fragte der Schneider. Toni schaute ihn ratlos an.

«Ein Salwar Kameez besteht aus einer Hose und einem Hemd, der Sari ist nur ein Stück Stoff, das man wickelt», erklärte der Verkäufer.

«Sie würden in einem Sari bestimmt umwerfend aussehen», sagte eine tiefe Stimme hinter ihr. Toni fegte herum. Vor ihr stand ein Mann in einem hellen Leinenanzug, sein teures After Shave vermischte sich mit dem Duft der Räucherstäbchen. Tonis Blick blieb an der scheusslichen babyblauen Krawatte hängen. Ich habe gar nicht gehört, wie er reingekommen ist, dachte Toni irritiert.

«Ich bin mir nicht sicher, ob ein Mann mit einer solchen Krawatte das stilsicher beurteilen kann», gab Toni schlagfertig zur Antwort. Um seine Mundwinkel zuckte es leicht. Warum lächelt der jetzt so debil? Hat er etwa nicht gehört, dass ich ihn gerade beleidigt habe?

«Sie sollten einen dunkelblauen Sari wählen, passend zu Ihren Augen», meinte er, ohne auf ihre Bemerkung einzugehen.

«Ich weiss gar nicht, wie man so was wickelt», erwiderte Toni defensiv.

«Das kann Ihnen die Frau oder die Tochter von Schneider Mandala sicher zeigen. Das Wichtigste ist, dass Sie sich wohl fühlen.»

«Also unterscheiden sich indische Hochzeiten doch nicht so gross von europäischen. Man verbringt zu viel Zeit in zu engen Kleidern, die überall zwicken», seufzte Toni.

«Mit dem einzigen Unterschied, dass die Feste in Indien im Vergleich zu Europa etwa fünf Mal so lange dauern», sagte der Mann. Seine ruhige Ausstrahlung gepaart mit seiner Schlagfertigkeit gefällt mir, dachte Toni unvermittelt.

«Wie lange sind Sie bereits in Indien?», wollte er wissen, ein offener Blick aus hellbraunen Augen.

«Zwei Monate.»

«Sie wohnen in Delhi?» Toni nickte.

«Darf ich Ihnen heute Abend einen Blick auf die Stadt zeigen, den Sie bestimmt noch nicht kennen?»

«Ich gehe hier abends nicht mehr aus dem Haus», meinte Toni schnell.

«Warum?», fragte der Mann.

«Man hat mir davon abgeraten. Ausserdem habe ich abends keinen Fahrer.» Puh, grad nochmal gerettet.

«Kein Problem, mein Fahrer holt sie ab. Bei ihm sind Sie absolut sicher. Dafür bürge ich.» Er schrieb etwas auf ein Stück Papier und überreichte es Toni. «Auf diesem Zettel stehen mein Name und meine Telefonnummer. Ich heisse Ravi. Sagen Sie Ihrem Fahrer, er soll mich anrufen. Walter kommt Sie dann abholen. Passt Ihnen acht Uhr?» Toni nickte verdutzt.

«Darf ich Ihren Namen erfahren?»

«T-t-toni. Antonia, eigentlich.»

«Sie werden es nicht bereuen, Antonia.» Der Mann rief dem Schneider kurz etwas zu, öffnete die Tür und weg war er.

«Also Sari?», fragte Mister Mandala und trat mit dem Massband in der Hand hinter dem Tresen hervor. Toni starrte ihn verdattert an.

Geschäftig lief Toni zwischen dem Bad und dem Schlafzimmer im Zickzack. Sie  inspizierte vor dem Spiegel verschiedene Hautunreinheiten der Stirnpartie und beurteilte sie im Hinblick auf ihre Präsentierbarkeit. Sie zerrte ein Dutzend Kleidungsstücke aus dem Schrank. Ist Jeans eine gute Wahl? Ich will nicht zu westlich aussehen. Allerdings ist mir dieser Ravi ziemlich elegant vorgekommen. Also doch das schlichte Schwarze? Ein Rendezvous, dachte Toni, und kicherte leise über den altmodischen Ausdruck. Ich habe fast vergessen, wie es ist, sich zurechtzumachen. Dieses aufregende Gefühl, nicht zu wissen, was die nächsten Stunden bringen werden. Oder ist es etwa gar kein Rendezvous? Geht es ihm wirklich nur um die Aussicht und muss ich am Ende für die Tour sogar noch bezahlen? Aber er hat doch eindeutig mit mir geflirtet! Und ich habe auch noch zurückgeflirtet, ich bin so eine TANTE.

