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Ab durch die Mitte – mit dem Fluchtauto

Warum ist die Farbe der Freiheit blau? Blau wie das Meer, das im Sturmwind wogt, blau wie der Himmel, der sich vor uns auftut? Kaktusblüte und ich sind einmal mit einem blauen Kombiwagen losgefahren, über Land, an ein Openair. Es war Sommer, wir waren jung und spürten es vielleicht zum ersten Mal: Das berauschendste aller Gefühle, das Gefühl von Freiheit. Freiheit summt und schwingt, Freiheit ist kraftvoll, gewaltig und mitreissend. Freiheit ist Energie in ihrer Reinstform. «Ein richtiges Fluchtauto!» riefen wir uns gegen den Fahrtwind zu, der durch die offenen Fenster drang. Es hätte kein passenderes Auto geben können für unsere sommerliche Fahrt an ein Musikfest unter freiem Himmel. Mit diesem Wagen über Land zu brausen, das fühlte sich so ungebunden und grenzenlos an, das war sosehr «Thelma and Louise»!

Freiheit und Mobilität sind Geschwister. Lockenkopf hat das neulich so schön in Worte gefasst, als sie in verklärt-nostalgischem Ton meinte: «Früher, auf dem Töffli habe ich mich immer so frei gefühlt!» Oder wenn ich mich an vergangene Fährenpassagen erinnere, im Mittelmeer oder auf der Ostsee, war es da nicht auch dieses Freiheitsgefühl, das mich magisch auf Deck gezogen und mich den Horizont betrachten liess? Doch äussere Freiheit ist eine Frage der Umstände, immer ist sie nicht erreichbar. Innere Freiheit jedoch können wir immer erlangen ­– indem wir sie uns selbst erschaffen. Das wusste auch schon Ella Maillart, die berühmte Schweizer Reisende, die einst sagte: «Die Weite des Horizonts muss in uns sein, darf nur aus uns kommen.» Auch in der griechischen Philosophie sind solche Bemerkungen zu Freiheit zu finden. Epiktet, ein ehemaliger Sklave, soll einst  geschrieben haben: «Uns bleibt oft nur das Los der Schicksalsergebenheit, immer aber besitzen wir die innere Freiheit zur Distanz.» Wahre Freiheit kommt immer aus uns selbst. Und nur aus uns selbst.

Und plötzlich erinnere ich mich an die Hochzeitsfotos einer Freundin aus Budapest: Die Braut in Weiss, es liegt Schnee und als Hochzeitskarosse keine Limousine, auch kein Pferdegespann, sondern ein blauer VW-Bus. Obwohl die Eremitin und ich normalerweise nicht viel übrig haben für Hochzeitsfotos, waren wir richtiggehend angetan von diesen Bildern. Im Nachhinein weiss ich auch warum. Der blaue VW-Bus ist eine gute Symbolik für eine Ehe. Mit einem blauen VW-Bus in diesen neuen Lebensabschnitt zu donnern, verspricht, dass sich beide trotz Ehegelübde ihre innere Freiheit werden bewahren können. Etwas Altes, etwas Neues, etwas Geliehenes und etwas Blaues… irgendwie ergibt das plötzlich Sinn.

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