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Rentner in der Rüebli-RS

Im Haushaltkurs lernen gestandene Mannsbilder wie man Hemden bügelt und Brot bäckt. Währenddem der Teig aufgeht, tauscht man Gedanken über zeitgemässe Rollenmodelle aus.

Eifrig brüten die sechs Männer über die richtige Wahl des Waschmittels. Die Herren, deren Haar eher schütter denn voll ist, nehmen am Haushaltungskurs der Landwirtschaftlichen Schule Strickhof in Winterthur teil, ein Pilotprojekt. Dass sie in der Schulküche stehen, kommt nicht von ungefähr: «Als meine Frau ins Krankenhaus musste, bin ich zu Hause ganz schön ins Schleudern geraten», erzählt Karl Durscher. Die Mitwirkungsgründe ähneln sich. Unvermutet mussten Pausenbrote gestrichen, Wäsche gewaschen und hungrige Kinder- und Enkelmägen gestopft werden.

Ist die Hausfrau ausser Kraft, stolpert der ungeübte Ehemann im Haushalt schnell einmal über seine eigene Unbeholfenheit. Den Jüngeren passiert das kaum mehr: Martin Wiggli ist Mitte Vierzig und Vater von drei Kindern, das jüngste ist gerade mal zwei Jahre alt. Der Winterthurer teilt sich Haus- und Erwerbsarbeit mit seiner Partnerin, für ihn ist das selbstverständlich: «Meine Frau geht gerne arbeiten. Das respektiere ich.» Wiggli dient der Kurs, der von der evangelisch-refomierten Kirchgemeinde veranstaltet wird, vor allem zum Erfahrungsaustausch. «Gedacht war das Ganze für junge Väter und Hausmänner», erzählt Kirchenpfleger Daniel Goldenberger, der selber Teilzeithausmann ist. «Doch gemeldet haben sich fast nur ältere Männer.»

Wühlen wie im Ausverkauf

Erster Programmpunkt ist das Wäscheverlesen.  «Einmal sortiert ist bereits halb gewaschen», erklärt Gabriella Kuster am ersten Kursabend und breitet einen Haufen Schmutzwäsche aus. Die sechs Lernwilligen wühlen im Kleiderberg wie im Ausverkauf. «Wir unterscheiden zwischen Handwäsche und Maschinenwäsche», hilft die Kursleiterin auf die Sprünge. Jedes einzelne Kleidungsstück wird aufs Etikett hin begutachtet und anschliessend dem richtigen Häufchen zugeordnet – dunkel oder hell, dreissig oder sechzig Grad. «Ich habe meine Brille vergessen», stöhnt einer der Männer. Ein anderer hat Damenwäsche herausgefischt und sieht sich Hilfe suchend um. «Hierfür gibt es einen speziellen Beutel, damit die Waschmaschine nicht von den BH-Bügeln beschädigt wird», ruft ihm Kuster zu. Die Haushaltslehrerin gesteht, dass der Kurs auch für sie ein Experiment sei. «Bei den Vorbereitungen war ich plötzlich einen Moment verunsichert, ob mein Programm nicht zu banal ist.»

Ist es nicht. Denn bei der Waschmittelkunde brummt den Hausmännern in spe bereits das erste Mal der Kopf. Doziert doch Kuster über den Unterschied zwischen Fein- und Vollwaschmittel, erklärt Sinn und Unsinn von Weichspülern und skizziert Enzyme an die Wandtafel, um den Reinigungsvorgang zu veranschaulichen. Die Männer sind dankbare Zuhörer. In den Untiefen der Molekularbiologie fühlen sie sich wohl. Fragen kommen auf. «Hat Biowaschmittel etwas mit überdüngten Seen zu tun?» Oder: «Ist Weichspüler verantwortlich für das Fischsterben?» «Wie empfehlenswert sind eigentlich Waschnüsse?» Spätestens jetzt wird klar: Ganz so unerfahren sind die vermeintlichen Haushaltsneulinge nicht. 