 Überrascht stellte Toni fest, dass sie noch nie ausgegangen war, seit sie in Delhi wohnte. Na ja, jedenfalls nicht so richtig. Aber bin ich nicht auch reichlich naiv? Dieser Typ ist ein Fremder, vielleicht will er mir einfach nur an die Gurgel. Oder an die Wäsche. Oder beides. Sie fluchte wie ein Rohrspatz, als beim Haarewaschen das Wasser ausging. Mit Shampoofetzen in den Haaren griff sie zur Intercon und rief den Hausdienst an. Sie tigerte auf und ab, zwanzig Minuten, bis wieder Wasser aus dem Hahn kam. Durch dieses klassische indische Unvorhergesehenheit geriet sie mit ihrem Zeitplan gehörig in Verzug. Im Nu war es Viertel vor acht und die Entscheidung über die Abendgarderobe war immer noch nicht gefällt. Plötzlich erinnerte sie sich an ihre beste Freundin, die zu sagen pflegte: «Schwarz passt in jeder Lebenslage.» Flink schlüpfte sie in das schwarze Trägerkleid und schlang sich noch einen dunkelroten Kaschmir als Stola um die Schulter. Da klingelte es an der Haustüre.

Toni wurde von einem livrierten Kellner auf eine ausladende Terrasse geführt, die von arabischen Lämpchen beleuchtet wurde. Man brachte sie in den hinteren Teil zu einem offenen Pavillon, wo Ravi sie bereits erwartete.

«Gnädigste, bitte setzen Sie sich.» Ravi erhob sich und zog ihren Stuhl nach hinten, damit sie sich setzen konnte. Toni fühlte sich wie auf einem Filmset. Kerzen brannten, der Sekt stand bereits gekühlt im Behälter. Sie richtete ihr Kleid, strich sich eine Haarsträhne nach hinten und blickte ihn leicht verlegen an.

«Ich hoffe, Walter hat sie zuvorkommend behandelt.»

Toni rutschte auf ihrem Sitz herum. «Ja, danke, er war sehr nett. Aber nun fühle ich mich blöd. Die Kerzen, der Sekt … ich stehe ja schon in Ihrer Schuld, bevor der Abend überhaupt begonnen hat.»

«Wie meinen Sie das?» Er guckte ehrlich irritiert. «Miss Toni, ich denke nicht in solchen Kategorien. Delhi ist meine Stadt, ich bin hier geboren und aufgewachsen und es liegt mir etwas daran, Besuchern ihre Schönheit zu zeigen. Sie würden für mich in Ihrem Land das Gleiche tun.»

Toni hob leicht die Schultern. «Wahrscheinlich», murmelte sie.

Sie schaute sich um. «Und wo bleibt die überwältigende Aussicht?», fragte sie. Von ihrem Platz im Pavillon sah Toni nichts als eine Bretterwand.

«Die soll so etwas wie der Nachtisch sein. Ich hoffe, Sie haben Hunger.»

Auch das noch. Ein Essensdate, dachte Toni. Da bringe ich sicher wieder fast nichts runter.

«Wie gefällt Ihnen meine Krawatte?», fragte Ravi und ein Schmunzeln huschte über sein Gesicht. Er hatte sie gewechselt. Nun war sie lila mit pinkten Punkten, dazu trug er einen gut geschnittenen, dunkelblauen Anzug und ein weisses Hemd. Ein Paradiesvogel, dachte Toni. Sie mussten beide lachen.

«Sie können auf den Farbtupfer nicht verzichten, habe ich recht?», meinte Toni.

«Niemals», schmunzelte er. «Was wäre das Leben ohne Leidenschaft?», fragte er und schaute ihr direkt in die Augen, während er Sekt in die Gläser goss. Sein Blick wanderte zu ihren Händen. «Ich sehe, dass Sie ein Mondstein-Mala tragen. Sie wirken schüchtern, aber ich kann mir lebhaft vorstellen, dass Sie Temperament haben.»

