Essays

«Mein ganzes Leben habe ich nur unter dem halben Wahnsinn dieses Schreibens gelebt.»

Zur Absolutheit des Schreibens der Schriftstellerin Friederike Mayröcker

Die österreichische Schriftstellerin Friederike Mayröcker feiert heute, am
20. Dezember 2017, ihren 93. Geburtstag. Wenn man das berühmte Zimmer der Mayröcker betritt, taucht man ein in den intimen Raum eines Schreibuniversums. An den Wänden ragen Holzregale bis unter die Decke, auf den Regalbrettern sammeln sich ungeordnet Bücher, auf dem Schreibtisch flattern lose Notizfetzchen, Skizzen, Zeitungsschnipsel, das Telefon verschwindet fast unter den Bergen von Papier. Es ist das Schreibzimmer einer manisch Schreibenden, die ununterbrochen Dinge aufschreibt, die sie hört oder die jemand zu ihr sagt.[1] Morgens schreibe sie meistens von Hand, am Nachmittag auf der Schreibmaschine Hermes Baby. Und das tut sie seit siebzig Jahren. Ihr Leben bedeutet Schreiben, ihr Schreiben bedeutet Leben. Bewundernswert die Antriebskraft – Roland Barthes nannte es die «désir du production» (die Lust am Produzieren) –, die die Mayröcker nie verlassen hat, seit sie sich mit 53 Jahren vom Lehrerberuf verabschiedete und sich frühpensionieren liess. Zu ihrem eigenen Schreiben sagt die Mayröcker: «Wenn mich jemand nach dem Schreiben fragt, muss ich immer sagen: Schreiben ist meine Überzeugung. Mein ganzes Leben habe ich nur unter dem halben Wahnsinn dieses Schreibens gelebt und alles andere – mein ganzes Privatleben – unterdrückt für das Schreiben.»[2]

Was wohl Roland Barthes von diesem Schreibexzess halten würde? Ich nehme an, er empfände Bewunderung dafür. In seinem berühmten Aufsatz «Schreiben ein intransitives Verb?» geht Barthes von der Beobachtung aus, dass es neben dem transitiven Gebrauch des Verbs schreiben (Ich schreibe ein Buch, ich schreibe einen Text) auch eine intransitive und damit eine absolute Verwendung des Verbs gebe, im Sinne von: Was tun Sie so im Leben? Ich schreibe![3] Barthes gibt jedoch zu bedenken, dass durch diese Fokussierung auf das Autorsubjekt das eigentliche Schreibobjekt in den Hintergrund tritt, was für Barthes zu kurz greift und auch das Fragezeichen im Aufsatztitel erklärt. So wirklich intransitiv kann man das Verb «schreiben» also nicht sehen, vielmehr möchte Barthes mit dem «Medium» eine neue Dimension des Schreibens referieren. Er verdeutlicht das anhand des Verbs «opfern» (rituell) im Indogermanischen. Der Priester opfert in einer rituellen Handlung etwas, ohne dass es sein persönliches Opfer wäre – er ist davon also selbst nicht betroffen, das Verb steht im Aktiv. Wenn er das Opfer für sich selbst erbringt und auch davon in Mitleidenschaft gezogen wird, steht das Verb im Medium. [4]

Der Gebrauch des Mediums ist also auf das Schreiben anwendbar. Es ist nach Barthes nichts «Passives», vielmehr sei das Medium in einem grammatischen Sinne ein doppeltes Aktiv – es gehe um die Wirkung auf einen Gegenstand (insbesondere die Sprache) und um die Entstehung  einer besonderen Art von Handelnden (dem Schreiber) durch eine Handlung (in diesem Fall das Schreiben)[5].

Ein Leben zu führen, das ganz im Schreiben aufgeht, dem man alles unterordnet, ja opfert? Auch für mich ein faszinierender Gedanke. Barthes schreibt dazu: «Das schreibende Subjekt existiert nur im und durch das Schreiben.»[6] Dennoch bin ich nicht sicher, ob ich Barthes hier richtig verstehe. Ist damit ein ganz besonderer Zustand gemeint, in den man nur während des Schreibens geraten kann und aus dem man nach Beendigung der Schreibtätigkeit wieder schlüpfen kann wie aus einer Rolle, oder sprechen wir von einer existenziellen Lebens- und Schreiberfahrung, in der dieses absolute «ich schreibe» konstitutiv ist für die eigene Identität und damit zur Grenzerfahrung werden kann?

