Essays

La prima volta

»Für uns, denen der Pfosten der Tür verbrannt ist, an dem die Jahre der Kindheit Zentimeter für Zentimeter eingetragen waren.«    Hilde Domin

La prima volta – das erste Mal. Ausgesprochen von italienischen Zungen, fällt mir auf, wie viele erste Male es im zurückliegenden Jahr tatsächlich gegeben hat. Ich bin mit meinem Freund im Dorf seiner Familie in Norditalien, es ist Sommer, wir trinken roten Schaumwein, der mich heiter macht und erfreue mich an den Holundersträuchern an den Wegrändern. Die Gegend hier ist grün und satt, sie trägt eine Sanftheit in sich, die mich tief berührt. Ich kenne Berggebiete auch anders: Als karg, abweisend, »einkesselnd«, würde meine Mutter sagen. Corniglio ist ein kleines Bergdorf im norditalienischen Apenin-Gebirge, an der Wasserscheide zwischen der Toskana und der Emiglia Romagna, eine dreiviertelstündige Fahrt von Parma entfernt. Vom Castello di Corniglio aus hat man einen atemberaubenden Überblick über das Tal, durch das der Fluss Parma fliesst. Ich bin neu an diesem Ort, aber für meinen Freund hat er Geschichte. Sein Vater ist hier aufgewachsen, seine Grossmutter lebte hier bis zu ihrem Tod. Es ist das erste Mal, la prima volta nach ihrem Begräbnis, dass er zurückkehrt.

Ich bin an einen Ort des Ursprungs zurück gekommen, der nicht mein eigener ist. Gerade in so einer Umgebung liegt der Vergleich mit einer Quelle nahe. Mein eigener Ursprung ist dort verschwunden, wo ich ihn nicht mehr erreichen kann. Ein Jahr zuvor ist meine Mutter mit 63 Jahren nach kurzer Krankheit gestorben. Auch mein Vater ist seit zehn Jahren tot. Die Brücken zu meiner Kindheit sind für immer eingestürzt. Was darauf folgte, hatte traumatischen Charakter: Die Namen meiner beiden Eltern auf dem Grabstein eines Dorffriedhofs, die Räumung des Elternhauses. Es ist ungeheuer schwer zu gehen, wenn man muss. Der einzige Mensch, der seit meiner Geburt Standhaftigkeit beweist, ist meine 90-jährige Grossmutter. Ein seidener Faden als Verbindung in meine Vergangenheit, immer in Gefahr, durchtrennt zu werden. Hinzu kommt das segensreiche Vergessen des Alters. Der Platz des Vermittlers zwischen den Zeiten ist unbesetzt. Die Brüchigkeit des Lebens liess mich für Wochen und Monate sprachlos zurück. Ihr Tod hat mich entblösst. Mich mir und meinem Leben schreibend zu versichern, es gewissermassen zu »entschlüsseln«, hätte mir helfen können, aber auch schreiben konnte ich nicht mehr. Ich war verstummt. Mein versteinertes Herz. Für andere Menschen scheint Vergangenheit nicht so wichtig zu sein. Nicht für mich. Ich bin ein Ursprungs-Mensch.

Vor Jahren hat Corniglio zweifelhafte Berühmtheit erlangt, als bei einem Erdrutsch das halbe Dorf unter den Erdmassen begraben wurde. Tote gab es keine, aber viele Cornigliesi haben damals ihre ganze Existenz verloren. Auch die Familie meines Freundes hat alles verloren. Um dann, an anderer Stelle, ein neues Haus aufzubauen. Ein Spaziergang auf den Spuren der Vergangenheit führt uns auch an den Ort, wo das alte Haus gestanden hatte. Mein Freund erkennt die Gegend kaum wieder, die Ruine einer Schinkenfabrik sowie ein altes Hexenhäuschen, das völlig schief steht, sind die einzigen Zeichen dafür, dass hier einmal Menschen gelebt haben. Die Hausruinen inmitten von Bäumen und Buschwerk berühren mich, die Natur hat diesen Teil des Dorfes zurückerobert, alles hier ist wild, alles ist ursprünglich. Vielleicht hat der Besuch in Corniglio auch deshalb so eine heilsame Wirkung auf mich, weil die Rinde des Vertrauens hier wieder nachzuwachsen beginnt. Das Dorf scheint mir etwas sagen zu wollen, der Fluss Parma überträgt mir die Botschaft flüsternd: »Das Leben kann weitergehen. Es kann vorkommen, dass du ein Haus verlierst. Schau nicht zurück, sondern bau dir ein neues Haus, an einem anderen Ort.« Für mich ist es schwer zu verstehen, dass Zerstörung dazu gehört. In anderen Religionen ist dieses Wissen viel präsenter. Im Hinduismus zum Beispiel ist Kali die Göttin des Todes und der Zerstörung, und gleichzeitig der Erneuerung.

