Extrembüglerin

Warum wir postpandemisch wieder reisen sollten

Ich werde mein Leben lang Nomade bleiben, verliebt in den wechselnden Horizont, in die unerforschten, fernen Orte, denn jede Reise, selbst zu den überfülltesten und viel besuchten Ländern, ist eine Entdeckung.
—Isabelle Eberhardt

Es ist nicht das erste Mal, dass er mir diese Frage stellt. Ein guter Freund von mir, einige Jahre jünger und eigentlich ohne Scheuklappen unterwegs, fragt mich: Was bringt Reisen überhaupt? Mein Puls taktet einen Moment im Doppelschlag, liebevoll-ungläubig schaue ich ihn an. Warst du denn noch nie in den wechselnden Horizont verliebt, mein Kind? Hat dich noch nie der Wind der Freiheit erfasst, der dir aus Furcht den Atem verschlägt und dich gleichzeitig in einen natürlichen Rauschzustand versetzt? Ja hast du denn noch nie alle Sicherheiten hinter dir gelassen?

Ich bin in Ägypten durch die Wüste gereist, bin in rasanten Minibussen gefahren, habe auf einem Beduinen-Hochzeit getanzt oder gegen einen Beduinenältesten Backgammon gespielt (und natürlich verloren). Ich habe im Kaffeehaus auf Arabisch um den richtigen Preis gefeilscht, einmal musste ich einen Angreifer mit meiner Handtasche in die Flucht schlagen. Und ich würde gern einmal auf einem Busdach durch eine offene Landschaft fahren oder auf dem Gipfel des Mount Sinai dabei zusehen, wie die ersten Sonnenstrahlen des Tages die karge Wüstenlandschaft in Besitz nehmen wie die langen Finger Gottes. Mit aller Ehrlichkeit, die ich aufbringen kann: Ich stehe dem Reisen ambivalent gegenüber, weil es auch mit grosser Anstrengung verbunden ist. Aber nie wäre ich auf die Idee gekommen, die Kosten-Nutzen-Rechnung aufzustellen. Reisen ist ein Geschenk, Reisen bildet (oh ja!), Reisen inspiriert und baut Vorurteile ab. Und ich glaube sogar, dass ich damit vor allem das Alleinreisen meine.

Natürlich kenne ich auch die Behaglichkeit eines Nests, das man sich mit dem Partner eingerichtet hat: Plötzlich wird die Anlieferung des neuen Kühlschranks mit dem Gütesiegel «vier Plus» zum grössten Abenteuer. Ein Kind bekommen und eine Familie gründen – und ob das ein Abenteuer ist! Das Leben ausloten zwischen diesen beiden Eckpfeilern Sicherheit/Geborgenheit und Freiheit/Abenteuer scheint mir jedoch nach wie vor der Inbegriff eines geglückten Daseins. Gegen Ende des letzten Jahres bin ich zum ersten Mal nach sehr langer Zeit wieder allein – ohne Partner – in die arabische Welt aufgebrochen. Ganz auf sich gestellt sein. Zu spüren, wer man ist und wie man sich ohne Gegenüber zurechtfindet. Es war beglückend, und gleichzeitig verängstigend. Reisen kann so vielschichtig sein und unter Umständen auch dazu da sein, die Vergangenheit von Schlacke zu befreien. Wenn der Aufbruch nicht nur symbolisch ist, sondern sich sozusagen «verkörperlicht», muss eigentlich fast etwas passieren. Es stimmt, dass man nicht vorhersehen kann, was die Reise mit einem anstellen wird. Doch das ist part of the game. Ganz ohne Risiko geht es nicht. Oder mit den Worten von Anais Nin: Und es kam der Tag, da das Risiko, in der Knospe zu verharren, schmerzlicher wurde als das Risiko, zu blühen.

Bleiben wir jetzt zu Hause – damit wir bald wieder reisen können.

 

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