Auf die Mayröcker trifft das eine wie das andere zu. In Interviews erzählt sie immer wieder, dass sie «mit dem Körper» schreibe. «Also, ich bin ja in einer Ausnahmesituation, wenn ich schreibe. Dann spüre ich auch den Körper. Der ist dann ganz aufgeregt. Ich kriege auch einen hohen Blutdruck. Ich bin also ganz aufgelöst. Alles verändert sich.»[7] Mayröcker beschreibt eine Art Trancezustand, den ihr ganzer Körper erfasst. Gleichzeitig definiert sie den Stellenwert ihres Schreibens in ihrem Leben als existenziell: «Mein ganzes Leben habe ich nur unter dem halben Wahnsinn dieses Schreibens gelebt.»[8] Fast macht es den Eindruck, als hätte nicht sie das Schreiben gewählt, sondern als hätte das Schreiben sie gewählt.  Kann das Schreiben eine Kraft entwickeln, der man sich nicht entziehen kann? Und ist auch das mitgemeint, wenn jemand gesteht: «Ich schreibe»? In einem solchen Kontext bekommt der intransitive Gebrauch von «ich schreibe» eine weitere Dimension, gleicht einem Outing: Wie eine sexuelle Orientierung wird das Schreiben zu einem identitätsstiftenden Merkmal, das im Extremfall zu einem lang gehüteten Geheimnis wird, aus Angst vor der Auslieferung an die Leute. Beim Schreiben macht man sich verletzlich, gibt sich preis. Schreiben heisst, sich auszuliefern. Denn wer sich vorstellt, dass in der Mayröckschen Schreibmansarde in Wien fantastische Geschichten entstehen, täuscht sich: Die Schriftstellerin hat Lyrik geschrieben, Theaterstücke, Hörspiele und Prosa. «Doch kann man ihre Bücher als ein einziges Buch einer denkenden, sehenden, hörenden, liebenden, leidenden und reflektierenden weiblichen Existenz lesen.»[9] Immer schon war sie eine entschiedene Gegnerin von «Storys», stattdessen schreibt sie einfach, was sie bewegt, sie selbst nennt es «den Sturm in der Seele». Dabei ist sie immer aufrichtig, und sie nimmt sich die Freiheit, sehr persönlich zu sein. [10] 

Schreiben ohne sich zu «zeigen» geht nun mal nicht, doch nicht jeder Schreiber ist bereit, so aufrichtig und ehrlich zu sein. Deshalb haben Menschen immer versucht, diese Absolutheit des Schreibens zu umgehen: Manche legen sich ein Pseudonym zu, andere schreiben jahrzehntelang heimlich und legen die Manuskripte in ihre Schublade. Man will sich offenbaren, und man will es gleichzeitig nicht. Auch bei meinen Schreibschülern beobachte ich das immer wieder: Sie würden gern über Dinge schreiben, die sie im Innersten bewegen, gleichzeitig sind sie nicht bereit, sich zu «offenbaren». Was entsteht, sind unauthentische Texte, die niemanden bewegen.           

Richtig schwierig wird es jedoch erst dann, wenn das Umfeld mitbetroffen ist. Denn Schreiben ist nie passiv und bestimmt nicht harmlos. Das aus dem Mittelhochdeutsch stammende Substantiv «Harm» bedeutet eine von außen zugefügte, tiefe, seelische (seltener auch körperliche) Verletzung, Schmerz, Leid oder Schaden. Schreiben macht Harm, kann also auch Schaden anrichten. Denn die Mayröcker hat in ihrem Leben auch sehr oft über ihre Freunde geschrieben. Es gehört zum Prinzip ihrer Aufrichtigkeit, zuerst einmal alles und alle beim Namen zu nennen, Personen, Dinge, damit sie festgehalten und «in der Welt» sind. Ihr im Jahr 2000 verstorbener Lebensgefährte Ernst Jandl zuerst, dann die geliebte Mutter, der Vater, die Freundinnen, die vielen Kollegen und Kolleginnen, Jacques Derrida, der Philosoph ihres Lebens.»[11] Ist das der Grund, warum Friederike Mayröcker Schreibnovizinnen und -novizen rät, sich nicht fortzupflanzen? Auf die Frage hin, was für einen Rat sie einem jungen Dichter oder einer junge Dichterin geben würde, antwortet sie nämlich folgendes: «Ich würde sagen: keine Bindungen, keine Kinder auf die Welt bringen, nur das Schreiben im Herzen und im Kopf haben, auch wenn es schwere Tage und schwere Jahre sind. Man muss dabeibleiben.»[12]
Keine Bindungen, erst recht keine Kinder – weil die Absolutheit des Schreibens keinen Raum lässt für Beziehungen, die Aufopferung erfordern. Und vor allem: weil alle davon in Mitleidenschaft gezogen werden, auch diejenigen, die Schutz und Schonung bedürften wie die eigenen Kinder, die man – selbst wenn man wollte ‒ nicht vor der Wahrheit seines Schreibens verschonen kann.