Es dauerte einen Augenblick, bis Toni begriff, dass er das Armband des Astrologen meinte, das sie immer noch um das Handgelenk trug. Sie berührte es mit den Fingerspitzen.

«Das habe ich geschenkt bekommen. Ich weiss nicht, was es bedeutet», sagte sie mit gespielter Unbekümmertheit. Nur über ihre Leiche sage ich ihm, dass ich das Armand von einem Astrologen bekommen habe.

«Mondstein ist gut für die Gefühle.»

Auf die Masche falle ich ganz bestimmt nicht rein, dachte Toni und spürte einen plötzlichen Anflug von Ärger in sich aufsteigen. Sie bereute bereits, hergekommen zu sein.

«Wissen Sie eigentlich, dass Sie mich heute im Schneidergeschäft ziemlich überrumpelt haben? Und jetzt das: die Kerzen, der Sekt und bereits in Ihrem dritten Satz kommt das Wort Gefühle vor.»

Ravi schaute sie entgeistert an. Dann lachte er laut heraus.

«Ich bin eine totale Anti-Romantikerin», fügte Toni noch hinzu, als sie die Art seines Lachens registrierte. So ein richtiges Bärentöterlachen, dachte sie und musste lächeln.

«Da ist es ja schon, Ihr Temperament», sagte er, als er sich etwas beruhigt hatte. «Es tut mir leid, wenn Ihnen meine Empfehlung im Laden zu indiskret war. Ich kann manchmal einfach nicht anders und muss sagen, was ich denke. Aber Mondstein ist eines der ältesten hier ansässigen Gesteine. Wir Inder glauben nun mal an so was. Das ist uraltes Wissen, jedes Schulkind kann Ihnen das bezeugen. Ich wäre ganz schön einfältig, wenn ich vorhätte, Sie damit zu beeindrucken.» Dieses Argument überzeugte Toni. Ihre Schultern entkrampften sich.

«Ich lasse mich gern anderweitig von Ihnen beeindrucken», meinte sie betont sachlich.

«Womit kann man Sie beeindrucken, Antonia?», fragte er zurück, seine braunen Augen ruhten auf ihr und im Widerschein des Kerzenlichts meinte Toni, Sprenkel darin auszumachen.«Männer mit Klasse, die Romantik dezent einzusetzen wissen.»

Er zog die Augenbrauen hoch. «Also sind Sie doch keine totale Anti-Romantikerin?»

«Jetzt haben Sie mich ertappt», Toni senkte den Blick.

«Wissen Sie, Antonia, ich mache kein Geheimnis daraus, dass ich westliche Frauen in Saris mag. Aber vor allem mag ich Frauen mit Temperament. Ich für meinen Teil bin ein Romantiker bis aufs Blut.» Er erhob das Sektglas.

«Auf die Romantik», sagte er. Auch Toni erhob ihr Glas.

«Auf Facettenreichtum», erwiderte sie.

Es entstand eine Pause, als die Vorspeise aufgetragen wurde. «Wo befinden wir uns hier?», wechselte Toni das Gesprächsthema, gleich nachdem der Kellner sich wieder entfernt hatte.

«Das ist der Club, in dem ich Mitglied bin. Hier gewährt man nur Mitgliedern und deren Bekannten Einlass.» Dieser Mann scheint ein reicher Protzer zu sein, dachte Toni. Sie griffen zu den Häppchen, die aus Pakoras bestanden, frittiertes Gemüse im Blätterteigmantel. Es schmeckte köstlich, und weil Toni ihre anfängliche Schüchternheit abgelegt hatte, konnte sie das Essen auch richtig geniessen.

«Was führt Sie in unser Land, Antonia?», fragte Ravi, und schob sich eine Pakora-Karotte in den Mund. «Walter sagte mir, er hat sie in Gurgaon abgeholt. Haben Sie geschäftlich in Indien zu tun?»

Toni schüttelte den Kopf.

«Es ist eher eine familiäre Angelegenheit.»

«Familiär?», Ravi legte die Stirn in Falten.

