Bsundrigi Ort, Essays

Von Räumen, die es zu besetzen gilt (Kairo, Ägypten)

Eine Frau mit einem grünen Kopftuch sitzt ganz allein im hinteren Teil eines Kairener Kaffeehaus und raucht Wasserpfeife, während sie Zeitung liest. Ich liebe dieses Stoische an ihr. Die Gelassenheit, die sie ausstrahlt. Die Tische rund herum sind mit Männern besetzt, die ihren Kaffee trinken, manche spielen «Tawla», das ägyptische Backgammon. Ich spüre eine Bewunderung für diese Frau, dafür, dass es ihr offenbar gelingt, sich in dieser Männerwelt zu behaupten. Ich möchte gern mehr über diese Frau erfahren, was sie arbeitet, wie sie mit diesen patriarchalen Strukturen umgeht. Ich möchte mit ihr ins Gespräch kommen, sie kennen lernen. Es ist eine Tatsache, dass es in den meisten von Kairos Kaffeehäusern keine Damentoilette gibt. Frauen sind nicht vorgesehen in diesen Zentren der ägyptischen Kultur, wo sich das öffentliche Leben abspielt. «Ein Kaffeehaus ist in Kairo zugleich Büro, Informationsbörse, literarisch-politischer Salon, Ankerpunkt der Menschen im grossstädtischen Mikrokosmos sowie Arbeitsplatz für allerlei fliegende Händler und Dienstleister», beschreibt es Reinhard Hesse in einem «Merian»-Artikel. Ich fasse den Mut und setze mich an einen der kleinen Tische, wobei ich jedoch darauf bedacht bin, einen der äusseren Tischreihen zu wählen, nahe bei den Passanten auf dem belebten Tahrir Platz. Jederzeit fluchtbereit, und das am helllichten Nachmittag.

Ganz offensichtlich nimmt sich die Frau im grünen Kopftuch, die gerade mit einer kurzen und energischen Handbewegung beim Kellner einen zweiten Kaffee bestellt, gewisse Freiheiten heraus, mit denen ich Mühe bekunde. Freiheiten, für die ich nicht zu kämpfen gewohnt bin, die dort, wo ich herkomme, als ganz selbstverständlich erscheinen. Natürlich ist mir klar, dass es Frauen vor mir gegeben hat, die das für mich erledigt haben. Ich denke da zum Beispiel an Nadeschda Suslowa, die erste Studentin an der Universität Zürich, ich denke an all die Politikerinnen, die sich in einer männerdominierten Sphäre zurechtfinden müssen, ich denke an Angela Merkel, die sich auf dem europäischen Politparkett bewegt und ganz bescheiden das ist, was sich irgendwie niemand auszusprechen traut: Die mächtigste Frau Europas, neben der Männer wie Nicolas Sarkozy oder Silvio Berlusconi wie Kasperlis wirken. Hat sie sich daran gewöhnt, immer die einzige Frau zu sein? Fühlt sie sich manchmal einsam an den Staatsempfängen, und fühlt sie sich nicht noch viel einsamer, wenn sie die Tafel mit Frauen wie Carla Bruni teilt, die bestenfalls Décor sind für die angegrauten Mächtigen in ihren braven Anzügen? Aber vielleicht geht es ihr ja auch ganz gut dabei als «Hähnin im Korb», der «Hahn im Korb», also der einzige Mann unter lauter Frauen zu sein, ist als Redewendung ja nicht negativ besetzt, im Gegenteil sogar eher positiv. Es bedeutet, eine Sonderstellung einzunehmen, vielleicht sogar ein bisschen verwöhnt, bemuttert oder umgarnt zu werden. Die Akzeptanz jedenfalls wird nie in Frage gestellt. Aber «Hähninnen» gibt es nun mal nicht.

