Autorin bleiben!

Blitzlichter eines Du

Im Sanatorium an der alten Landstrasse werden gerade schwierige Lebensfragen diskutiert. In den letzten Monaten gab es hier Yogalektionen eines bärtigen Yogibärs per Live-Stream aus Indien (schmacht) , gutaussehende Naturzahnärzte (ja, ich weiss: es klingt wie ein Widerspruch), fremdgehende Ehemänner mit anschliessendem Ringtausch (noch ein Widerspruch), die kompromittierenden Sneakers eines muskulösen Mannes, der es polyamor bevorzugt. Poly … was? Menschen, die Polyamorie praktizieren, befinden sich meistens in einer langjährigen Partnerschaft und fühlen sich dem Partner gegenüber wie «Schwester und Bruder»; das Feuer ist weg, das Knistern verpufft. Mit offenem Fremdgehen versucht man, sich die Intensität des Anfangs wieder zurück ins eigene Leben zu holen. Zwischen Hatha-Yoga-Stunde und meditativem Waldspaziergang fragt Fabs: «Muss man heutzutage seine Wertvorstellungen anpassen, um bei der Partnersuche erfolgreich zu sein?»

Ich gebe es zu, und ich bin überhaupt nicht stolz darauf: Früher habe ich auf einen Mann gewartet wie auf den Messias. Ich wolle bejaht werden, meiner Emotionalität eine Heimat geben. Natürlich habe ich währenddessen auch geliebt – ich habe mich auf uneigentliche Verhältnisse eingelassen, mich immer wieder entwerten lassen und mein Körper musste als Schlachtfeld für mein geringes Selbstbewusstein herhalten. Zuerst musste ich einmal von ganz tief innen her überzeugt sein, dass ich es WERT bin, geliebt zu werden.

Doch was die Liebe betrifft, habe ich mich niemals damit begnügt, was in meinen Augen einfach zu wenig ist. Irgendwann habe ich diesen einen Mann getroffen. «Ich habe es geliebt, mit ihm im Zug nach Alexandria zu sitzen und die Landschaft an uns vorüberziehen zu lassen. Zu zweit sieht man einfach mehr», ist ein Notat aus dieser Zeit. P. – so hiess er zu Beginn nur – «ist wach und vielseitig interessiert und er hat die Menschen gern. Und ich liebe seinen Humor.»

Heute berührt es mich, diese Zeilen einer Momentaufnahme zu lesen, von der ich damals noch nicht wusste, dass sie das erste Blitzlicht eines überwältigenden Du in meinem Leben werden würde. Die Frau, die ihre linke Betthälfte jahrelang nur mit Büchern geteilt hat, überblickt heute wieder ein Bett, auf dem ein Mann und eine friedlich schlafende Katze liegen, und sie sagt: «Familie ist mir das allerwichtigste.» Obwohl es eine Familie im klassischen Sinn nicht mal gibt.

Es stimmt: Als individualisiertes Selbst ist es vielleicht ein bisschen weniger «aufregend», zu lieben. Aber Aufgeregtheit um der Aufgeregtheit willen ist irgendwann nicht mehr erstrebenswert. Adrenalin ist am Ende des Tages immer noch ein Stresshormon. Und wer sagt denn, dass tiefe Gefühle Liebenden nichts zu bieten haben? Polyamorie ist für mich etwas für Menschen, die den einfachsten Weg gehen und sich nicht trauen, den eigenen Mut auf die Probe zu stellen. Darüber hinaus ist sie ein Eingeständnis, dass man die Liebe aufgegeben hat. Und ich glaube an die Liebe, hey, schliesslich bin ich Romantikerin! Eine Romantikerin mit einer gesunden Portion Realitätssinn. Denn: In einer Beziehung einigermassen glücklich zu sein bedeutet glücklich zu sein.

 

 

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