Bsundrigi Ort, Essays

Prasselnder Regen, pfeifende Gewehrkugeln (Srinagar, Indien)

Der Dal-See, fotografiert von einem Bootshaus aus.

Bei Sonnenuntergang auf der hölzernen Bootsveranda zu sitzen, an einem köstlichen Grüntee mit Kardamom zu nippen und den Blick über den Dalsee schweifen zu lassen, ist ein geradezu mystisches Erlebnis. Von hier lässt sich beobachten, wie Männer mit arabischen Gesichtszügen in schmalen Booten sitzen – so genannten Shikaras – und das Paddel bedächtig in die spiegelglatte Oberfläche des Sees tauchen, begleitet von einem glucksenden Geräusch. In der Ferne schimmern die schneebedeckten Ausläufer des Vorderen Himalajas. Mit seinen angenehmen Sommertemperaturen ist Kaschmir für viele Inderinnen und Inder aus südlicheren Gefilden ein Sehnsuchtsort. Vor 1990 war das grüne Kaschmirtal ein beliebter Drehort für Regisseure der Bollywood- Filmindustrie. Doch seit Anfang der 90er Jahre wütet im indischen Teil Kaschmirs ein Bürgerkrieg zwischen muslimischen Separatisten und der indischen Armee. Der grösste Teil Kaschmirs gehört zu Indien, ein kleinerer zu Pakistan und ein winziger zu China. Da die Mehrheit der Bevölkerung des indischen Bundesstaates Jammu & Kashmir muslimisch ist, beansprucht es Pakistan für sich, Indien beharrt auf der Grenzziehung, die bei der Teilung Indiens im Jahr 1947 festgelegt wurde. Die Bevölkerung wäre gern unabhängig, doch eine Volksabstimmung wird ihnen seitens der indischen Regierung verweigert. Die Region ist wirtschaftlich ausgeblutet, es gibt keine Industrie, der einzige Wirtschaftszweig ist der Tourismus, doch die Touristen – inländische wie ausländische – bleiben der atemberaubenden Bergwelt fern. Die aufblitzenden Gewehrläufe an den Schultern der patrouillierenden Soldaten in den Strassen Srinagars machen klar warum. Mehrere hundert Tausend indische Soldaten sind im verschlafen wirkenden Hauptort stationiert, gleich viele lokale Polizisten kommen hinzu. Nirgends in Indien ist die Staatsmacht so präsent wie hier.

Tatsächlich liegen menschliche Tragödie und landschaftliche Schönheit kaum irgendwo so nah zusammen wie in Kaschmir. Unter anderem ist es die geografische Einzigartigkeit, die den Ort zu einem besonderen Fleckchen Erde macht. Das Kaschmirtal liegt an den Ausläufern des Vorderen Himalaja auf ungefähr 1700 Metern über Meer, eingebettet zwischen Pakistan, Indien und China und war jahrtausendelang Kreuzungspunkt von Karawanenstrassen. Händler haben hier auf ihrer beschwerlichen Reise Rast gemacht und sich von anderen Handelsreisenden Informationen über unpässliche Bergrouten beschafft oder sich gegenseitig ihre mitgeführten Schätze vorgeführt, kunstvoll verarbeitete Stoffe oder Silberschmuck. Seit Jahrtausenden hat Kaschmir eine Brücken- und Knotenfunktion zwischen Vorder- Zentral und Südasien; es wird in einem Atemzug mit dem Wort «Seidenstrasse» genannt. Schon immer war Kaschmir ein Schmelztiegel der Kulturen.

