Nah

Flinke Wachmacher

Sie bringen verschlafene Pendler mit Kaffee und Gipfeli auf Trab – die «Wagelimänner»von Elvetino. Doch wie erleben sie selber die Reise im Zug? Ein Selbstversuch im IC 810 von Zirich nach Bern.

Als Pdf öffnen

Auf dem Perron von Gleis 13 im Zürcher Bahnhof geht es in diesen frühen Morgenstunden gewohnt hektisch zu und her. Nur zehn Minuten verbleiben noch, bis der Zugführer mit einem gellenden Pfiff das Signal zur Abfahrt erteilt. Schemenhaft zeichnet sich eine Person im Viereck des offenen Gepäckwaggons ab. Sie winkt mich zu sich: Gjevdet Gashi, 37-jährig, seit zwölf Jahren Railbar-Steward bei Elvetino und für die nächsten 57 Minuten mein Chef.

Ich bin ein hoffnungslos unpraktischer Mensch. Meine kurze Karriere im Service nahm einst bereits bei einem Probeeinsatz in einem Café ihr unrühmliches Ende. Damals schüttete ich Kaffee auf jedes Hosenbein, das mir in die Quere kam. Man kann es nicht anders sagen: Im Service bin ich eine Fehlbesetzung. Und ausgerechnet ich soll Gjevdet Gashi heute bei seiner Arbeit zur Hand gehen?! Wenn das nur gut kommt.
Der «Wagelimaa»legt seine Lederjacke ab und verstaut seine Tasche. Mir überreicht er ein Namensschild. Alles ist bereit für die Tour. Die Minibar des Typs «Dopio»ist voll beladen, die Batterien für die zwei Kaffeemaschinen stehen auf 100 Prozent Leistung. Als der Zeiger auf sieben Uhr springt, setzt sich der IC in Fahrt; Gjevdet Gashi und seine unbeholfene Assistentin sind unterwegs Richtung Bern. Jetzt gibt es kein Zurück mehr.
Gashi schiebt den «Dopio» mit einem Rumpeln durch den Türrahmen und durchbricht die andächtige Stille im Zugabteil: «Kaffee, Tee, Gipfeli», preist der fliegende Händler sein Angebot. Früh morgens reisen vor allem Geschäftsleute. Die Passagiere der ersten Klasse blicken kurz auf, dann wenden sie sich wieder ihrer Zeitung oder dem Laptop zu. Ich klammere mich ans hintere Ende des Wagelis und schaue Gashi  ewundernd bei der Arbeit zu. Flink verteilt er Servietten, Zuckerbeutel und Kaffeerahmdosen auf den Ablagen, serviert Becher mit dampfendem Kaffee und kassiert am Ende ein. Ich bewundere seine Wendigkeit. Da kann der Zug noch so heftig ruckeln, der Steward behält immer einen sicheren Stand. Erleichtert stelle ich fest: Für mich gibt es offensichtlich nichts zu tun.

Auf den 3000 Kilometern Streckennetz der SBB sind insgesamt 250 Railbar-Stewards im Einsatz. Ihnen stehen vier verschiedene Typen von Minibars zur Verfügung, die sich nach Grösse und Angebot unterscheiden. In den IC-Zügen kann nur das Oberdeck mit der Minibar bedient werden, für die Bedienung des Unterdecks in der ersten Klasse wird deshalb auf manchen Strecken ein zusätzlicher Steward eingesetzt. Das ist heute mein Job.

«Mein Umsatz, mein Umsatz!»

«Du gehst einfach runter und fragst, ob jemand etwas will.» Zweifelnd schaue ich meinen Chef an, doch für Fragen bleibt keine Zeit. Zögern trete ich vor die automatische Türe des Unterdecks,die sich lautlos zur Seite schiebt. Ich nahere mich einer Vierersitzgruppe und frage freundlich, ob jemand einen Wunschhabe. «Ich bin von Elvetino», füge ich noch an. Die Passagiere lächeln freundlich zurück – und schütteln den Kopf. «Die glauben mir kein Wort», schiesst es mir durch den Kopf. Auch bei der nächsten Sitzgruppe nur Kopfschütteln. Und bei der übernächsten genauso wie beim ganzen Rest. Mit hängenden Schultern kehre ich zu Gashi zurück ins Oberdeck. «Es wollte niemand etwas bestellen», berichte ich kleinlaut. Gjevdet Gashi verdreht gespielt die Augen und verwirft die Hände. «Mein Umsatz, mein Umsatz», jammerter. Mit meiner Beteuerung, dass ich fast jeden Passagier persönlich angesprochen habe, finde ich bei ihm kein Gehör. Unter Lachen äussert Gashi den folgenschweren Satz: «Gib es zu, du hast gar nicht gefragt.» Diesen Vorwurf will ich nicht auf mir sitzen lassen. Doch ich muss meine Strategie ändern. Beim nächsten Unterdeck kann ich meinen Tatendrang
kaum mehr zügeln. Na warte: Brust raus, Bauch rein, die Schiebetüre fährt zur Seite, und mit Karacho hinein ins Abteil. «Guten Moooorgen», sage ich laut und bestimmt, damit alle im Abteil es hören können.
«Kaffee? Gipfeli?» Die Passagiere lächeln freundlich und schütteln den Kopf.
fee? Gipfeli?» Ein langer, unerträglicher Moment der Stille. Dann hebt sich die erste Hand. Und noch eine. Viermal Café créme! Ich juble innerlich, speichere die Bestellung im Gedächtnis und stürme freudig die Treppe hinauf.

