Fern, Reportagen

Beirut in Zeiten des Aufruhrs

Die Libanesen haben genug von den korrupten Machteliten. Ein Augenschein in der Hauptstadt Beirut.

In der Armenian Street in Beirut an einem Sonntagabend: Langsam setzt die Dämmerung ein, aber die hell erleuchtet Haupt-Einkaufsstrasse ist immer noch belebt, die Schriftzüge der Imbissbuden schimmern in Neon, an den Kleiderständern vor den Läden hängen billige T-Shirts in bunten Farben. Junge dunkelhäutige Frauen, viele haben ihre Haare zu Cornrows geflechtet, schlendern zu zweit von Laden zu Laden, einige gehen eingehakt. «Das sind Äthiopierinnen», erklärt Vartan, mein Fahrer. Der Sonntag ist ihr einziger freier Tag in der Woche, dann gehen sie raus und geniessen einige sorglose Stunden. Denn frei von Sorgen ist ihr Leben im Libanon nicht: Hinter verschlossenen Türen leben und arbeiten im kleinen Staat am Mittelmeer rund eine Viertel Million Dienstmädchen aus Asien und Afrika, manchmal unter fast sklavenartigen Bedingungen. «Eine Philippina ist teuer, Äthiopierinnen arbeiten billiger», erklärt mir Vartan. Er selbst ist armenischer Abstammung und steht kurz vor der Pensionierung. Er arbeitet als Chauffeur für eine internationale NGO, ein Hausmädchen kann er sich nicht leisten. Er rechnet vor: Zuerst bezahlt man 3000 Dollar für die Vermittlung, weiter fallen monatliche Ausgaben für das Salär von 200 Dollar an – ein Lohn weit unter dem libanesischen Durchschnitt von 450 Dollar. Gerechtfertigt wird der niedrige Lohn damit, dass die Arbeitnehmerinnen im Haushalt wohnen und der Arbeitgeber für Nahrung, Kleidung und Hygieneprodukte sowie die Aufenthaltserlaubnis aufkommen muss.

Viele Libanesen stehen finanziell stark unter Druck: Die Lebenserhaltungskosten sind hoch, es gibt keine Steuerprogression, die Pension wird einmalig ausbezahlt, nach Erreichen des Pensionsalters ist es Angestellten untersagt, weiterhin zu arbeiten. Hinzu kommen exorbitante Handykosten. Das alles treibt Libanesen aller Couleur seit dem 17. Oktober auf die Strasse, die Downtown Area ist das Symbol für die sozialen Ungleichheiten im Land. Während des blutigen Bürgerkriegs verlief hier die Frontlinie, nach Kriegsende lag sie in Schutt und Asche. Rafik Hariri, der Vater des inzwischen zurückgetretenen Ministerpräsident Saad Hariri, hat damals als reicher Geschäftsmann das ganze Viertel, das direkt am Meer liegt, aufgekauft und die Handwerker und Händler umgesiedelt. Nun schiessen hier moderne sandsteinfarbene Gebäude mit Glasfronten in die Höhe, doch das Viertel ist gesichtslos und ohne Leben.