Dass es keine «Hähninnen» gibt, weiss Sayed sehr gut. Sayed ist dort, wo ich wohne, auf der kleinen Insel im Nil, zuständig für die Hühner des kleinen Hobbybauernhofs, den sich unsere Hausbesitzer leisten. Vielleicht hundert Hühner lässt er täglich aus dem Hühnerstall und dann gackern sie vergnügt auf unserer Wiese, die frechsten wagen sich bis auf unseren Vorplatz. Zu den hundert Hühnern gehören drei Hähne, die sich mit ihrem mächtigen Kamm und Gefieder rein physisch deutlich von den Hühnern unterscheiden. Hier am Nil leben wir sehr nahe an der Natur, was auch bedeutet, dass wir regelmässig vom lauten Krähen der Hähne geweckt werden. Mein Mitbewohner kann den Klang des einen Hahns so gut nachahmen, dass wir regelmässig Tränen lachen. Denn nach drei Monaten auf einer Hühnerfarm muss selbst ich, die sich nie besonders für Tiere interessiert hat, einräumen, dass jeder der Hähne eine individuelle Krähmelodie hat. Besagter Hahn jedenfalls kann gar nicht richtig krähen, der Ton bleibt ihm regelrecht im Hals stecken und vielleicht ist gerade das der Grund, warum er das mit dem Krähen einfach nicht lassen kann.

Ein aufmüpfiges Huhn sein, das möchte ich. Warum bin ich jedoch eines, das weit weg vom Haus seine Würmer pickt, weit weg von der potentiellen «Gefahrenquelle»? Diese unsichtbare Grenze zu überschreiten, das interessiert mich, deshalb zieht es mich auch immer wieder allein in Arabische Länder, obwohl ich ganz genau weiss, dass eine allein reisende Frau in der Arabischen Kultur schon fast eine Provokation darstellt, zumindest etwas ist, wofür es keine Kategorien gibt. Die Mutprobe daran interessiert mich. Und auch da wieder muss ich an meine historischen Vorbilder denken. Isabelle Eberhardt beispielsweise, die sieben Jahre lang Algerien, Tunesien und Marokko bereist und darüber geschrieben hat und sich teilweise sogar als Mann ausgegeben hat. Doch mich als Mann ausgeben, das kann ich nicht. Und ganz ehrlich gesagt will ich es auch nicht.

Aber natürlich habe auch ich mich angepasst. Nach einem schlechten Erlebnis mit einem Taxifahrer bin ich schnurstraks ausgezogen auf den Khan-el-Khalili-Markt, um mir einen Ehering zu kaufen, obwohl ich nicht verheiratet bin. Meine Mitbewohnerin hat mich begleitet. Es ist ein einfacher Silberring, «weissgold», meint sie scherzhaft und wir lachen. Irgendwie ist es lustig, und dann auch wieder nicht. Sie, die Mitbewohnerin, erlebt es anders. Sie ist mit ihrem Freund gekommen, bewegt sich im öffentlichen Raum fast nur mit ihm. Wird in Ruhe gelassen, zumindest einigermassen. Ich hingegen bin Freiwild. Die jungen Männer pfeifen, schnalzen oder zischen mir hinterher, obwohl ich immer darauf bedacht bin, selbst im heissesten Monat August, meine Schultern zu bedecken und lange Jeans zu tragen. Ganz allein das erste Taxi zu besteigen war ein muttechnischer Kraftakt. Schliesslich weiss ich nie, an was für einen Mann ich gerate. Nur dass ich an einen Mann gerate, ist sicher. Mir ist bewusst, dass das als Mann sehr schwierig zu verstehen sein muss. Es hat damit zu tun, dass man als Frau einem Mann sehr schnell ausgeliefert sein kann. Es ist etwas ganz Grundlegendes. Schliesslich ist es er, der penetriert, und nicht sie.

Später macht es mir nichts mehr aus, Taxis zu benutzen, ja es wird mir sogar zur lieben Gewohnheit. Ich lerne etwas Arabisch und bin bald schon fähig, rudimentäre Dialoge mit meinen Fahrern zu führen. Die Sprache bietet mir Schutz, denn ich werde jetzt im weitesten Sinne als «eine von ihnen» angesehen. Gleichzeitig fällt aber auch noch die letzte Barriere, jeder zweite Taxifahrer will mich heiraten, natürlich sind die Anträge nicht immer ganz ernst gemeint, ich habe viel gelacht während all dieser Taxifahrten und die Fahrer ganz schamlos als meine Arabischlehrer missbraucht. Genau wie der Gockel, der nicht krähen kann, probieren sie es halt einfach mal. Vielleicht funktioniert’s ja. Und trotzdem: Die ständige Grenzziehung ermüdet mich. Ich muss meine Grenzlinien selbst ziehen, von alleine werden sie nicht respektiert, sie werden nicht erspürt oder erfühlt, und ich frage mich ganz grundsätzlich, warum das so sein muss. Warum hier nicht sensibler mit Grenzen umgegangen wird. Warum ich ständig das Gefühl habe, bedroht zu sein und mich schützen zu müssen. Oder ist das nur mein eigener Eindruck? Bin ich paranoid?

