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«Schliesslich sind wir Schweizerinnen»

Am ersten Konvertierten-Treffen der Deutschschweiz tauschen sich konvertierte Muslime über ihre Erfahrungen aus.

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Die Turnhalle liegt an einer ruhigen Quartierstrasse in einem Vorort der Stadt Zürich. An diesem Sonntag toben keine Schulkinder durch die Halle, stattdessen sitzen Menschen in muslimischer, traditioneller Kleidung schweigend an langen Tischen und hören konzentriert den Worten des Redners zu. Scheich Youssef Ibram hält einen Vortrag über die islamische Lebensweise. Yussuf Ibram, der 1983 als Imam für zehn Jahre nach Genf kam und danach in Zürich in der Moschee an der Rötelstrasse tätig war, kennt die Situation der Muslimen in der Schweiz vermutlich wie kein Zweiter. «Viele haben bei ihm konvertiert, deshalb haben wir ihn als Redner eingeladen», erzählt Laila Oulouda, Mitinitiantin des Anlasses. Das erste Treffen dieser Art wurde ins Leben gerufen, weil unter Konvertierten mit deutscher Muttersprache das Bedürfnis bestand, in der eigenen Sprache über Religion zu sprechen und sich auszutauschen.

Als Verräterinnen angesehen

Konvertierte Muslime befinden sich in einer anderen Situation als ihre Brüder und Schwestern, die von Geburt zur Gemeinschaft gehören. Sie haben sich irgendwann in ihrem Leben bewusst dafür entschieden, nach den Grundsätzen des Korans zu leben – und der Stamm-Religion den Rücken zu kehren. Konfliktfrei läuft das selten ab. Armanda Salma, die vor vier Jahren konvertiert ist, hatte anfangs oft das Gefühl, als Verräterin angesehen zu werden. Bei Geschwistern und Verwandten stösst sie mit ihrer Entscheidung noch heute auf Unverständnis. Auch mit Kolleginnen und Kollegen sei es manchmal schwierig gewesen, mit der Zeit sei sie die ständigen Rechtfertigungen müde geworden. Natürlich habe sich der Freundeskreis seit ihrem Glaubensbekenntnis verändert, aber nach wie vor würden viele Schweizerinnen und Schweizer dazu gehören. «Schliesslich sind wir Schweizerinnen», betont Alya Houdaf eindringlich und der breite Berner Dialekt unterstreicht ihre Worte. 

Konvertierung langsamer Prozess

Die zwei Frauen reden Dialekt, haben den Roten Pass und das Recht abzustimmen – und sie tragen das Kopftuch. «Man versucht immer, uns in die Ausländerecke abzudrängen», bemerkt Alya Houdaf, die vor 18 Jahren konvertierte. «Es kann sich einfach niemand vorstellen, dass wir das aus freien Stücken konvertiert sind und nicht, weil unsere Männer das so wollten.» Sie selbst hat sich früh vom Islam fasziniert gefühlt, sie ist konvertiert, bevor sie ihren Mann überhaupt kannte. Ihr Mann ist zwar als Muslim geboren, jedoch nicht religiös erzogen worden und hat sich erst als Erwachsener der Religion zugewandt. Eine Konvertierung sei ein innerer Wandel, so Houdaf, der mit dem Kopftuch grundsätzlich nichts zu tun habe. «In allen Religionen ist die Bedeckung des Hauptes und der Aura von spiritueller Wichtigkeit, sowohl für Frauen wie auch für Männer», sagt Alya Houdaf. Das ginge heute oft vergessen. «Auch viele ältere Frauen in Italien bedecken ihr Kopf mit einem Tuch.»

Kopftuch ja oder nein?

Äusserlich so leicht erkennbar, empfinden die Frauen das erstmalige Tragen des Kopftuchs dennoch als grossen Einschnitt. Beide erinnern sich noch gut an den Tag, an dem sie das Kopftuch zum ersten Mal in der Öffentlichkeit getragen haben. Alya Houdaf: «Meine Nachbarin war der erste Mensch, der mir begegnet ist. Sie reagierte toll. Sie sagte: Das steht dir. So siehst du viel schöner aus als vorher.» Dieser äusserliche Wandel hatte wiederum Auswirkungen auf ihren Glauben. Seit sie das Kopftuch trägt, habe sich ihre Bindung zu Gott nochmals verstärkt.

 

 

Muslime in der Schweiz

In der Schweiz leben rund 400’000 Muslime. Rund 58 % der Muslime in der Schweiz stammen aus Ländern des ehemaligen Jugoslawien, 21 % aus der Türkei; 12 % haben die Schweizer Staatsbürgerschaft. Jährlich konvertieren zirka 100 Schweizerinnen oder Schweizer zum Islam.

 

Erschienen am 18. August 2009 im Winterthurer Stadtanzeiger

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