Porträts

Hirte seiner Töff-Gemeinde

Der katholische Pfarrer Werner Läuchli tauscht das Messgewand gerne mit dem Leder-Kombi. Zu Beginn der Töff-Saison segnet er schwere Motorräder und deren Besitzer für eine unfallfreie Fahrt.

Als Pdf öffnen

Werner Läuchli taucht im Türrahmen seines Büros auf: Sein lockiges, rötliches Haar und das rundliche Gesicht haben rein gar nichts mit dem Bild eines asketischen Geistlichen gemein. Lederhosen- und -gilet spannen über dem Bauchansatz, die Augen funkeln vor Schalk. Auf dem Tisch ist ein Sturzhelm deponiert, die dazugehörige Lederjacke hängt über der Stuhllehne. «Ich muss nachher noch einen Kostümwechsel vornehmen», meint er mit Blick an sich herunter, «so kann ich keine Hausbesuche machen». Dem Tonfall nach zu urteilen gehören Umkostümierungen zu Werner Läuchlis Alltag. 

Der 56-jährige römisch-katholische Priester amtet seit fast zwei Jahren als Pfarradministrator in der Pfarrei Stammheim-Andelfingen im Zürcher Weinland. Ende April werden Motorrad-Gangs aus der ganzen Schweiz Pfarrer Läuchlis Ruf folgen und mit ihren schweren Geschossen auf dem grossen Parkplatz der römisch-katholischen Kirche Kleinandelfingen einfahren, um für die kommende Saison Gottes Beistand zu empfangen. Die geräumige Eingangshalle des Kirchgemeindehauses wird dann kurzerhand in eine Festwirtschaft umfunktioniert, wo unter anderem Grillwürste zum Verzehr bereit stehen. Für die anschliessende Messe disloziert man dann gemeinsam in die heiligen Gemäuer der Kirche. Bei einem allfälligen Besucheransturm würde Läuchlis Predigt per Lautsprecheranlage in die Festwirtschaft übertragen. Als Höhepunkt des Gottesdienstes können Gottesfürchtige in der ledernen Kluft einzeln den Segen für sich und ihre Maschinen entgegennehmen – für eine unfallfreie Fahrt. Bei schönem Wetter besiegelt die Töff-Gemeinde die Zeremonie unter aufheulenden Motoren mit einer kurzen Ausfahrt übers Land.

Es ist bereits der zehnte oekumenische Töffgottesdienst dieser Art, den Werner Läuchli organisiert. «Natürlich gibt es Stimmen, die sagen, dass das nicht katholisch ist», ist sich der Pfarradministrator bewusst. Einige hätten zum Beispiel Mühe damit, dass das Motorrad gesegnet wird. Man könne sich darüber streiten, ob es sinnvoll sei, Gegenstände zu segnen, aber schaden tue es sicherlich nicht. «Von dem bisschen Weihwasser beginnt die Maschine jedenfalls nicht gleich zu rosten», fügt Läuchli an und lacht so heftig, dass sein Bäuchlein wackelt. In seiner Predigt adaptiert er biblische Psalme auf die Bikersituation. Das bereitet ihm keine Mühe, denn er selbst fährt Motorrad, seit er 18 ist. Er liebt die Vibration der Maschine und den Fahrtwind, der seiner Haut schmeichelt, ausserdem das satte Grün der Wiesen im Sommer und die Intensität der verschiedenen Duftnoten zur Zeit der Heu- oder Getreideernte. Es ist die Verbindung zwischen Natur  und Technik, die es Werner Läuchli angetan hat.

Werner Läuchli war schon immer ein Naturmensch. Es erstaunt daher wenig, dass er Bauer war, bevor er die kirchliche Laufbahn einschlug. Mit 30 begann er Theologie zu studieren und über die Stationen Rom und Sizilien führte ihn sein Weg nach Syrien, in ein griechisch-melkitisches Kloster der Mönche aus Aleppo. Dort erlebte er aus erster Hand, was es heisst, als Christ in einem islamischen Staat einer Minderheit anzugehören. Doch damit nicht genug: Syrien war unter Präsident Hafiz al-Assad ein Spitzelstaat, die Ordensbrüder im Kloster wurden rund um die Uhr überwacht. Ein vertrauliches Gespräch ohne Zuhörer zu führen, war nur auf Spaziergängen möglich. Werner Läuchli erzählt detailliert und dennoch temporeich, Anekdote reiht sich an Anekdote und das alles klingt mehr nach einem Krimi als nach der Lebensgeschichte eines Geistlichen. Belastend sei diese Situation für ihn eigentlich nie gewesen, «man lernt damit umzugehen, indem man sich möglichst diplomatisch ausdrückt.» Und in gewisser Weise habe ihn diese Erfahrung wunderbar auf die Arbeit in einer Pfarrei vorbereitet: «In einer Pfarrei ist man auch im Glashaus ausgestellt und wird dauernd überwacht», meint er schalkhaft. Der Libanon-Krieg setzte seinem Syrien-Abenteuer ein jähes Ende: Das Kloster wurde zerstört, Läuchli kehrte in die Schweiz zurück.

Syrien als Schmelztiegel der Religionen und Ethnien hat Werner Läuchli geprägt. Seine Pfarrei möchte er zur Oekumene hin öffnen – und für dieses Ziel arbeitet er hart. Ein Ausdruck dieser oekumenischen Freundschaft sind die Gottesdienste für Motorradfahrer. Doch was hat das Rockertum mit dem Katholizismus gemeinsam? Läuchli zieht ein Vergleich aus der Schweizerischen Folklore heran: «Es ist wie mit der Kuh und dem Alphorn. Beide haben voneinander gehört, gehören aber nicht zwingend zusammen.» Natürlich seien die Töfffahrer ein «spezielles Völkchen», die in sehr hierarchischen Gangstrukturen organisiert seien und dort Halt suchten. «Doch sie verstehen Religion so, wie sie wirklich gemeint ist – als Ausdruck von Lebensfreude.»

Läuchli macht keine Klassenunterschiede, über Menschen zu urteilen liegt ihm Fern. Seine unorthodoxe Art passt in kein Schema, doch deswegen anecken tut er selten. «Ich glaube, die Menschen spüren, dass ich für alle da bin». Zehn Jahre lang hat er als Seelsorger im Gefängnis gearbeitet. Er weiss die harten Jungs anzupacken und hat dabei auch keine Scheu, jemandem mit den Fäusten Einhalt zu gebieten, wenn es sein muss. «Man kann nicht alles soft lösen», ist er überzeugt. Und was hat Pfarrer Läuchli selber auf dem Kerbholz? Unter Einbezug seines diplomatischen Könnens sagt er: «Die Einsicht, dass man selber Fehler hat, lässt einem die Fehler anderer leichter verzeihen.» Werner Läuchli hat eine unkomplizierte Beziehung zu sich selbst. In seinem vollgestopften Büro fühlt man sich auf Anhieb wohl,  Gastfreundschaft bedeutet ihm viel. Nie ist er zu bequem, seine Arbeit zu unterbrechen, um für ankommende Gäste eine Tasse Kaffee zu machen. An einem Nagel an der Wand hängt ein unauffälliges eisernes Kreuz mit einem Stechpalmenzweig – leicht zu übersehen, aber dennoch präsent. Die Abgründe des Menschseins sind Werner Läuchli bestens vertraut – gerade das macht ihn glaubwürdig.  

Erschienen in: Surprise Strassenmagazin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s