Porträts

Frau Tiptopf seit mehr als zwanzig Jahren

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Der Garten von Marianne Keller in Oerlingen ist ein Universum für sich. Ein ausladender Kiesweg führt zu einem kleinen Biotop, wo ein steinerner Frosch mit der lebenslustigen Frau um die Wette lacht. Ein Naturmensch – das ist sie. Ihr Kräutergarten liegt ihr am Herzen, besonders mag sie Süssdolden. Frische Kräuter dürfen in ihrer Küche nicht fehlen, denn kochen ist Marianne Kellers Leidenschaft. Als Hauswirtschaftslehrerin in Bassersdorf gibt sie ihr Wissen an junge Menschen weiter. Und nicht nur das. Indirekt vermitteln sie und ihre Mitautorinnen ihr Können an weitere Tausende von Kochbegeisterten Menschen in der Deutsch-, West- und Südschweiz. Die 60-Jährige Keller ist Mitautorin des «Tiptopf» – das meist gekaufte Kochbuch in der Schweiz, das in drei Landessprachen erhältlich ist. Eine vollständig überarbeitete Ausgabe ist gerade erschienen, 10 Prozent der insgesamt 544 Rezepte wurden ausgewechselt, die Rezeptsammlung den veränderten Gaumenfreuden angepasst. «Unzeitgemässe, von den Jugendlichen eher verschmähte Gerichte wie Kutteln oder Leberplätzli haben wir durch modernere, weltoffenere ersetzt», präzisiert Marianne Keller. Hinzugekommen sind zum Beispiel Gazpacho, Pita-Brot oder Wraps. «Gerichte, die schnell zubereitet und dennoch vollwertig sind.» Das Wort «gesund» möchte Marianne Keller am Liebsten aus ihrem Wortschatz streichen. In ihren Ohren klingt es allzu asketisch, irgendwie lebensverneinend. Sie möchte ihren Schülerinnen und Schülern die Sinnlichkeit des Kochens vermitteln. Deshalb hat sie die Jugendlichen auch ganz bewusst in die Entstehung des neuen «Tiptopf» mit einbezogen. Bei der Farbwahl fürs Layout waren ihre sie genauso tonangebend wie bei der Auswahl des Titelbilds. In Umfragen wurde den Jugendlichen auch hinsichtlich geschmacklicher Vorlieben auf den Zahn gefühlt. Angeführt wird die Hitparade der Lieblingsrezepte wie schon in etlichen Schülergenerationen zuvor von Pizza, dicht gefolgt von Currygerichten, Spagetti oder Lasagne.


Doch der «Tiptopf» richte sich nicht nur an Oberstufenschüler, sondern ganz allgemein an Kochanfänger. «Es gibt viele Männer, die auf den Tiptopf schwören», so Marianne Keller. Besonders die klare Rezeptsprache mache den «Tiptopf» zu einem unverzichtbaren Helfer für ungeübte Hände. Und Marianne Keller muss es wissen, denn sie ist «Frau Tiptopf» der ersten Stunde. 1986 wurde sie von der Bildungsdirektion für das Autoren-Mandat angefragt. Seither hat sie bei allen Überarbeitungen mitgewirkt – die eben erschienene Neuausgabe ist die 18. Auflage. Der «Tiptopf» ist der Schweizer Küchenklassiker schlechthin. Doch wie schreibt man eigentlich ein Kochbuch? Man habe gewisse Grundrezepte, und dann ginge es vor allem ums tüfteln und ausprobieren. «Jedes einzelne der Kochrezepte wurde von uns Autorinnen getestet.» Das fünfköpfige Autorinnenteam besteht aus drei weiteren Hauswirtschafslehrerinnen aus den Kantonen Zürich, Bern und Luzern sowie einer Ernährungsberaterin.


Zwei Jahre hat Marianne Keller am neuen «Tiptopf» gearbeitet und daneben immer hundert Prozent unterrichtet. Da sei die Umstellung schon etwas schwierig. Doch jetzt habe sie wieder mehr Zeit für ihre Hobbys, dazu gehört reiten, reisen oder Zeit mit Freunden verbringen. Sie hat gern Besuch. Marianne Keller fährt mit der Fingerkuppe über die feinen Rillen im Holztisch. «Jeder Gast hinterlässt wieder eine Spur.»
Mit Gastfreundschaft ist Marianne Keller überhaupt früh in Kontakt gekommen: Ihre Eltern führten das Restaurant Traube in Oerlingen mit gut-bürgerlicher Küche. Noch heute zeugen die Wiener Stühle am Esstisch von Kindertagen im lebendigen Gasthausbetrieb. Heute wird das Restaurant von ihrer Schwester weitergeführt. «Meine Mutter ist noch heute mein grösstes Vorbild. Sie musste so viel arbeiten und war trotzdem immer zufrieden.»
An ihr erstes Gericht erinnert sich Marianne Keller nur noch mit Schaudern. Der Besuch bei einer Tante löste in der 8-jährigen Marianne den drängenden Wunsch aus, selber eine genauso köstliche Ananas-Crème zuzubereiten. Da ihre Mutter gerade keine Zeit hatte, um ihr zu helfen, machte sie sich selber ans Werk. «Ich habe einfach etwas zusammengemischt». Das Resultat sei «fast nicht geniessbar» gewesen und mit ganz dicken Knollen durchzogen. Sie erinnert sich noch an den trockenen Kommentar ihrer Mutter: «Die musst du jetzt halt selber essen.» Die Zubereitung von Ananans-Crème überlässt sie seither tunlichst anderen.

Veröffentlicht am 28.04.2008 im „Landbote“

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