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Vom Glück der Piano-Kinder

Die Eremitin und ich haben einmal gemeinsam Vietnam bereits und abgesehen davon, dass es in Vietnam beeindruckend guten Kaffee gibt, haben mir auch die kleinen Balkon-Restaurants mit den bunten Lampions gut gefallen, die hoch oben wie Vogelnester an den Hausfassaden kleben. Dort kann man dann stundenlang sitzen und das Gewimmel der Leute beobachten, die unten durch die Gassen strömen. In so einem Café haben wir eines Abends einen weitgereisten Geschäftsmann kennen gelernt, der in Vietnam medizinische Geräte für Krankenhäuser abzusetzen versuchte. Er hat uns auch von TV-Kochshows erzählt, in denen nackt moderiert wird; überhaupt hat er sehr viel erzählt. Ich fand ihn aufgeblasen, grosskotzig und arrogant. Das Dumme ist, dass solche Menschen manchmal eine Faszination auf uns ausüben, der wir uns kaum entziehen können, selbst wenn wir es wollten. Im Grunde war er vermutlich ein armes Schwein, so ganz allein und weit weg von seinem Zuhause. Doch eines musste man ihm lassen: Sein Horizont war weit, und er wusste viel. Und er hatte sich seine eigenen Gedanken gemacht. Er war keiner, der nachplappert. Ob uns schon einmal aufgefallen sei, dass Lehrer, überhaupt mit dem Intellekt arbeitende Menschen, immer einen Volvo fahren würden? «Smart guys drive safe cars», brachte er es auf den Punkt. Die Eremitin und mich hat das sehr beeindruckt. Wir hätten nie gedacht, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Marke eines Autos und der intellektuellen Fähigkeit seines Fahrers.

Die Eremitin und ich sind seinem Beispiel gefolgt und haben in der Folge eine Theorie entwickelt, die in eine ähnliche Richtung geht. Sie lautet: Es gibt einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Herkunft eines Menschen und dem Vorhandensein eines Pianos in dessen Elternhaus. Das Piano ist die kritische Grösse, es teilt uns Menschen in zwei Kategorien: Ein Piano im Elternhaus bedeutet Büchergestelle mit dicken Lexikabänden, Eltern die Wein aus bauchigen Gläsern trinken und schmeichelnde Pianoklänge, die durch die luftigen Korridore wabern. In Haushalten von Arbeiterfamilien hingegen steht kein Piano, von einem Flügel schon gar nicht zu reden. In erster Linie weil keiner die Zeit fürs Spielen findet. Zudem ist es meistens eng in solchen Wohnungen, und angesichts des vielen Raumes, das so ein Piano einnimmt, ist daran nicht zu denken. Die Eremitin und ich sind – wen wunderts – beide ohne Piano aufgewachsen. Das ist vermutlich auch der Grund, warum wir klugen Schwätzern gegenüber viel nachsichtiger sind, als sie es eigentlich verdient hätten.

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