Porträts

Dem Ruf des Urwalds gefolgt

Emmi Füllemann war einst Köchin bei Albert Schweitzer im Spital von Lambarene. Heute denkt sie gerne an diese Zeit zurück. In Ellikon an der Thur hat sie Einblick in ihre Erlebnisse gewährt.

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Eigentlich liest sie ihren Namen nicht gerne in der Zeitung. «Aber wenn es sein muss – schreiben sie ihn wenigstens richtig!» Emmi Füllemann weiss, was sie will, und sie hat eine spannende Lebensgeschichte, aus der sie am Montagabend auf Einladung der Reformierten Kirchgemeinde Ellikon in der Gemeindestube erzählte.

Vor 48 Jahren ist Emmi Füllemann «dem Ruf des Urwalds» gefolgt, damals war sie 32-jährig. Bereits während der Schulzeit hörte die Wirtetochter aus dem Thurgau zum ersten Mal vom Urwalddoktor Albert Schweitzer, der in Lambarene in Eigenregie ein Spital aufgebaut hatte. Fasziniert von diesem aussergewöhnlichen Mann und seiner Arbeit, zögerte sie keinen Moment, als sie in einer Zeitschrift las, man suche Helferinnen und Helfer für Afrika.

Wächst Käse auf Bäumen?
Per Zug und Flugzeug reiste die junge Schweizerin also 1957 via Paris nach Gabun, das damals noch zu Frankreich gehörte. So wurde Emmi Füllemann Köchin des «weissen Haushalts» im Spital von Lambarene, 37 Kilometer südlich vom Äquator. Ihr unterstellt waren bis zu acht Schwarze, die weder lesen noch schreiben konnten. «Manchmal musste ich lustige Fragen beantworten», erinnert sie sich. Ob denn der Käse in Europa an den Bäumen wachse, beispielsweise. Strom gab es keinen. Einzige Ausnahme war der Operationssaal, der über Elektrizität verfügte, die mittels Benzinmotor erzeugt wurde.

Giesskanne als Dusche
Im ganzen Spital gab es nur zwei Duschen, bestehend aus einer Giesskanne, die man an einem Seil hochziehen und über seinem Kopf entleeren konnte. Auch Strassen existierten nicht, die Patienten und ihre Sippschaft kamen jeweils per Einbaum-Kanu auf dem Fluss. Nicht selten dauerte die Anreise zum Spital zwei Tage. «Das Spital war mit der Zeit zu einem lebhaften Dorf angewachsen», sagt Emmi Füllemann. Bis zu 400 Patienten konnten aufgenommen werden, und ausserdem waren im Lepradorf etwas abseits nochmals 180 Kranke untergebracht. Die Hitze unter der Sonne Afrikas hat Emmi Füllemann weniger zu schaffen ge macht als die hohe Luftfeuchtigkeit. «Ab und zu habe ich mich nach einem kalten Wintertag in der Schweiz gesehnt», lacht die quirlige 80-Jährige. Schweitzers Leitsatz der

«Ehrfurcht vor dem Leben» sei in Lambarene keine Theorie, sondern wunderbare Wirklichkeit gewesen. «Aber wir haben auch viel arbeiten müssen in Lambarene – unentgeltlich.» Emmi Füllemann redet von einer «reichen Zeit» in Afrika, und sie redet schnell. Schön sei es gewesen beim «Grand Docteur», der 1905, als 30-jähriger Doktor der Theologie, Medizin studierte, um in Afrika Arzt zu werden. Tagsüber habe Schweitzer Kranke gepflegt, während der Nacht habe er im Schein einer Petrollampe Bücher geschrieben.

Schweitzer spielte Piano
Wenn Emmi Füllemann einen Wunsch frei hätte, würde sie noch einmal ein Nachtessen in Lambarene erleben wollen. «Das war wahnsinnig schön!», schwärmt sie. So nah am Äquator bricht die Nacht schnell herein, und da es keinen Strom gab, besass jeder von ihnen sein eigenes «Sturmlämpli». Am langen Tisch im Hof kamen die Helfer aus zehn Nationen jeweils zum Nachtessen zusammen, redeten, lachten und sangen in die heisse Tropennacht hinaus, während Albert Schweitzer sie auf dem Piano begleitete. Emmi Füllemann erzählt lebhaft und eindringlich; an das Bild mit den Petrollampen, die auf der Veranda in einer Reihe stehen, denkt sie besonders liebevoll zurück. Bis 1960, während dreier Jahre, arbeitete Emmi Füllemann in Afrika. Fünf Jahre später, im Alter von 90 Jahren, ist Albert Schweitzer in Lambarene gestorben.

Während dieser wertvollen Jahre seien auch Freundschaften entstanden, die bis heute anhielten, sinniert Emmi Füllemann. Jährlich finde beispielsweise eine Zusammenkunft der Ehemaligen statt. 1997 ist sie zum zweiten Mal nach Lambarene gereist, zusammen mit anderen Ehemaligen. Sie erzählt vom modernen Spital und den Strassenlampen im Dorf, auch die Einbaum-Kanus sind verschwunden, inzwischen gibt es Strassen und sogar eine moderne Brücke. «Bagailleur!» habe sie gerufen, wie sie es früher immer getan hatte, um ein Kanu- Taxi heranzuwinken, doch heute mache das längst niemand mehr. «Das ist alles vorbei», sagt sie.

Heute betreibt Emmi Füllemann ein Restaurant im thurgauischen Maltbach, gutes Fondue könne man dort essen, und «guten Kuchen mache ich auch». Der Name des Restaurants passt gut zu einer so umtriebigen Frau: Restaurant «Biene».

Erschienen im «Landbote», November 2005

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