Vieles läuft über die Gewohnheit. Als ich Besuch von Freundinnen bekomme, traue ich mich mit ihnen als Schützenhilfe in ein Kaffeehaus, in dem nur Männer sitzen. Später, als die Freundinnen wieder abgereist sind, gehe ich auch alleine hin. Die Angestellten erkennen mich wieder, grüssen mich, man wechselt ein paar Worte. Ich gehe vor Anker. Besetze einen Raum. Was hindert mich eigentlich daran, gewisse Räume zu besetzen? Ich weiss, dass es Angst ist. Aber die Angst wovor?

Natürlich hat es mit dem Gefühl des Fremden zu tun. Nicht nur gegenüber der fremden Sprache und Kultur, sondern vor allem die Fremdheit gegenüber männlichen Verhaltensweisen. Die männliche Aneignung des Raums ist mir fremd. Denn es ist nicht nur der Mann, der penetriert, er ist auch rein physisch immer stärker als die Frau. Wenn er will, kann er sich nehmen, was er braucht. Ich denke an meine eigene Physiognomie und wundere mich, schliesslich war ich nie zart gebaut, ich bringe siebzig Kilo auf die Waage seit ich in der Pubertät war, zudem bin ich vielleicht nicht stärker, aber zumindest grösser als mancher Mann. Wie müssen sich Frauen fühlen, die Männern körperlich noch eindeutiger unterlegen sind als ich? Und natürlich komme ich auch ungeschützt, und das meine ich jetzt rein kleidertechnisch, schliesslich trage ich kein Kopftuch, habe mich auch nie dazu durchringen können, eines zu tragen, auch weil uns gesagt wurde, man würde damit in erster Linie den Hohn und den Spott der Ägypterinnen auf sich ziehen. Ich glaube auch nicht, dass dieses Tuch in meiner Situation Wunder gewirkt hätte, ich sehe nicht ägyptisch aus, das ist nun mal eine Tatsache. Mit der Zeit habe ich jedoch den Kleiderstil der jungen Ägypterinnen nachzuahmen versucht, habe lange Kleider zu tragen begonnen, die mit einem langärmligen Top kombiniert werden. Es sieht modisch aus, und zeigt doch keinen Millimeter Haut. Dass ich deshalb weniger angemacht worden wäre, kann ich nicht behaupten. Und trotzdem hat es einen Unterschied gemacht, wahrscheinlich eher bei mir selbst. Es war so ein Gefühl, aufrechter zu gehen. Stolzer irgendwie.

Kann die einzige Waffe gegen Grenzüberschreitungen also nur der eigene Stolz sein? Ein interessanter Gedankengang, den ich mir so noch nie gemacht habe. Und niemand würde abstreiten, dass die Ägypterinnen, vielleicht allgemein die arabischen Frauen, etwas Stolzes an sich haben, das aber niemals in Überheblichkeit mündet. Und nun denke ich wieder an die Frau im grünen Kopftuch zurück. Wie Isabelle Eberhardt in ihren Männerkleidern passt auch sie sich mit der Kleidung dem Herrschaftssystem an, um sich mehr Freiheiten herausnehmen zu können. Doch es ist nicht nur das. Habe ich in ihrer Haltung  Gelassenheit gesehen, ohne den Stolz zu erkennen? Ich glaube daran, dass das Kopftuch in ihrem Fall eine Art Schutzschild ist, das ihr selbst ein besseres Gefühl gibt. Sie selbst geht damit aufrechter durch die Strassen. Dadurch, dass sie nicht alles zeigt, bleibt  Spielraum für Geheimnis, es ist ihr Raum und nur ihrer, den nur sie besetzt. Demnach wäre das Kopftuch kein Instrument der Grenzziehung, sondern ein Instrument, das Räume öffnet, sich selbst mehr wert zu geben und das auch nach aussen zu tragen.

Erschienen im Papyrus Magazin

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