«Tja, ob Sie’s glauben oder nicht – und die meisten Leute glauben es nicht – ich bin Inderin. Ich bin 1985 in Pondicherry geboren und bin von dort aus von meinen Adoptiveltern in die Schweiz geholt worden.»

Ravi hob die Augenbrauen.

«Das hätte ich wirklich nicht erraten.»

«Tja, vielleicht ist es eine Lektion für dich, nicht immer alles so zu nehmen, wie es von aussen scheint.» Sie duzte ihn jetzt.

«Oh glaub mir, in Indien ist vieles nicht so, wie es scheint.»

«Für mich war es manchmal schwierig. Ich bin nicht wirklich Schweizerin und in Indien gehe ich garantiert nicht als Inderin durch.»

«Wie alt waren Sie, pardon, warst du bei der Adoption?»

«Sechs Monate.»

«Und jetzt bist du im Land deiner Ahnen, um deine leiblichen Eltern zu suchen?»

«Genau. Eigentlich möchte ich nur sichergehen, dass Osho nicht mein Vater ist, denn nur schon beim Gedanken daran flippe ich aus. Meine beste Freundin und ich haben uns als Kinder immer solche Storys ausgedacht. Dass meine Mutter aus dem Westen dem Ruf von Osho gefolgt ist, in eine Gruppensexorgie geriet und ich dabei gezeugt wurde.»

Ravi konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. «Wäre das so abstossend? Immerhin besser als in meinem Fall: Meine Eltern haben mich gezeugt, ohne überhaupt zu wissen, wie «es» richtig geht. Zumindest wenn man meinem Vater Glauben schenken will.»

Und bämm, sind wir wieder beim Thema Sex angelangt, dachte Toni, plötzlich verärgert. Und aus irgendeinem Grund flirtet der jetzt schon wieder mit mir.

«Weisst du, dass viele indische Männer eine Schwäche für weisse Frauen in einem Sari haben?»

«Gilt das auch für weisse Frauen, die eigentlich Inderinnen sind?»

Ravi lachte wieder sein Bärentöterlachen. «Warum glaubst du nicht an die Romantik, Toni?»

Toni dachte einen Moment nach. «Weil die meisten Männer nicht aus einer ehrlichen Motivation handeln, sondern die Frau nur beeindrucken wollen.»

«Und was ist daran so falsch? Eine Frau möchte doch auf Händen getragen werden.»

«Aber nicht mit Allgemeinplätzen. Von Verführung aus dem Standard-Repertoire lasse ich mich nicht mehr beeindrucken.»

«Das ist fair», antwortete Ravi. «Ich denke, du sprichst über Empathiefähigkeit und da gebe ich dir absolut recht. Aber gerade am Anfang, wenn man eine Frau noch nicht so gut kennt, kann das sehr schwierig sein. Komm schon, Toni. Irgendeine Strategie muss man doch haben.»

«Wie wär’s mit der Strategie, Augen und Ohren offen zu halten und sich auf das Gegenüber wirklich einzulassen?»

«Du hast recht. Ich habe eine Idee: Wie wär’s, wenn wir einfach die Schönheit sprechen lassen? Komm.» Ravi nahm Toni an der Hand und führte sie auf eine Ecke der Terrasse, von wo aus sich die Lichter der ganzen Stadt wie ein Teppich vor ihnen ausbreiteten. Toni blieb der Atem weg.

«Vergiss den Sekt, Antonia. Aber bitte akzeptiere diese Lichter.»

Der Mond, der wie eine Suppenschüssel am Himmel hing, schimmerte in einem satten Gelb, einige Sterne glitzerten am Himmel.

«Wunderschön», murmelte Toni leise.

 

Inzwischen hatten sie zum Rotwein gewechselt, gerade wurde der Hauptgang aufgetragen, Chicken Butter Masala mit Lemon Rice. Ravi nahm einen Schluck und stellte das Glas hin. «Deine Vorfahren könnten auch aus dem Kaschmirtal kommen. Das liegt ganz im Norden Indiens, an der Grenze zu Pakistan. Dort gibt es tatsächlich Menschen, die blaue Augen haben. Weil früher dort die Seidenstrasse durchführte.»

