Nah, Reportagen

Generation Ally im Aufwind

Die kultige Frauenserie Sex and the City macht seit Februar auch in der Schweiz Furore. Der Zürcher Club Q hat den Trend erkannt und lädt zu sinnlicher Schönheit –vor allem zu Werbezwecken, wie es scheint.

Der Empfang ist herzlich. Adrett gekleidete Frauen mit Schmollmund zieren den Eingang und fragen säuselnd: «Haben Sie reserviert?» In Windeseile klärt man die Ankömmlinge über das vielfältige Angebot auf: Dort drüben Pedi-und Manicure, auf jener Insel dort wird die Frau geschminkt und in der anderen Ecke nimmt man sich ihrer Haarpracht an – alles umsonst. Das Plakat am Eingang des Club Q im Zürcher Seefeld verspricht Verheissungsvolles: «Sex and The City – Party… Women only!» Seit die neue Staffel der amerikanischen Frauen-Kultserie auch wieder in der Schweiz angelaufen ist, setzt der Zürcher Klub auf die älteste Form des Verführens: Die Verwöhnung. Und tatsächlich, der Rundum-Service lässt Frauenherzen höher schlagen: Männer mit nackten Oberkörpern, nur bekleidet mit blütenweissen Shorts, servieren bunte Drinks, überall stehen Schüsseln voll von leckeren Schokobällchen, es gibt günstige Zigaretten zu kaufen und bequeme Plüschsofas laden zum Chillen ein. Die Sofas allerdings sind nur für bereits erfahrene Frauen gedacht, die ihre Reservation frühzeitig getätigt haben. Jungfräuliche Sex-and-the-City-Party-Gängerinnen werden gebeten, auf unbequemen Holzbänken hinter den Sofas Platz zu nehmen. «Was möchtet Ihr trinken?» Der dienende Mann ist sofort zur Stelle, allzeit bereit, jeden erdenklichen Wunsch von den Augen der Frau abzulesen. Vielleicht doch lieber die Karte.

Busenfreundinnen unter sich

Prominent im Zentrum des Raumes sind zwei Grossleinwände angebracht. Hier werden in ein paar Minuten Details aus dem Leben der vier New Yorker Freundinnen Carrie, Miranda, Charlotte und Samantha über die Mattscheibe flimmern. Die vier Frauen verdienen gutes Geld, lieben schöne Kleider, besuchen regelmässig Manhattans aufregendste Partys und vor allem sind sie eines: Singles. Während die berufstätige und Alleinerziehende Miranda sich ihrer Wirkung auf Männer kaum mehr bewusst ist, hat Samantha Mühe, sich die Namen ihrer

Affären zu merken. Charlotte ist vor allem niedlich und ein bisschen naiv und Carrie, der eigentlichen Hauptdarstellerin, kommt die Aufgabe zu, erzählend den roten Faden zwischen den Frauen in der Geschichte zu spinnen. Die unterschiedlichen Charaktere sind nicht etwa zufällig gewählt. In dieser Soap ist für jeden Geschmack etwas dabei, schliesslich sollte sich jede Zuschauerin mit einer der Figuren identifizieren können – und ganz nebenbei auch noch die Fantasien der Männer zum blühen bringen. Das Kalkül scheint aufzugehen: Die Sendung hat weltweit einen einschlägigen Erfolg.

Unterdessen sind es nur noch wenige Minuten bis Viertel nach Neun. Eine Ex-Miss-Schweiz und zwei Mitorganisatorinnen treten vor und begrüssen offiziell die ganze Frauenschar zum Happening. Nach der kleinen Einführung will auch noch die lange Liste der Sponsoren vorgelesen werden. So schlecht wie die Moderation ist nur noch der Sitzkomfort in der hintersten Reihe. Als die bekannte Musik ertönt, heisst es Lichterlöschen. Die Spannung steigt. Wie wird es «unseren» vier New Yorkerinnen heute ergehen? Im Dunkeln lässt sich normalerweise gut munkeln, nicht aber in diesem Saal: Es ist mucksmäuschenstill. Ungefähr hundert vornehmlich junge Frauen verfolgen gespannt das Alltagsleben unserer vier Freundinnen. Als Carrie mit ihrem Freund Burger streitet und er beschliesst, sich ein paar Tage Zeit zu nehmen um ihre Beziehung zu überdenken, geht ein empörtes Raunen durch die Menge. Hilfesuchender Blick bei anderen Sex-and-the-City-Jungfrauen. Als Burger nach der Bedenkzeit dann doch wieder in Carries Schoss zurückkehrt, füllt sich der Saal mit Jubelgeschrei. So viel zum Thema Frauensolidarität. Die Werbepause wird auch im Club Q für Reklame verwendet. Niemand hört zu. Während die Missen noch werben, geht die Fortsetzung bereits weiter. Die Geduld des hart gesottenen Fans findet ein jähes Ende: «Es geht weiter!!» Eilig räumen die Missen das Feld. Nach kurzweiligen 45 Minuten findet der Spuk sein Ende. Wieder heisst es eine ganze Woche warten bis zum nächsten Dienstag. Nach der Serie lässt man den Abend noch gemütlich ausklingen, der eine oder andere Drink wird serviert, am Ausgang werden Rosen verteilt. Ein letzter Griff in den Pott voller Schokolade lässt Figurbewusste mit ungläubigem Gesichtsausdruck zurück. «Für den Heimweg, Schätzchen.»

2005, unveröffentlicht

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