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Zum Picknick bei Amma

Die Inderin Mata Amritandandamayi spendet mit ihren Umarmungen Zehntausenden von Menschen Trost und Zuversicht. Am Wochenende hat sie in Winterthur Halt gemacht.  

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Ausgerüstet mit Schlafmatten und Wolldecken strömen die Besucher an diesem sonnigen Herbstmorgen in die Eulachhalle. Die geparkten Wohnmobile und Camper vor der Halle sprechen eine deutliche Sprache: Die Menschen sind von weit her gekommen, um Amma zu sehen. Ganze Familien machen es sich mit Kind und Kegel auf dem Hallenboden gemütlich, einige spielen Karten. Die Stimmung ist heiter, ein bisschen wie beim Familienpicknick. Doch statt Sandwichs gibt es geistig-spirituelle Nahrung, und als Höhepunkt schliesst Amma jeden, der will, in ihre kräftigen Arme. «Einige haben sich extra sechs Wochen Ferien genommen, um Amma auf ihrer Europatournee zu begleiten», so Irmgard Preisinger, Medienvertreterin von Amma in der Schweiz.

Jeder kommt dran

Auf einer Tournee mehr als einmal das «Darshan» zu empfangen, ist unter Kennern allerdings verpönt. Neulinge bekommen einen grünen Punkt auf die Kleider und werden bevorzugt behandelt, denn die Wartezeiten sind teilweise lang. Jeder Umarmungswillige bekommt einen «Token» und nähert sich ihr zuletzt auf Knien. Auf einem gelben Merkblatt wird man über die wichtigsten Verhaltensregeln des «Darshans» aufgeklärt: Man soll darauf achten, Amma nicht mit den Knien auf die Füsse zu treten, auch sich vor ihr zu verbeugen ist nicht erlaubt. Für die Umarmung gilt: Sich nicht an sie klammern oder ihren Kopf oder das Gesicht berühren. Ist der grosse Moment endlich gekommen, werden einige Anhänger von ihren Emotionen überwältigt. Nur ungern und mit tränenverschleierten Augen lösen sie sich von der Inderin, manche lächeln entrückt. Andere müssen mit sanftem Druck aus Ammas Armen wegbefördert werden. Doch in Ammas Schoss gibt es keine Scham.

Die grosse Feministin

Mata Amritandandamayi, von ihren Anhängern schlicht Amma für Mutter genannt, ist ein Phänomen für sich. Die kleingewachsene Südinderin mit der weissen Kleidung und dem obligaten goldenen Nasenring ist eine Unermüdliche. «Eine Frau der Tat», wie Irmgard Preisinger sie beschreibt. Sie ist eine Mahatma, also eine «grosse Seele.» Seit dreissig Jahren kämpft sie unermüdlich für die Ärmsten dieser Welt, der Name ihres Hilfswerks steht hinter Computerschulen, Waisenhäusern, Kliniken und Entwicklungsprojekten in über dreissig Ländern. Und nicht nur das: Amma hält Brandreden für den Feminismus, vergibt Mikrokredite, setzt Frauen als Priesterinnen ein und auch gegen das Mitgift-System spricht sie sich mit sehr deutlichen Worten aus: «Die Frau ist der Reichtum, der durch die Heirat gewonnen wird.» In Indien ein Tabubruch. Doch Amma ist eine Unbeirrbare. Als Fischermädchen in ärmliche Verhältnisse geboren und einst von ihrer Familie verstossen, füllt die 51-Jährige heute riesige Konzerthallen. Mit ihren Umarmungen verkörpert sie das mütterliche Prinzip der Nächstenliebe. «Ohne mütterliche Werte geht die Welt zugrunde», ist ihre Botschaft. Es heisst, dass sie bis zum heutigen Tag bereits 26 Millionen Menschen an ihr Herz gedrückt hat. Sie habe dieses Leben nicht gewählt, betont sie unermüdlich. Es habe sie gewählt. Damit ist sie auf bestem Weg, eine Ikone zu werden wie einst Mutter Theresa oder Mahatma Gandhi.

Erschienen am 19.10.2008 im Winterthurer Stadtanzeiger

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