«Ich habe schon so viele Nachforschungen angestellt, war auf Ämtern und habe mein Geburtszertifikat herumgezeigt. Bisher war alles erfolglos.»

«Natürlich sind diese Leute sehr selten, aber es gibt sie. Es ist das gleiche wie in Sizilien, dort trifft man manchmal auch Leute mit blauen Augen und blonden Haaren.»

«Eine Laune der Natur eben», sagte Toni und schob sich eine Gabel köstliches Butter Chicken Masala in den Mund.

«Wenn du willst, kann ich dir für morgen einen Flug nach Srinagar organisieren.»

«Hast du etwa neben deinem Fahrer, deiner Köchin und deiner Putzfrau auch noch eine Sekretärin, die die Reisen für dich bucht?

Er wich ihrem Blick aus. «So was in der Art.»

Ihr Blick ruhte fragend auf ihm.

Er seufzte. «Kennst du Kingfisher?»

«Ja klar, das indische Bier. Das gibt’s sogar in den indischen Restaurants in Zürich zu trinken.»

Er nickte. «Das Bier, und dann gibt es auch noch eine indische Fluggesellschaft.»

«Und?», fragte Toni.

Er räusperte sich. «Die Fluggesellschaft … sie gehört mir.»

«Sie gehört dir?», fragte Toni zurück, um sich zu vergewissern, dass sie richtig verstanden hatte. Ravi nickte.

«Und das Bier?»

«Gehört meiner Familie.»

«Um ein Bier zu bekommen, muss ich also mit deinem Vater flirten?», fragte Toni.

«Obwohl er ein grosser Charmeur ist, müsstest du es allein trinken. Baba trinkt kein Bier und ist strikter Vegetarier.»

Baba … wie liebevoll das klingt, dachte Toni und musste dabei an ihren eigenen Vater denken. Er war nicht begeistert, als sie ihm eröffnet hatte, dass sie diese Reise antreten wollte, hatte sie aber gleichwohl unterstützt und sie mit allem ausgestattet, was sie brauchte.

«Ich bekomme immer mehr den Eindruck, dass du so eine Art Prinz bist.»

Er lächelte. «Vergiss nicht, ich bin auch nur ein Junge, der vor einem Mädchen steht und es bittet, ihn zu lieben», zitierte er aus «Notting Hill».

Sie verzog gespielt angeekelt das Gesicht. «Jetzt fährst du aber ganz schweres Geschütz auf.»
Ravi gab dem Kellner ein Zeichen, woraufhin dieser eine weitere Flasche Wein brachte.

«Toni?»

«Ja?» Sie stützte sich mit dem Ellbogen auf dem Tisch auf.

Du hast mir schon gefallen, als ich dich heute auf der Strasse gesehen habe.»

«Du bist mir gefolgt?» Sie richtete sich wieder auf, alarmiert.

«Findest du das schlimm?»

Dieser Ravi widert mich plötzlich an, dachte sie.

«Ja, irgendwie schon.»

«Dein Intellekt und deine Schönheit hauen mich gerade weg. Ich glaube, du bist meine Radha.»

«Deine was?»

«Ich würde dir gern etwas zeigen. Hast du Lust auf einen kleinen Ausflug?»

Toni zögerte. Sie waren beide betrunken.

«Es ist ganz in der Nähe. Und danach bringe ich dich nach Hause, ich verspreche es dir.»

Sie wollte ihn nicht enttäuschen und willigte ein. Sie erhoben sich und stolperten zum Ausgang. Seine Bewegungen waren fahrig, als sie auf den Lift warteten, wollte er ihre Hand nehmen. Auf keinen Fall, dachte Toni und zog sie zurück.

 

Als sie aus dem Gebäude traten, blieb Toni wie angewurzelt stehen. Ravi trat neben ein Motorrad, das goldig und silbern glänzte. «Du willst in deinem Zustand noch Motorrad fahren?», blaffte sie ihn an. Sie hatte es für selbstverständlich genommen, dass ein Fahrer in einem schwarzen Mercedes mit abgedunkelten Scheiben à la James Bond vor dem Restaurant warten würde.

«Warum denn nicht?», entgegnete er, lässig auf das Motorrad gestützt.

«Wir haben zwei Flaschen Rotwein und eine Flasche Sekt getrunken.»