Auch hier nimmt das Schreiben wieder Überhand, wird zu etwas, dem man sich nicht entziehen kann, zu einer alles verschlingenden Feuersbrunst. Das macht das Schreiben nicht nur für das Umfeld zu einer gefährlichen Sache, sondern auch für den Autor selbst: Dann nämlich, wenn aus Schreibenwollen ein Nichtschreiben-können wird. Die Fragen «schreiben oder nicht schreiben?» und «sein oder nicht sein?» werden zu Geschwistern, die Schreibblockade wird zur Grenzerfahrung, denn wenn ein Schriftsteller erst durch sein Schreiben zu dem wird, was ihn im Innersten ausmacht, bedeutet das Nichtschreibenkönnen nicht weniger als ein vollständiger Identitätsverlust, ja die komplette Auslöschung.  Auch Friederike Mayröcker hat immer wieder Phasen von Blockaden, die zwei Wochen andauern würden. Dann sei sie ganz depressiv, die Durststrecken überwinde sie durch Lesen oder Spazieren.[13] 

Doch nicht nur die Mayröcker, auch Roland Barthes hat exzessiv viel geschrieben.  An einer Stelle in «Die Vorbereitung des Romans» legt Roland Barthes sehr glaubhaft dar, dass er nicht verstehen kann, wie Leute ihre Zeit nicht mit Schreiben verbringen können.[14] Während die Mayröcker nur über die Existenz der Dinge spricht, nicht über ihre Bedeutung und sich absolut gegen Pathos stellt,[15] hat Barthes als Vertreter des Strukturalismus ein Wissenschaftlerleben lang nach Bedeutung in sprachlichen und kulturellen Phänomenen gesucht und hatte damit grossen Erfolg. Doch ein unerfüllter Wunsch begleitete ihn sein Leben lang: Die Phantasie, einen Roman zu schreiben. Er war ein grosser Bewunderer von Roman-ciers wie Dante oder Proust, und nach dem einschneidenden Tod seiner Mutter erkannte er seine Sterblichkeit und beschloss, diesem «Drang einen Roman zu schreiben», nachzugeben und darüber zu schreiben, wie er einen Roman schreibt. Dabei musste er bereits geahnt haben, dass der Roman als solches nie entstehen würde, wenn er sich fragt: «Kam es am Ende dieser Untersuchung noch darauf an, ob der Roman, ein Roman, tatsächlich geschrieben würde?»[16]  

Dennoch stellt sich mir die Frage, warum er sich nicht einfach hingesetzt hat und den von ihm so erwünschten Roman geschrieben hat. Vielleicht war die Ehrfurcht einfach zu gross, denn wäre es ihm nicht gelungen, einen Roman zu schreiben, der seinen grossen Vorbildern gerecht geworden wäre, hätte er dies bestimmt als grosses Scheitern gewertet. Ausserdem muss man auch festhalten, dass Barthes bereits ein sehr erfolgreicher Autor war, bevor er diese Entscheidung traf ‒ nur einfach kein Romanautor. Hat Barthes tatsächlich versucht, einen Roman zu schreiben und ist gescheitert oder hat er es am Ende gar nie wirklich versucht? Das bringt mich zu einer sehr treffenden Definition, die Barthes gleich selbst liefert:
«SCHREIBEN heisst, das Messer aus den Händen des Priesters zu nehmen und auf eigene Verantwortung zu opfern.»[17]

Für mich, die selber schreibt und Romane publiziert, mutet es seltsam an, dass Barthes so tut, als schriebe er einen Roman und das zum Thema einer Vorlesungsreihe macht, ohne wirklich die Absicht zu haben, einen Roman zu verfassen. Barthes selbst kommt mir da vor wie der Priester im Aktiv: Er opfert, ist aber selbst nicht davon in Mitleidenschaft gezogen. Barthes lobt die Subjektivität – welche Risiken sie auch enthalten möge[18], geht aber selbst kein Risiko ein.