«Wir gehen auf die Strasse, weil wir öffentliche Plätze für das Volk zurückerobern wollen», fasst es Moustafa zusammen. «Normalerweise ist die Downtown Area leer, während der Proteste haben sich Tausende hier versammelt», erklärt er den Teilnehmern der Alternative Walking Tour, die Besuchern seit 2014 viermal wöchentlich einen Einblick in das andere Beirut gewährt. Die Kritik wendet sich an die Elite, die sich selbst bereichert. Gelder, die Projekten für die Allgemeinheit zufliessen sollten, versickern in den Taschen der Mächtigen. «Wir zahlen Steuern, haben aber fast keine öffentlichen Dienstleistungen», fügt die Libanesin Aya hinzu. Die Infrastruktur ist marode: der öffentliche Verkehr wird immer mehr zurückgefahren, aus den Leitungen in den Haushalten der Hauptstadt kommt allzu oft salziges Wasser, in jedem Gebäude sind Generatoren installiert, weil auf die öffentliche Stromversorgung keinen Verlass ist. Die gemeinsamen Forderungen bringen Libanesen aller Religionszugehörigkeiten und Schichten dazu, ihrem Ärger auf den Strassen Luft zu machen. Nun bereits seit Wochen. Die Proteste verliefen bisher friedlich. «Ich weiss nicht, ob das gleiche in einem anderen Land nicht schon längst zu einem Bürgerkrieg geführt hätte», sagt Moustafa. Die Leader verhalten sich ruhig und melden sich selten zu Wort. Ministerpräsident Hariri ist zurückgetreten, aber da das Regierungssystem sowieso alle vier Jahre einen Wechsel vorsieht, ist das für viele Libanesen nur ein kleiner Sieg. Dass sich die Regierung so gespenstisch ruhig verhält, hat auch mit den bis zur Perfektion austarierten Machtverhältnissen im Land zu tun. Laut der Verfassung besetzen die grössten religiösen Gruppierungen die höchsten Positionen in der Regierung. Der Präsident muss ein maronitischer Christ sein, der Premierminister ein sunnitischer Muslim, der Parlamentsvorsitzende ein sunnitischer Schiite und der stellvertretende Parlamentsvorsitzende ein Anhänger der griechisch-orthodoxen Kirche. Die 128 Sitze im Parlament sind unter Christen und Muslimen aufgeteilt, und diese wiederum in die einzelnen Gruppierungen wie Sunniten, Schiiten, Drusen, Orthodoxe, Katholiken usw.

Diese Machtteilung hat bisher Schlimmeres verhindert, glaubt Moustafa. «Denn sobald eine Gruppe eingreift und es zum ersten Toten kommt, beginnen die Schuldzuweisungen», sagt der Libanese, der eine NGO im Umweltbereich ins Leben gerufen hat. Das Risiko, als Sündenbock zu gelten, möchte niemand eingehen. Eine Zuspitzung der Lage wird so umgangen – aber auch die Lösung der Probleme, weil niemand die Verantwortung übernehmen will. «Alle Probleme im Land lassen sich letzten Endes auf eine schwache Regierung zurückführen», so Moustafa.

Ein möglicher Lösungsansatz für die Aktivisten wäre eine Regierungsbildung mit Technokraten – also Personen, die keiner Partei angehören, sondern Experten sind auf ihrem Gebiet. «Wir wollen einen Finanzexperten im Finanzdepartement, ein Ingenieur im Bausektor und einen Mediziner im Gesundheitssektor», verdeutlicht er. Dass das wahrscheinlich niemals Realität wird, weiss Moustafa haargenau.

Die libanesische Flagge steht in diesen Tagen für Stolz und Selbstbestimmung, die Medien in der arabischen Welt stellen in ihrer Berichterstattung das tanzende und feiernde Volk auf dem Märtyrerplatz in den Mittelpunkt und zementieren damit die Vorurteile, die über den Libanon kursieren: Ein Volk, das pausenlos Party macht. Besonders augenfällig erscheint dies angesichts der Tatsache, dass Menschen zeitgleich auch andernorts, im Irak, auf die Strasse gehen und den Rücktritt der Regierung fordern. Dort gingen die Sicherheitskräfte mit massivem Tränengaseinsatz gegen die Demonstranten vor, es kam zu über 100 Toten. Nichtsdestotrotz fühlt sich Moustafa von den Meinungsmachern ernst genommen, «wir spüren über die sozialen Medien eine unglaubliche Welle der Solidarität aus der ganzen Region.» Auch eine Spur Neid schwinge mit. Seine Meinung in der Öffentlichkeit geltend zu machen ohne Angst vor Vergeltung ist schon viel. Eine gesicherte Zukunft bedeutet es noch lange nicht.      

13. November 2019

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