Ravi nahm einen Helm aus dem Fach und reichte ihn ihr.

«Nein», sagte Toni laut, drehte sich auf dem Absatz um und entfernte sich.

Er folgte ihr. «Also gut, kein Problem. Ich rufe uns ein Taxi», sagte er beschwichtigend.

 

Sie sassen auf dem Rücksitz des Wagens, Ravi sass dicht neben ihr, sein Atem roch nach Alkohol.

«Bist du wütend auf mich?», fragte er leise und streichelte ihre Hand.

Sie versuchte, Ordnung in ihr Gefühlschaos zu bringen. Der Abend hatte so vielversprechend begonnen, dachte sie und spürte, wie sich Enttäuschung in ihr breit machte. Nach kurzer Zeit sagte Ravi: «Wir sind da.» Vor ihnen ragte ein weiss schimmernder Tempel empor. Ravi und Toni bezwangen die grossen marmornen Stufen zum Eingang mit grossen Schritten.

 

«Dieser Tempel ist Krishna, dem blauen Gott mit der Flöte, geweiht. Der Mann da», Ravi zeigte auf einen gebückten älteren Mann mit einem weissen Hüfftuch und einem Leinenhemd, der gerade mit einem Reisbesen den Hof des Tempels kehrte, «leistet seit zwanzig Jahren jeden Tag seinen Dienst an Krishna. Zu seinen Aufgaben gehört die Versorgung der Götterfiguren mit Speis und Trank, als ob es der Dienst an einem König wäre. Von allen Mahlzeiten, die im Tempel gekocht werden, wird ein Teil den Statuen vorgesetzt. Dadurch gilt die gesamte Speise als geheiligt. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass zu manchen Zeiten die Vorhänge vor dem Altar zugezogen werden, damit die Götter in Ruhe speisen können.»

Ravi und Toni streiften vor dem Eingang die Schuhe ab, der Marmorboden fühlte sich an den nackten Sohlen angenehm an. Sie betraten das dunkle Innere des Tempels, die Luft war durchsetzt vom schweren Geruch von Weihrauch.  In der Mitte stand ein Altar mit einer Statue von Krishna, daneben viele Tiegel und Schälchen mit Essensvorräten. Ravi hielt seinen Zeigefinger in eine Paste und tupfte Toni ein gelbes Mal zwischen die Augenbrauen. «Der Segen Gottes ist jetzt mit dir», sagte er und verpasste sich ebenfalls ein senkrechtes Zeichen zwischen die Augenbrauen. «Jeden Abend kommt eine junge westliche Frau in einem blauen Sari hierher, mit einem entrückten Lächeln rennt sie Krishna entgegen und wirft sich bäuchlings vor dem Altar auf den Boden. Damit erweist sie ihm ihre Ehre.»

«Die komplette Unterwerfung», murmelte Toni. «Warum macht sie das?»

«Weil sie eine Liebende ist. Und die Liebenden sind die letzten Rebellen unserer Zeit. Sie erinnern uns an Gefühle, die so gross sind, dass sie die Wirklichkeit übersteigen.»

Der spinnt doch, dachte Toni, ist der etwa in so einer Art Sekte? 

Sie räusperte sich. «Ich muss jetzt gehen. Danke für den schönen Abend.»

«Ich habe doch gesagt, dass ich dich nach Hause bringe, Radha

Er führte sie hinaus, auf der Treppe aus Marmor knipste er eine Jasminblüte von einem überhängenden Strauch ab und steckte sie ihr ins Haar.

«Du bist wunderschön.»

«Ich nehme jetzt ein Taxi.»

Sie setzte sich in Bewegung, beschleunigte ihre Schritte, ihr Herz pochte schnell. Ravi holte sie ein, bekam sie an den Schultern zu fassen und versuchte sie zu küssen. Sie stiess ihn weg.

«Lass mich in Ruhe», schrie sie laut in die Nacht hinaus.

Er blieb stehen. «Du verdammte Hure!», hörte sie ihn aus der Dunkelheit schreien.

Toni riss sich im Gehen die Blume aus dem Haar und zerdrückte sie mit ihren Ballerinas. Dann wählte sie die Nummer der Polizei.

 

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