Nah, Reportagen

Plüsch-Handschellen und Rebellion auf Sparflamme

© deejay.photo

Eine Vertreterin der alten Partygeneration erlebt gemeinsam mit einem Grünschnabel die Streetparade. Ein Bericht von der Front.

Frauen im Häschenkostüm oder mit angeklebten Engelsflügeln bevölkern den Hauptbahnhof in Zürich. Ein Schliessfach zu finden, ist um zwei Uhr nachmittags bereits ein aussichtsloses Unterfangen. Unnötigen Ballast dabei haben will an der Strassenparade niemand. Möglichst frei und unbeschwert möchte man sein, aber dennoch nichts dem Zufall überlassen. Wird das Outfit sitzen? Wer darf wohin mit, und wer nicht? Zum ersten Mal beschleicht mich der Gedanke, dass das Techno-Fest für den typischen Raver eine organisatorische Herausforderung darstellt.

Wenig später treffe ich mich mit Deborave und Nortechna am Stadelhofen. Die beiden sind Mitte zwanzig. Nortechna stammt von der «old party generation», während Deborave in dieser Hinsicht noch völlig unerfahren ist. Ihr Ziel ist es, sich davon mitreissen zu lassen. Nortechna war in ihren Teenager-Jahren ein Raver-Girl. Begeistert erzählt sie von den Turnschuhen, die sie auf einen Holzklotz geklebt hat und silbrig angemalt hat. «Ich konnte mir damals ja keine Buffalo-Schuhe leisten», fügt sie erklärend hinzu. Sie beschreibt das Gefühl, das sie damals an den Umzügen empfand: «Es kribbelt in einem drin, in der Masse fühlt man sich stark und der Bass stellt einem den Herzrhythmus um». Deborave möchte unbedingt, dass ich das Wort Anabolikawunder in meinem Text erwähne. Die Muskelbepackten sind an diesem Nachmittag tatsächlich die ersten, die sich ausziehen.
Mit suchendem Blick geht ein älterer Mann mit langen blonden durch die Menge. Er ist nur mit einem String bekleidet, seine vielen Tätowierungen hat er alle rosarot eingekreist. Deborave amüsiert sich über seinen Anblick. Zwei Türkinnen mit Kopftuch spazieren mit unbeeindruckter Miene vorbei. Was sie wohl von diesem bunten Treiben denken?

Drei Monate Planung

Ohne Outfit an die Strassenparade zu gehen, käme für vier 18-jährige Frauen nicht in Frage. Sie sind als Politessen verkleidet, die Plüsch-Handschellen dürfen genauso wenig fehlen wie die Plastik-Pistolen. Eine der Politessen zaubert ein Höschen aus dem weissen Politessen-Stiefel. «Meine Stiefel sind eben zu breit», lacht sie. Sie sind gern Teil der Strassenparade, weil die Leute so offen sind. «Man lernt viele Leute kennen», sagen sie. Da ihr Outfit so gut ankommt, sind sie schon oft fotografiert und angesprochen worden. Ob sie sich lange vorbereitet hätten? «Nein, nicht so», lautet die Antwort der Oberstufenschülerinnen aus Hausen am Albis. Also zwei Tage? «Ungefähr zwei Wochen», lautet die Antwort. Später erzählt mir ein Raver, dass er jeweils drei Monate vorher mit der Planung für die «Streetparade» beginnt.

Die Lust am Anderssein

Als die Sonne durch die Wolken bricht, tauchen endlich die ersten Love Mobiles auf. «Züriiiiiiiiiiii!», schreit ein Speaker. «Wenn man hinter dem Wagen herläuft, spürt man den Bass am Besten», sagt Nortechna aus Erfahrung. Also los, hinein in die Menge. Wir kämpfen uns durch und schliessen uns dem Zug an, der sich nur langsam fortbewegt. Wir tanzen. Wir versuchen uns mitreissen zu lassen. Wie war das jetzt gleich nochmals mit den Herzrhythmusstörungen? Bald haben wir genug und retten uns wieder an den Strassenrand. Deborave und Nortechna geraten ins Grübeln. «Es ist die Lust, am Anderssein», sagt Nortechna. «Doch die Rebellion ist so inszeniert und unspontan, dass es fast schon wieder spiessig ist», fügt Deborave an. Mit Mitte zwanzig ist es für sie zum Einsteigen vielleicht einfach zu spät. Und für Nortechna gehört diese Zeit wohl nun endgültig der Vergangenheit an.

Erschienen im Landbote, 13. August 2007

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