Kurzgeschichten

Ginger Ale mit Rum

Meine rot lackierten Fussnägel auf dem Armaturenbrett blitzen im gleissenden Sonnenschein. Am Steuer sitzt meine Freundin Helen, fast 1500 Kilometer Fahrt liegen vor uns. Bei Basel der erste Stau. «Das sind alles französische Nummernschilder», bemerkt Helen. «Die kehren aus den Sommerferien zurück – und wir brechen erst auf», kichert sie aufgeregt und steckt sich eine Zigarette an. Wir hören laut Musik, ein Herzlolli steckt in meinem breiten Mund. An einer Ampel kurble ich das Autofenster herunter und strecke einem glotzenden Lastwagenfahrer meine rot gefärbte Zunge entgegen. Die Meerjungfrau an seinem Oberarm starrt aus leblosen Augen zurück.

An der Grenze zu Frankreich erhalte ich eine Kurzmitteilung: «Let me be your Star T-Shirt. Pack mich in deinen Rucksack.» Ich schreibe zurück: «Vive la France, Café au Lait und Croissant sind  nur noch eine Haaresbreite entfernt. Darf ich für Sie bestellen, Monsieur?»

Nach dem Zoll breitet sich die hügelige Landschaft des Elsass vor uns aus. Hänge voller Reben und kleine Schlösschen. Das Burgfräulein in mir möchte aussteigen und in einer Fromagerie die leckeren Köstlichkeiten gegen einen Taler tauschen. Wir passieren Dörfchen um Dörfchen. Der Horizont scheint unendlich weit. «Diese Landschaft ist so lieblich!», ruft Helen aus und quietscht vor Vergnügen. Ihre rotblonden Locken tanzen im Fahrtwind. «Romantisch», sage ich und mache mir eine gedankliche Notiz in meiner Rubrik romantische Plätze dieser Welt.

«Ist Peugeot nicht eine französische Firma?», frage ich. Helen nickt. «Meine Grossmutter war schon immer sehr frankophil», sagt Helen mit todernstem Blick. «Im zweiten Weltkrieg hatte sie etwas mit einem französischen Soldaten – seither schwört sie auf französische Stützstrümpfe!» Helen kichert. Mit ihrem Charme wickelt sie fast jeden um den Finger. Auch ihre Grossmutter – sie hat uns für diese Reise ihren uralten weissen Peugeot überlassen. «Meinst du, der schaffts noch bis nach Südengland?», hatte ich argwöhnisch gefragt. Doch Helen meinte nur: «Sei doch ein bisschen abenteuerlustig.» Spassverderber kann sie auf den Tod nicht leiden.

Gerade noch bevor der letzte Tropfen Benzin verbraucht ist, schaffen wir es zur Tankstelle. Der Sprit läuft unter Getöse in den Tank, als mein Handy klingelt. Aus dem Augenwinkel nehme ich wahr, wie Helen mit einem jungen Tankstellenkunden schäkert. Helen kann doch gar kein Französisch, denke ich noch, bevor ich den Anruf entgegennehme: «Hi Honey. Wenn du in Frankreich bist, musst du unbedingt Kir probieren, diesen Weisswein mit Johannisbeerlikör», höre ich seine Stimme. Aufgeregt berichte ich, wie wir ohne Motor den Hügel hinabgerollt sind, weil wir fürchteten, das Benzin würde uns ausgehen. I love you, sagt er. Thank you, sage ich. «Der Tank ist jetzt voll.»

In einem kleinen Städtchen machen wir Halt. Wir sitzen in einem Strassencafé an der Sonne. Ich trinke Café au Lait, Helen Latte Macchiato. Sie blättert in einem Modemagazin, ich beobachte die vorbeiflanierenden Leute und denke mir Geschichten dazu aus. «Was macht dieser Peter in Cornwall?», fragt Helen in die Stille hinein. Mussestunden langweilen sie. «Er hat einen wunderschönen, verwunschenen Garten, in dem er täglich mehrere Stunden verbringt.» In Helens Ohren muss sich das sterbenslangweilig anhören. Einmal mehr wundere ich mich darüber, dass sie eingewilligt hat, diese Reise mitzumachen. «Ist er glücklich?», fragt Helen. «Ich weiss nicht genau, aber ich glaube schon. Seine Freunde von der Bank sagen, dass er das macht, um über den Verlust seiner Frau hinwegzukommen», antworte ich. «Hoffentlich hat er Brieftauben», sagt Helen. «Brieftauben gehören irgendwie zu einem englischen Gärtner», fügt sie an, mehr zu sich selbst.

