Bsundrigi Ort, Essays

Die Unaufgeregte (Winterthur, Schweiz)

Winterthur ist keine City, sondern eine Town. Eine typische Town mit einer intakten Altstadt, einem Pub und dem Gemüsetürken. Alles ist da, aber nichts existiert im Überfluss. Überhaupt gibt es in Winterthur ganz objektiv betrachtet nicht viel zu sehen. Keine Burg, kein Barockschloss, keine Kirche mit einem überdimensionierten Zifferblatt, keinen See, dessen Oberfläche verführerisch in der Sonne glitzern würde wie in Zürich. Die einzige Sehenswürdigkeit – obschon es die WinterthurerInnen nie als solche bezeichnen würden – ist das Stadthaus, ein Repräsentationsbau des Architekten Gottfried Semper. Als Wahrzeichen hinter vorgehaltener Hand könnte allenfalls noch der riesige hölzerne Mann in der Platanenallee hinhalten, mit seinem ebenso riesigen Gemächt. In Winterthur zeigen nur der Holzmann und die Statuen im Stadtpark, was sie wirklich zu bieten haben.

Winterthurs Schönheit erschliesst sich dem wachsamen Auge erst auf den zweiten Blick. Im Frühling zum Beispiel, wenn die Kirschbäumchen an der Agnesstrasse in ihren rosafarbenen Blüten stehen – man kann sich kaum satt sehen an der Farbenpracht. Doch anders als während der Kirschblütenzeit in Tokio zelebrieren es die WinterthurerInnen nicht, sie setzten sich nicht darunter und halten ein Picknick ab, sondern geniessen es im Stillen, laben sich an der Schönheit des Anblicks, wenn sie durch Zufall mit dem Velo daran vorbeifahren. Und kaum hat die Nachricht über die Kirschblütenzeit die Runde gemacht, ist diese auch schon wieder vorbei. Winterthur ist heimlich schön. Wenn Wien die Frau ist, die viel Make-up aufgetragen hat, ist Winterthur die Frau, die ein schwarzes hochgeschlossenen Kleid trägt, das nichts zeigt und doch alles erahnen lässt.

Eine Stadt mit Geheimnissen … und während man in anderen Städten Barockschlösser oder Zarenpaläste besichtigt, führt man Besucher hier in die beschauliche Neustadtgasse. Dort steht das kleinste bewohnte Haus, das jedoch kaum mehr Platz bietet als eine Einzimmerwohnung. Anschliessend zeigt man den Gästen von auswärts noch die Arbeiterhäuser an der Jägerstrasse, die einst nach dem Vorbild der Cottage-Häuser in Liverpool erbaut wurden. Die Häuser sind  kleiner als eine durchschnittliche 2,5-Zimmer-Wohnung. Und doch: Es sind Häuser aus Backstein und Beton, sie haben alles, was ein Haus zu einem Haus macht. Ein Gartentor. Einen Vorgarten. Wohnraum auf zwei Etagen sowie auf der Rückseite des Hauses ein Gemüsebeet. Keine andere Stadt schickt sich so lustvoll in ihre Kleinheit wie Winterthur.

Doch die Stadt – man muss es sagen – hatte nicht immer den besten Ruf. «Dort gibt es ja nur schlotende Kamine!», rief meine Mutter vor vierzig Jahren aus, als sie – die naturverbundene Bündnerin – meinen Vater kennenlernte. Damals, in den 70er Jahren, galt Winterthur als die grösste Industriestadt der Schweiz. Sechzig Prozent der arbeitenden Bevölkerung war in der Maschinenindustrie tätig. In riesigen Hallen wurden Schiffsmotoren hergestellt, Antrieb grosser Frachtschiffe, die sich anschickten, über die Weltmeere zu stampfen. Der industrielle Fortschritt hielt Einzug, die Welt beschleunigte sich und hier gab man Impulse dafür, ohne daran teilzunehmen. Die Arbeiter gingen im blauen Overall zum Feierabendbier und um 18 Uhr nach Hause. Schliesslich mussten sie am nächsten Tag in aller Herrgottsfrühe wieder am Fliessband stehen. Anderswo auf der Welt profitierte man vom Fortschritt. In Winterthur wurde er erarbeitet.

Inzwischen ist der Russ von den Dächern gewichen, der Rauch abgezogen, sind die Kamine eingestampft. Die leer stehenden Hallen im ehemaligen Industriequartier wurden von kreativen Köpfen vielfältig umgenutzt. In nur dreissig Jahren hat sich Winterthur von der Arbeiter- zur Studentenstadt gewandelt. Hier hat die ZHAW ihren Sitz, die grösste mehrspartig geführte Fachhochschule der Schweiz. Das Technikum ist vielleicht noch deren Aushängeschild, aber mittlerweile sind auch angehende Hebammen, PhysiotherapeutInnen, ÜbersetzerInnen, ja sogar LinienpilotInnen eingeschrieben. Winterthur ist eine Akademikerschmiede ohne den Pomp eines Cambridge oder Oxford, denn die Stadt hat keine Gelehrten-Vergangenheit, sondern weiss, dass sie ihren Erfolg allein dem Schweiss und der Muskelkraft zu verdanken hat.

Auch Feier und Genuss sind in Winterthur keine Fremdkörper mehr. Das Leben geniessen – das ist neu für die hiesige Seele mit ihrem hohen Arbeitsethos. Die WinterthurerInnen halten sich erstaunlich gut darin. Mit den Afro-Pfingsten, den Musikfestwochen und den Kurzfilmtagen beherbergt die Eulachstadt drei Festivals mit internationaler Ausstrahlung. Ausserdem bietet Winterthur 18 Museen eine Heimat, nicht wenige davon befinden sich in Privatbesitz. Hier kann man hemdsärmelig durch altehrwürdige Museen schlendern, ohne dabei schräg angeschaut zu werden. Keine Stadt verkörpert so schön, dass Büezermentalität und ein Sinn fürs Schöne sich nicht gegenseitig ausschliessen müssen. Ja tatsächlich: Winterthur ist eine Insel. Die Insel der Glückseligkeit. Und trotzdem sollte man von Zeit zu Zeit die Sicherheit ihrer fest gesteckten Küste aufgeben und aufbrechen – immer dem Horizont entgegen. Für Menschen mit dem Mut aufzubrechen ist Winterthur ein guter Ort, ihr Leben zu verbringen. Ein sehr guter Ort.

Erschienen in: 750 Wörter, Zeichen, Jahre

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