Ich wache auf und merke, dass ich vom alles verschlingenden Feuer geträumt habe. Meine Grosseltern, bei denen ich einen Grossteil meiner Kindheit verbracht habe, waren gottes- und naturfürchtige Bauersleute. Bei einem Gewitter sassen wir auf unseren gepackten Koffern im Wohnzimmer, statt in unseren Betten zu schlummern. Jederzeit bereit, zu flüchten, sollte ein Blitz ins Haus einschlagen. Dabei wohnten wir gleich neben der Kirche, und jedes Kind weiss doch, dass der Blitz immer in den höchsten Punkt einschlägt. Einmal hat der Blitz tatsächlich den Blitzableiter des Kirchturms getroffen und es gab einen fürchterlichen Knall. Am nächsten Tag war unser Fernsehapparat kaputt. Und einmal hat es in der Nachbarschaft gebrannt. Das Geräusch von knisterndem Gebälk werde ich nie mehr vergessen. Und dass ich allein zu Hause war und ungeschützt wie die meiste Zeit meiner Kindheit.

Hilflos sein, ungeschützt: In der Kapelle lese ich im Altarbuch, und darin hat jemand geschrieben: »Beschütze meine liebevollen Eltern, auch wenn ich schon erwachsen bin, brauche ich sie noch.« Dieser Zusammenhang war mir nie bewusst gewesen und ich finde es faszinierend, dass das jemand so klar in Worte fassen kann. Ein Kind braucht seine Eltern – ohne sie ist es nicht überlebensfähig. Doch wofür braucht man Eltern, wenn man selber bereits erwachsen ist?

Ich bin in einem Klima der Güte und der Unschuld herangewachsen. In einem sehr liberalen Elternhaus, in dem es nicht viele Regeln gab. Meine Eltern haben vor allem gearbeitet und mir vorgelebt, »wo das Geld herkommt«, wie mein Vater sagen würde. Und dann denke ich wieder an die Hilflosigkeit meiner »beiden Mütter«. In meinen Jugendjahren waren meine Mutter sowie meine Grossmutter, die Haus an Haus wohnten, bereits verwitwet und die beiden Frauen haben grosse Demut bewiesen. Nie hätten sie das Schicksal angeklagt, sondern haben einfach hingenommen und dem geharrt, was da kommen mag. Darin steckt viel Urvertrauen ins Leben und den natürlichen Verlauf der Dinge. Aber in Wahrheit haben wohl eher sie mich gebraucht als umgekehrt. Doch auch ich hatte sie insofern gebraucht, als dass ich sie mir irgendwann zur Aufgabe gemacht habe. Als meine Mutter starb und die Pflege meiner betagten Grossmutter anders organisiert werden musste, verlor ich diese Aufgabe – das war zuerst befreiend, und später befremdlich: Weil es nichts mehr gab, das ich hätte pflegen können. Ich hatte eine Aufgabe verloren, die immer zu mir gehört hatte. Und damit ein Stück meiner Identität verloren.