Die erste Minibar wurde 1950 auf den Berner Oberlandbahnen eingesetzt. Das Angebot war damals ganz auf die vermögende Oberschicht ausgerichtet, denn: Eine Zugreise aus Freizeitgründen war das Privileg der oberen Zehntausend. Wer sie sich leisten konnte, musste das nötige Kleingeld mitbringen. Im Zug einen Kaffee serviert zu bekommen, bedeutete seinerzeit Luxus pur. Anders heute: Die Produkte des «Wagelimaas» sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken, den «Elvetino»-Kaffee leistet man sich einfach.

Nun kommt die grösste Herausforderung: Kaffee servieren in einem wackelnden Zug. Gashi überreicht mir den Karton mit vier dampfenden Kaffeebechern und schickt mich zurück ins Unterdeck.Ich bin froh um diesen Karton, die Becher sind gut darin festgemacht. Vorsichtig nehme ich eine Stufe um die andere, etwas zu verschütten wäre peinlich. Heil bringe ich mein Karton-Serviertablett bis zum Eingang. Doch wer hatte nun den Kaffee bestellt? Zu meinem Glück geben sich die Passagiere von sich aus zu erkennen. Mit dem Portemonnaie in der einen und dem Karton in der anderen Hand könnte ich beim Einkassieren gut eine dritte gebrauchen. Trotzdem: Langsam beginnt es richtig Spass zu machen.

Rückwärts mit dem Ungetüm

Im Oberdeck laufen die Kaffeemaschinen des «Dopio» immer noch heiss. Exakt 55 Sekunden benötigt die Maschine für die Zubereitung eines Kaffees. «Zeit genug, um mit den Passagieren zu plaudern», findet Gjevdet Gashi. «Das ist meine Chefin», erklärt er einem Reisenden, auf mich deutend. «Ich habe eine nette Chefin, gälled Sie?» Die Kaffeemaschine blinkt, sie verlangt nach Wasser. Ich reiche Gashi die Wasserflasche. Wir sind ein Team.

Die Minibar-Stewards bringen Farbe in die Schweizer Züge, weil sie meistens viel Temperament haben, gut gelaunt und frdhlich sind. Der Ausänderanteil bei den Stewards beträgt satte 90 Prozent, sie kommen aus 70 verschiedenen Nationen. So auch Gjevdet Gashi: Er stammt ursprünglich aus dem Kosovo.

Die Zeit galoppiert. Bereits erscheinen die ersten Dächer von Bern, die elektronische Stimme der Ansagendame kündigt die Einfahrt an. Es wird Zeit für den Rückweg. Den Snack-Wagen im Schlepptau, muss der Railbar-Steward den Passagierraum in die entgegengesetzte Richtung durchpflügen, um an seinen Ausgangsort zurückzukehren. Dieses Vergnügen wird heute mir zuteil. Mit diesem Ungetüm riickwärts zu manövrieren, scheint mir ein Ding der Unmöglichkeit. «Am Besten ziehst du nur mit einer Hand.» Gjevdet Gashi ist ein geduldiger Mentor. Überall sind Gepäckstücke der Passagiere im Durchgang. Ich hangle mich von Abteil zu Abteil, entschuldige mich überall geflissentlich. «Halte den Rücken möglichst gerade», weist Gashi mich an. «Nicht rückwärts schauen.» Nicht rückwärts schauen? Das muss wohl ein Scherz sein.

Mein Chef erbarmt sich meiner und übernimmt das letzte Stück selbst. Der Zug hält, Gjevdet Gashi schliipft in seine Jacke, klemmt sich die Tasche unter den Arm und hüpft behende vom Gepäckwaggon. Es bleibt Zeit für eine kurze Kaffeepause. Am Stehtisch erzahlt er, warum er seinen Job liebt: «Ich reise überall hin, sogar ins nahe Ausland, nach Mailand beispielsweise. Und das ganz ohne Billette.» Gjevdet Gashi gluckst.
Er hat es gerne, wenn etwas lauft, so wie heute Morgen. Ein Kontrollblick auf die Uhr, er darf seinen Zug nicht verpassen. Ihm selbst sei das noch nie passiert. «Aber man hört schon solche Geschichten.» Er fahre gerne Zug, auch in seiner Freizeit, sagt er noch. Dann ist er weg, verschwindet in der Menschenmenge.Keiner der Reisenden auf dem Perron wurde vermuten, dass dieser Mann ihnen in wenigen Minuten im IC den Kaffee servieren wird.

Erschienen im Surprise Strassenmagazin, August 2008

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s