Pièce de resistance ist allerdings nicht das Waschen, sondern das Hemdenbügeln, die Königsdisziplin unter den Haushaltsarbeiten. «Ihr solltet möglichst grossflächig bügeln», betont Gabriella Kuster und machts gleich vor. «Der Kragen kommt zuerst, danach werden der Reihe nach alle doppelten Teile geglättet.» Drei der Kursteilnehmer tragen Hemden – faltenfrei und gestärkt. Bügelexperten sind sie deswegen nicht. Das Wasser der Bügeleisen gurgelt, da und dort entweicht zu viel Dampf aus den Schlitzen. Ansonsten herrscht Stille, denn höchste Konzentration ist gefragt. «Passt auf, dass ihr nicht noch auf den Geschmack kommt», neckt die 40-Jährige.

«Guido, heute kochst du»

Martin Wiggli stellt das Glätteisen zurück in die Halterung, hängt das Werk an den Kleiderbügel und betrachtet das blau-karierte Hemd mit Zufriedenheit. Auch zu Hause würde er gelegentlich bügeln, doch sei er eher für die Bereiche Kochen und Putzen zuständig. «Meine Partnerin und ich haben eine gute Aufgabenteilung.» Eine Aussage, die ein Gespräch über Rollenmodelle entfacht. «Ich finde es gut, dass die Jungen sich heute die Haushaltsarbeiten aufteilen», sagt Guido Bauer. «Zu unserer Zeit stand das gar nicht zur Diskussion.» Bauer ist seit zwei Jahren pensioniert, seine Frau arbeitet noch. «Jetzt sagt sie manchmal zu mir: ‚Guido, heute kochst du.’»

Seine eigene Rolle als Vater sieht der Mittsechziger nun in verändertem Licht. «In unserer Generation hat man die Kinder noch herumkommandiert, ihnen Befehle erteilt. Mein Sohn geht mit seiner Tochter sehr spielerisch um, das schaue ich jetzt bei ihm ab.» Der ehemalige Postangestellte scheint mit dem Haushalt ein neues Betätigungsfeld für sich entdeckt zu haben.

In einer Gesellschaft, in der die Menschen dank des medizinischen Fortschritts immer älter werden, erstaunt das nicht. Menschen wie Bauer gehören zu einer neuen Generation von «jungen Alten» bis 75, die ihr Leben aktiv gestalten und mit viel Elan Neues lernen.

Daniel Wirz, Medienverantwortlicher der Pro Senectute des Kantons Zürich, redet in diesem Zusammenhang von der «späten Freiheit». Plötzlich könnten Rollenmuster gelebt werden, die vorher nicht denkbar gewesen wären. «Die heutige Zeit lässt für jeden Einzelnen viel mehr Raum zur freien Gestaltung.» Nach der Pensionierung verändert sich auch die Partnerschaft: «Der Mann verliert sein Reich und die Frau muss anfangen, das ihre zu teilen. Einerseits ist das sicher erwünscht. Doch sie muss akzeptieren können, dass er es vielleicht anders macht als sie», so Wirz. Das ist allerdings auch bei der jüngeren Generation ein Thema – mit ein Grund für die Organisatoren, den Kurs ausschliesslich für Männer anzubieten.

Der letzte Kursabend ist angebrochen und das gemeinsam zubereite Znacht köchelt bereits auf dem Herd. Vor dem Essen wird aber noch das Zopfflechten geübt – erst mit Küchentüchern, dann mit dem zuvor vorbereiteten Teig. «Zu Hause mache ich den Zopf jeweils nur mit drei Strängen», erzählt Guido Bauer. «Das ist für Anfänger», kontert Gabriella Kuster lachend. Gefragt sind vier Stränge. «Bürli könnte ich besser», stöhnt einer der wackeren Männer. Die Zöpfchen gelingen nicht allen auf Anhieb, aber spätestens im zweiten Anlauf.

Nach ihrer Bilanz gefragt, zeigen sich alle Teilnehmer begeistert. Ein zufriedener Guido Bauer will das Gelernte daheim in die Praxis umsetzen. «Wenn ich den viersträngigen Zopf zu Hause fertig bringe, habe ich wirklich etwas gelernt.»

Erschienen in: Surprise Strassenmagazin, August 2008

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