Es könnte jedoch auch sein, dass für ihn die Vorstellung, einen Roman zu schreiben, viel reizvoller war, als tatsächlich einen zu schreiben. Das ist wie die Frau, die von Marokko träumt, über Wochen und Monate im Internet recherchiert, sich mit dem Klima, der Esskultur, den Traditionen auseinandersetzt, dir auch im Stehgreif einen geschichtlichen Abriss bis zurück ins 12. Jahrhundert liefern kann – aber hinfahren, hinfahren würde sie nie. Die Frage ist, warum sie nicht nach Marokko fährt, obwohl dort kein Krieg herrscht, eine Reise also keine Gefahr an Leib und Leben darstellen würde, und sie sich eine Urlaubsreise problemlos leisten könnte. Sie hat Angst. Die Angst, sich eine Magenverstimmung zu holen oder – noch schlimmer ‒ vielleicht ist da auch die Furcht, die Wirklichkeit möge nicht ganz so prickelnd sein wie der Traum. Die Vorstellung, nach Marokko zu fahren, ist für sie bereits das Abenteuer. Ich glaube nicht, dass sie am Ende ihres Lebens bereuen wird, niemals nach Marokko gefahren zu sein. Genauso bei Barthes: Die Vorstellung, einen Roman zu verfassen und darüber zu schreiben, wie er das anstellen würde, gibt für ihn als Wissenschaftler als Untersuchungsgegenstand vielleicht einfach mehr her. Darüber, ob er es bereut, nie einen Roman geschrieben zu haben, können wir nur spekulieren, da Barthes kurz nach der Beendigung der Vorlesungsreihe zur «Vorbereitung eines Romans» von einem Auto angefahren wurde und seinen Verletzungen erlag. Ganz anders ist der Fall bei der Mayröcker gelagert: Sie blickt auf ein langes Schriftstellerleben zurück, dem sie alles geopfert hat. Ihr Zugang ist kein idealistischer, sondern ein pragmatischer. Sie gesteht, dass sie ihr ganzes Privatleben unterdrückt habe für das Schreiben. «Ich habe wirklich siebzig Jahre nichts anderes gemacht.»
«Würden Sie es wieder so machen?», fragt der Journalist zum Schluss des Interviews. Und für eine, die vermutlich gar nie anders konnte, als alles aufzuschreiben, was durch ihr System ging, gibt sie eine erstaunliche Antwort:
«Ich weiss nicht.»[19]

Literaturverzeichnis:

Auffermann, Verena: Man muss sein, wie man ist. In: Auffermann Verena / Kübler, Gunhild / März, Ursula / Schmitter, Elke: Leidenschaften. 99 Autorinnen der Weltliteratur, München 2013 (Taschenbuchausgabe). S. 337 -341.

Barthes, Roland:  Schreiben, ein intransitives Verb? In: Zanetti, Sandro (Hg.) Schreiben als Kulturtechnik. Grundlagentexte, Berlin 2012. S. 240 – 260.

Barthes, Roland: Die Vorbereitung des Romans, 4. Auflage, Frankfurt am Main 2016.

Obrist, Hans Ulrich / Ortmeyer, Sarah: Leben = Schreiben. In: Das Magazin N°35, 2.09.2017. S. 17 – 24.


[1] Vgl. Obrist, Hans Ulrich / Ortmeyer, Sarah: Leben = Schreiben. In: Das Magazin N°35, 2.09.2017, S. 18.

[2] Ebd., S. 23.

[3] Vgl. Barthes, Roland: Schreiben, ein intransitives Verb? In: Zanetti, Sandro (Hg.) Schreiben als Kulturtechnik, Grundlagentexte, Berlin 2012, S.247.

[4] Vgl. ebd., S. 247.

[5] Vgl. ebd., S. 253.

[6] Ebd., S. 254.

[7] Obrist /Ortmeyer 2017, S. 23.

[8] Ebd., S.23.

[9] Auffermann, Verena: Man muss sein, wie man ist. In: Auffermann Verena / Kübler, Gunhild / März, Ursula / Schmitter, Elke: Leidenschaften. 99 Autorinnen der Weltliteratur, München 2013, S. 339.

[10] Vgl., ebd., S. 339.

[11] Vgl. Ebd., S. 340.

[12] Obrist / Ortmeyer 2017, S. 18.

[13] Vgl. Ebd., S. 19.

[14] Vgl. Barthes, Roland: Die Vorbereitung des Romans, 4. Auflage, Frankfurt am Main 2016, S. 223.

[15] Vgl. Auffermann et al. 2013, S. 340.

[16] Barthes 2016, S. 24.

[17] Ebd., S. 235.

[18] Vgl. ebd., S. 29.

[19] Obrist / Ortmeyer 2017, S. 23.

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