Autorin bleiben!

Beirut und der schwarze Mercedes

Ich bin in Ägypten einst durch die Wüste gereist und habe auf Beduinenhochzeiten getanzt, ich bin in rasanten Minibussen mitgefahren und habe einen aufdringlichen Mann mit meiner Handtasche in die Flucht geschlagen. Man könnte also meinen, gerade ich müsste für das Abenteuer Beirut (oder Beyrouth auf Französisch) bestens gerüstet sein. Tja, weit gefehlt: Vor meiner Abreise hielt mich eine unerklärliche Nervosität fest im Griff. Wird man so, wenn man sich in die Häuslichkeit zurückzieht und plötzlich anfängt, selbst Pastateig zu machen, Spargelschäler praktisch zu finden und sich einen Kühlschrank mit dem Gütesiegel «vier Plus» anschafft und dabei eine tiefe Befriedigung empfindet? Okay, in Beirut sind Demonstrationen gegen die Regierung im Gange, seit Tagen, Wochen schon. Aber schliesslich gab es 2011 in Kairo auch Demonstrationen gegen die Regierung, worauf Mubarak zurücktrat. Die Normalität war bei meiner Ankunft in Kairo zwar vorübergehend wieder eingekehrt. Unberechenbar blieb die Lage trotzdem. Unglaublich, dass ich damals nicht mal die EDA-Seite konsultierte! Acht Jahre später bin ich wohl auch einfach acht Jahre älter und ängstlicher. Zudem bin ich in den letzten Jahren fast ausschliesslich mit meinem Partner gereist.

Dabei stehe ich ja quasi unter dem Schutz des Internationalen Komitee des Roten Kreuzes, da ich meine liebe Nachbarin besuche, die hier einen humanitären Einsatz macht. Meine Ankunft in Beirut war dann – im Nachhinein gesehen – sehr arabisch und damit ganz nach meinem Geschmack. Mein von mir in letzter Minute organisierter Transfer ist nicht erschienen und so kam bereits zum ersten Mal mein in Kairo erlerntes Verhandlungsgeschick zum Einsatz. Da ich wusste, dass eine Taxifahrt in die Stadt maximal zwanzig Dollar kosten darf, blieb ich stur und unnachgiebig, obwohl die Fahrer beteuerten, eine Fahrt in die Stadt koste wegen der Steuern 45 Dollar. Einer der lizenzierten Taxifahrer meinte, sein «brother» fahre mich für zwanzig Dollar, er hole mich mit einem schwarzen Mercedes ab. Ich musste losprusten, was für ein Klischee, worauf der Fahrer mich zur Ruhe mahnte, er würde sonst eine Strafe bekommen. Ich schaute mich um. Überall Polizisten. Wohl war mir nicht, aber viel Zeit zum Nachdenken blieb nicht, der schwarze Mercedes kam angebraust, ich inspizierte den Fahrer und befand ihn für vertrauenswürdig, Gepäck einladen, Türen zuschlagen und mit einem Riesengaracho anfahren, was mit lauten Rufen seitens der wartenden Taxifahrer quittiert wurde, die sich um ihr Geschäft betrogen fühlten. Der in der Sonne glänzende Mercedesstern am Bug wies dem Fahrer den Weg Richtung Hamra. Na also. Geht doch.

 

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