Die Strasse entlang der Küste ist auf spektakuläre Weise in den Fels gehauen. Im Gänsemarsch gehen Peter, Helen und ich zu Fuß den schmalen Grat entlang bis hin zum äussersten Punkt der White Cliffs of Dover. Es ist ein sonniger Tag, die Weingläser klirren in meiner Hand. Peter hat sich den Picknickkorb wie einen Maxicosi um den Arm gehängt. Helen transportiert die Picknickdecke auf dem Kopf wie eine Afrikanerin. Ich lasse meinen Blick schweifen. Von hier oben ist der Ausblick auf den Ozean atemberaubend. Als wir unsere Decke auf dem Felsvorsprung ausbreiten und ich mich als erste darauf niederlasse, fühle ich mich, als könnte ich zum ersten Mal seit Monaten wieder richtig atmen. Mein Handy habe ich in voller Absicht bei Peter gelassen. Wir breiten unsere Köstlichkeiten aus, mit einem französischen Weißwein stossen wir auf unser Wiedersehen an. «Glaubst du an Seelenverwandtschaft?», frage ich Peter rundheraus. Peter ist ein alter Freund der Familie, seine Meinung zählt etwas in meiner Welt, sein Urteil ist immer mild und doch eindeutig. Peter hält den Kopf schief und schaut mich an. «Natürlich tue ich das», antwortet er zögerlich. «Aber so eine Liebe hält dem Alltag meist nicht stand. Meine Frau war meine allerbeste Freundin und beste Gefährtin, aber meine Seelenverwandte war sie nicht – das war auch gar nicht nötig.»
Helen nickt zustimmend. Ich schaue in den nachmittagsblauen Himmel, während ich über seine Worte nachdenke. Weit über dem endlos scheinenden Meer kann ich einige Schäfchenwolken erkennen.

Brighton ist anders – bunt, laut und verrückt. Die Stadt an der Küste des Ärmelkanals wird nicht etwa von Lords und Ladies mit vornehmen Hüten bevölkert, sondern von einem Partyvolk aus bunten Vögeln, Homosexuellen, Kreativen und Punks. Die Begeisterung, welche die Stadt in Atem hält, ist ansteckend. Helen und ich schlendern vergnügt durch die Altstadt mit den vielen Secondhand-Shops und Straßencafés. Als es dämmert, gehen wir auf dem bunt erleuchteten Pier dem Meer entgegen. Fish and Chips–Buden reihen sich aneinander, ein leeres Kirmeskarussell dreht seine Runden im Kreis. An einer Stelle halten wir und lehnen uns an die Brüstung.
«Liebst du ihn?», fragt sie.
«Seine Liebe hat so etwas Überlebensgrosses.»
«Kein Mann, mit dem du einen Weihnachtsbaum kaufen gehen kannst?», fragt Helen. Traurig schüttle ich den Kopf.
«Nicht mal einen, mit dem ich Ginger Ale mit Rum trinken kann.» Ich seufze laut auf.
«Dann ist er kein guter Mann. Mit einem Mann muss man an Weihnachten einen Weihnachtsbaum kaufen können, sich dann mit Ginger Ale mit Rum betrinken und sich dann auf dem Wohnzimmerteppich lieben.»
Ich seufze. «Komm her, du verrücktes Huhn», sage ich und drücke sie an mich. Die Träne, die in meinem Augenwinkel glitzert, bemerkt sie nicht.

Text veröffentlicht in: Dreiundsechzig, Kameru Verlag (vergriffen)

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