Nah, Reportagen

Es liegt in deiner Hand

Die beiden Schwestern Sarina und Alexandra Nauer betreiben einen Online-Erotik-Shop. Ihre Vibratoren und Dildos präsentieren die Jungunternehmerinnen auch im privaten Rahmen – ganz ohne Obszönität und zweideutige Sprüche. Ein Abend im Zeichen weiblichen Erotik.

Gelächter erfüllt den Raum, die gemütliche Frauenrunde ist heute besonders ausgelassen. Eine Einladung zu einem Vibi-Abend erhält man schliesslich nicht alle Tage. Die fünf Freundinnen Mitte Zwanzig unterhalten sich angeregt. Nach den Plänen für den nächsten Tag befragt, witzelt eine: «Morgen? Morgen bin ich den ganzen Tag besetzt.» Die Neuanschaffung, die frau in Kürze machen wird, will schliesslich getestet sein.
Ein Abend ganz im Zeichen der weiblichen Erotik – nicht weniger als das versprechen Sarina und Alexandra Nauer auf der Website ihres Online-Erotik-Shops clicare.ch. Nach der Tradition von «Tupperware»-Partys moderieren sie auf Einladung einer Gastgeberin einen Abend unter Frauen, eine Auswahl ihres Sortiments im Gepäck. Bei Bedarf kann jede Frau sofort zugreifen und ihr Lieblingsobjekt käuflich erwerben – in einem intimen Rahmen unter Freundinnen sitzt die Hemmschwelle tiefer. Spezialisiert sind die Nauer Sisters auf ein wohlgeformtes batteriebetriebenes Stück Lust – den Vibrator.

Motor- oder Handbetrieb

Die zwei Schwestern haben es sich auf dem Fussboden bequem gemacht, zwischen sich eine grosse, praktisch verschliessbare Kiste, aus denen sie einzeln die Produkte hervorholen und in die Runde geben. Die Dinger werden von jeder Freundin einzeln angefasst, gedrückt und begutachtet. Die 30-jährige Alexandra und die 27-jährige Sarina erklären den Unterschied zwischen Vibrator und Dildo, der oftmals für Verwirrung sorgt: Ein Vibrator wird von einem kleinen Motor angetrieben, wogegen ein Dildo über keinen solchen verfügt, sozusagen handbetrieben ist. Benutzt man einen Vibrator, ohne den Motor in Gang zu setzen, wird er also faktisch zum Dildo… aber schön der Reihe nach.
Der Verkaufsschlager der zwei Schwestern ist «Layaspot», der zum Auflegen gedacht ist und nicht zum Einführen. «Noch dazu ist er absolut wasserdicht», betont Alexandra Nauer. Das nächste Objekt besticht durch seine Ästhetik: Ganz in schwarz, sieht dieser Auflegevibrator aus wie ein Stein oder eine Maus und würde sich auch als Dekor im Wohnzimmer gut machen. Unauffälligkeit ist das Gebot der Stunde, Frauen mögen es so. Das Urteil der Expertinnen: Für nur 29 Franken erfüllt er seinen Zweck.

Sarina und Alexandra Nauer haben clitcare.ch vor fünf Jahren als Online-Erotik-Shop übernommen. Sarina, die jüngere, war damals gerade mal 22. Das Ziel der beiden war es, Sexspielzeuge aus der Schmuddel-Ecke zu holen und Frauen dazu zu ermuntern, einen respektvollen und offenen Umgang mit der eigenen Sexualität zu leben. Bei der Auswahl ihrer Produkte legen die Nauer Sisters Wert auf ein stilvolles Design und 100%ige Hautverträglichkeit, ausserdem auf viel Diskretion: Die Pakete werden neutral verschickt, der Absender ist nicht erkennbar. Das Konzept hat wachsenden Erfolg: Die Schwestern verschicken derzeit wöchentlich ungefähr 20-35 Pakete, Tendenz steigend. Vor zwei bis drei Jahren waren es noch zirka 7-15 pro Woche.
Die enorme Vielfalt der Lust-Werkzeuge versetzt die Freundinnen in Staunen. Da gibt es muschelförmige, penisförmige oder s-förmige Modelle in allen möglichen Grössen und Farben – und Preisen. Die Kosten für einen Vibrator bewegen sich zwischen 30 und 230 Franken. Schon beinahe andächtig gehen die Produkte von Hand zu Hand, manche halten die Vibis an Wangenpartie oder Nacken, um die Vibrationsstärke zu testen. Die Handhabung hat manchmal auch ihre Tücken, denn das einfache Rädchen für die Bedienung eines Vibrators hat schon längst ausgedient. Die neuzeitlichen Vibi-Modelle haben ein Fadenkreuz für die Elektronik. Anhand dieses Schaltzentrums der Lust kann die Frau selber über verschiedene Tempi und Interwalle bestimmen. Die Taste fürs Ausschalten ist manchmal entsprechend schwer zu eruieren, und während die Mentorinnen fröhlich plaudern, haben die Partygäste Mühe, den vibrierenden Freund zum Stillstand zu bringen. Meistens beginnt er nur noch heftiger zu rotieren. Vibratoren sind multifunktionale Geräte geworden, an denen technisch versierte Männer wahrscheinlich ihre wahre Freude hätten.