Jemanden zu »brauchen« ist also nicht immer so linear, wie es im ersten Moment den Anschein macht. Jemanden zu brauchen, weil er einem das Leben verschönert, lebenswerter macht, oder weil er mit Rat und Tat zur Seite steht, ist etwas anderes, als das Gebrauchtwerden, dem eine Abhängigkeit zugrunde liegt. Meine Mütter waren durchaus allein lebensfähig – zumindest zusammen – haben aber immer das Gegenteil ausgestrahlt. Es war ihnen einfach lieber, wenn jemand da war und für sie gesorgt hat. Erwachsensein heisst vor allem, seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Und gerade das haben meine Mütter gerne von sich weggeschoben. Was ich damit sagen möchte: Wer Kind ist und wer Erwachsen, wer Hilfe leistet oder Hilfe braucht, ist nicht immer klar abzugrenzen. Es kann auch vorkommen, dass es plötzlich umgekehrt ist.

Also nochmals die Frage: Wofür braucht man Eltern, wenn man selber bereits erwachsen ist? In meinem Fall muss die Antwort lauten: Nötig sind sie nicht mehr. Aber beruhigend ist es, jemanden hinter sich zu wissen. Jemand, den man als kompetent einstuft, wenn es um die unergründlichen Fragen des Lebens geht. Fällt diese Absicherung weg, steht man plötzlich allein da.

Meine Mutter ist genauso gestorben, wie sie gelebt hat: Zutiefst erleichtert, dass sie nicht selber entscheiden musste. Der Kampf gegen den Krebs war in ihrem Fall so aussichtslos, dass es nur verschwendete Energie gewesen wäre, ihn überhaupt anzutreten. »Im Leben brauchtest du Unterstützung, nur das Sterben fiel dir leicht«, möchte ich manchmal zu ihr sagen. Das ist doch paradox. Dass sie noch gebraucht würde, weil ihre Tochter eben erst erwachsen geworden war, sozusagen nur einen Schattenwurf vor der Diagnose, dieser Gedanke wäre ihr gar nie gekommen. Gebraucht zu werden, das hatte sie sich nicht zugetraut. Gebraucht zu werden hätte ein Ego erfordert, das sie nicht gehabt hat. Bescheidenheit ist eine Tugend, oder versteckt sich dahinter eine Minderwertigkeitsdemut? Manchmal wäre ich froh, jemand hätte mir beigebracht, dass ich auch einen Wert habe, auch mal aufbegehren darf, nicht immer lieb und nett sein muss, um akzeptiert zu werden. Und ja nicht zu viel vom Leben fordern! Ich glaube, damit habe ich sie immer wieder herausgefordert: Plötzlich begann diese Tochter Bücher zu schreiben, mehr vom Leben zu fordern, aktiv statt passiv-duldsam zu sein. La prima volta – meine Mutter ist gestorben, zum ersten Mal und zum letzten Mal. Mein eigener Urmensch ist gegangen, von nun an existiert nur noch die Erinnerung. Und weil sich daran unwiederbringlich nichts mehr ändern wird, ist es auch an der Zeit, Bilanz zu ziehen.

In diesem italienischen Bergdorf kommt ein Gefühl zurück, das ich verloren glaubte: So eng mit der Landwirtschaft und der Natur zu leben macht mir bewusst, wie sehr ich im Grunde meines Herzens ein Landmensch bin und wie mir der Lärm der Welt auf die Nerven geht. An diesem Ort, an dem ich keine Wurzeln habe, fühle ich mich meiner Mutter plötzlich wieder auf ganz eigenartige Weise nah. Weil auch sie ein Naturmensch war und die Berge geliebt hat. Könnte man diesen Prozess Neuverwurzelung nennen? Sein »Haus« im übertragenen Sinne an einem anderen Ort wieder aufbauen? Ich weiss, dass es möglich ist. Die Parma hat es mir zugeflüstert, in gurgelnden Geräuschen mitten in der Nacht. Hier kann ich mir plötzlich vorstellen, eigene Kinder grosszuziehen und mit ihnen die Wälder zu durchstreifen. Mit meinen Freundinnen und deren Kindern herzukommen und Kastanien zu sammeln. Corniglio ist ein Kraftort geworden. Ein Ort, wo sich meine kleine verlorene Seele neu behaust hat.

Unveröffentlicht

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