Fremdeinflüsse haben dazu beigetragen, Kaschmir zu dem zu machen, was es heute ist. Die Briten hatten während ihrer indischen Herrscherzeit eine besondere Vorliebe für das Tal. Weil es ihnen aber von Gesetzes wegen verboten war, Land zu erwerben, holten sie alte Lastkähne und vertäuten sie am Ufer des Dal Lake. Die Hausboote sind heute das eigentliche Wahrzeichen von Srinagar. In vieler Hinsicht scheint Kaschmir von der Welt vergessen zu sein und mindestens hundert Jahre zurückzuliegen. Die Lebensweise im Tal ist einfach und ehrlich, der arabische Einfluss vermischt sich auf ganz besondere Art mit dem asiatischen. Einige Tage auf einem solchen Hausboot zu verbringen, fühlt sich an, als hätte man eine Zeitreise gebucht. Die Soldaten mit ihren grimmigen Blicken sind auf dem See weit weg, die Sicht von der Bootsterrasse auf den glitzernden See ist atemberaubend und die Szenerie mit den schaukelnden Shikaras und den schachtelartigen ineinanander verkeilten Häuserfassaden gleicht einem Holzschnitt aus dem Alten China.

Doch die Boote sind in einem schlechten Zustand. Auf dem Dach fehlen teilweise Dielenbretter, vieles sieht verwahrlost aus. Nachmittags treffen sich die wenigen ausländischen Touristen auf dem Sonnendeck und man liest ein Buch, bringt sich gegenseitig einzelne Wörter in der jeweiligen Sprache bei, spielt Gitarre oder erzählt sich Geschichten. Kurz gesagt: Auf dem Hausboot gibt es absolut nichts zu tun; die Händler, die mit ihren schwimmenden Langbooten am Hausbootsteg anlegen und Import-Schokolade, Zigaretten und Bier verkaufen, bedeuten die einzige Abwechslung. Ohne Handy-Empfang, ohne Internet: Es ist die totale Abschottung von der Welt. Der gemächliche Lebensrhythmus überträgt sich schnell auf die eigene Gemütslage und mündet in eine beharrliche Gelassenheit. Hier, auf dem Dal Lake, verliert alles, was man jemals für wichtig gehalten hat, an Bedeutung. Ob das heisse Wasser für eine Dusche ausreichen oder die heizbare Decke funktionieren wird, wenn man des Nachts ins Bett steigt, sind an einem solchen Ort die wirklich bedeutsamen Fragen.

Was für ein friedvolles Leben herrscht auf dem See, und wie sehr steht es im Kontrast zu den Aufständen und Protesten, die sich in der Stadt Srinagar und den umliegenden Dörfern immer wieder ereignen. Unterschwellig sind die Spannungen dauerpräsent, doch die herzensguten Hausboot-Besitzer versuchen ein möglichst normales Alltagsleben zu führen. Frei bewegen können sich die Kaschmiris nur unter Vorbehalten, und das gilt erst recht für Touristen: Für die Erkundung des schwimmenden Gemüsemarktes oder der Shalimar-Gärten muss man sich von den Gastgebern begleiten lassen. Streifzüge auf eigene Faust sind nicht zu empfehlen. Die Ereignisse der letzten Monate, in denen es nach der Tötung von zwei jugendlichen Zivilisten zu Massenprotesten kam, deuten an, dass der Freiheitskampf nicht verebbt ist, sondern sich nur auf die nächste Generation übertragen hat. Die Konflikte und die Gewaltbereitschaft hat sich wieder verstärkt, «Go India Go», skandieren blutjunge Kaschmiris an Protestmärschen – gerade die jungen Männer stehen auf indischer Seite häufig in Verdacht, mit pakistanischen Untergrundkämpfern verbündet zu sein.

Wenn man dann abends nach einer kleinen nächtlichen Hausboot-Feier in sein eigenes Boot tappt und kurz vor dem Wegdämmern die Rufe des Muezzins über den stillen See schallen hört, fühlt man sich fremd und doch so geborgen. Behütet vom Bauch eines hölzernen Schiffes, einst vertäut von einem strammen Mitglied der britischen Armee, unter der Obhut einer muslimischen Familie, die nicht viel mehr besitzt als die aufrichtige Liebe füreinander. Das Geräusch des Märzregens, das stundenlang aufs Hausbootdach prasselt und den Rhythmus vorgibt für die kaschmirischen Volkslieder, gesungen von Menschen, die seit dem ersten Ausbruch des Konflikts vor fast dreissig Jahren schon so viele Tote beklagen mussten und dennoch ihren Lebensmut nicht verloren haben.

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