Schlafzimmertest bestanden

Schlafzimmergeräusche sollen nicht klingen wie das Rasseln eines Traktorenmotors. Dies wissen auch die beiden Schwestern und legen daher grossen Wert auf Geräte mit einem niedrigen Geräuschpegel. Die Geschwister haben lange zusammen gewohnt und versichern: «Man hört wirklich nichts, da dringt noch eher ein kleiner Stöhner unter der Türe hindurch.» Die zwei jungen Frauen nehmen kein Blatt vor dem Mund und reden ganz offen über Solosex. Ihre eigene Experimentierfreude nimmt dabei kein Ende: Früher oder später würden sie die meisten der angebotenen Vibratoren selber testen. Das Lustobjekt «Gigi» beispielsweise ist der persönlich Favorit von Sarina Nauer. «Damit kann man alle möglichen Punkte erforschen, die ich vorher nicht kannte», gibt sie offen zu. Es wird aber auch gewarnt: «`Gigi` ist akkubetrieben – also nie das Aufladegerät zu Hause vergessen.» «Zur Not tut es aber auch das Aufladegerät des Nokia-Handys», meint Alexandra und erntet damit Gelächter.

Als eine der Freundinnen kurz aufs Klo verschwinden will, wird sie von den «clitcare»-Frauen aufgehalten. «Wart noch schnell. Du kannst etwas ausprobieren.» Sarina Nauer hält ihr eine Tube entgegen. «Klitorix» heisst die Crème, die im Intimbereich aufgetragen wird und anregend und pflegend wirkt. Kaum vom Klo zurückgekehrt, wird die Testerin mit Fragen durchlöchert: «Spürst du schon etwas?» Eine um die andere verschwindet auf dem Klo, um die Crème aufzutragen. «Wahrscheinlich werdet ihr nach ungefähr zwanzig Minuten ein Kribbeln spüren». Mit fragendem Blick schauen die Frauen in die Runde. «Ich spüre nichts», verkündet die erste und auch die restlichen Frauen schütteln den Kopf. «Wir müssen ja auch nicht mehr hier sein, wenn es zu kribbeln beginnt», meinen die Schwestern scherzhaft. Neben Vibratoren verkaufen die beiden Schwestern auch andere Sex Toys und Accessoires wie Dildos, Gleitcrèmes, Liebeskugeln, erotische Hörspiele und sogar Pornos.

Women only

Wie wohltuend unaufgeregt es zu und her gehen kann, wenn Frauen unter sich sind und eine Nachhilfestunde in Sachen Erotik auf dem Programm steht, zeigt das Beispiel von Sarina und Alexandra Nauer. Sie haben bereits «clitcare»-Abende durchgeführt mit Frauen im Alter zwischen 18 und 60 Jahren. Männern ist der Zugang dabei strikte untersagt. «Nicht weil wir etwas gegen Männer hätten, ganz im Gegenteil», sagen die beiden jungen Geschäftsführerinnen. «Aber wir finden, gewisse Dingen sollten Frauen nur für sich haben.» Als Feministinnen sehen sie sich weniger, ihnen liegt einfach etwas daran, Frauen zur Erkundung ihres Körpers zu ermuntern. «Letztlich kommt das natürlich auch immer dem Mann zugute.» Und Sarina fügt hinzu: «Die Sache sollte man nicht todernst nehmen – sich selbst hingegen schon.»

Nimm zwei

Die Suche nach dem perfekten Vibrator hat durch die fachkundige Beratung nur wenig Zeit in Anspruch genommen, Kaufentscheide sind schnell gefällt. «Ich gönne mir das – schliesslich ist so ein Vibi eine Investition für die Zukunft», meint eine der Freundinnen und die anderen stimmen ihr zu. Laut den beiden Expertinnen sollte jede Frau mindestens zwei Vibis besitzen – ein «Layaspot» und ein anderer. Die Geschwister vergleichen es mit Schuhen oder Taschen: «Die wechselt man auch nicht dauernd, aber ab und zu hat man Lust auf etwas Neues.» Und Alexandra Nauer fügt hinzu: «Besser man wechselt die Vibis als die Männer.» Gerade als die beiden zur Verabschiedung übergehen wollen, ertönt ein lautes Surren. Die Frauen halten einen kurzen Moment inne und schauen sich an. «War das dein Handy oder dein Vibi?».

Surprise Strassenmagazin, 7. März 2008


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