Kolumnen

Die Inflation des Josefs

Von schönen Geschichten können wir doch alle nicht genug kriegen. Deshalb kehrt die Geschichte aller Geschichten auch alle Jahre wieder: Die Weihnachtsgeschichte. Sie hat sich in unser kollektives Gedächtnis eingegraben, sie «gehört» uns allen. Am Heiligen Abend wird sie vielleicht vorgelesen unter dem glitzernden Christbaum, doch viel wichtiger für unseren Weihnachts-Wissensschatz war wohl einst die schulische Sozialisation. Gehörte nicht jede und jeder von uns als Kind einem Krippenspiel-Ensemble an, sei es im Kindergarten oder in der Primarschule? Grundsätzlich gibt es in jedem Kindertheater zwei Arten von Kindern: Diejenigen mit Sprechrolle und diejenigen ohne, die Statisten. Ruhmreiche Sprechrollen in der Weihnachtsgeschichte sind zum Beispiel der Engel Gabriel oder die Heiligen Drei Könige aus dem Morgenland. Statistenrollen haben die Soldaten und die Hirten auf dem Feld, ausserdem die Tannen am Wegrand (mit Armbewegungen, die Sturm symbolisieren). Schon im zarten Vorschulalter werden wir also schubladisiert in scheu oder redselig, mutig oder feige, begabt oder tapsig, beliebt oder unbeliebt. Die Frage «Und was warst Du im Krippenspiel?» ist also nicht einfach irgendeine Frage, denn die Antwort gibt uns gleichzeitig Aufschluss darüber, welche Art von Kind der andere einst war. Das ist zwar grausam, in gewissen Situationen aber auch ganz praktisch. Ich könnte beispielsweise zu meinen Freundinnen sagen: «Der Typ hat wahrscheinlich als Kind eine Tanne gespielt» und sie wüssten genau, welche Art von Mensch ich meine. «Er ist ein totaler Langweiler» meint exakt das gleiche und klingt dabei ungleich gemeiner. Bei einer nicht repräsentativen Umfrage betreffend Krippenspiel bin ich vor allem beim Thema Maria und Josef auf Erstaunliches gestossen. Maria und Josef sind die eigentlichen Stars vom Krippenspiel, wenn man einmal vom Jesuskind absieht, das ja oftmals sowieso nur eine Puppe ist. Maria und Josef müssen am meisten Text auswendig lernen und treten erst noch über mehrere Szenen hinweg in Erscheinung. Männer, die angaben, als Jungs den Josef gespielt zu haben, traf ich überdurchschnittlich häufig, einige wollten ihn sogar «mehrmals» gespielt haben. Doch wo bleiben die Marias dieser Welt? Keine einzige habe ich angetroffen! Rechnerisch gesehen muss es jedoch genauso viele Mariadarstellerinnen wie Josefdarsteller geben, und es kann proportional auch nicht mehr Josefs geben als Engel oder Hirten. Ist das also Auswuchs klassischer männlicher Selbstüberschätzung? Nein. Vielmehr glaube ich, die Männer haben längst durchschaut, dass es ihrem Ruf schadet, wenn sie ehrlicherweise sagen, dass sie als Kind ein ruhmreicher Tannendarsteller waren. Deshalb flunkern sie und behaupten, dass sie den Josef gegeben hätten, weil der Josef ja die männliche Hauptrolle ist und somit prestigeträchtig. Doch ich erlaube mir hier, diesen groben Denkfehler zu entlarven: Wenn man ein bisschen weiterdenkt, wird schnell klar, dass dem Josef in der Weihnachtsgeschichte überhaupt keine Bedeutung beigemessen wird. Der Josef in der Weihnachtsgeschichte ist so etwas wie der Blinddarm in unserem Organismus: Es braucht ihn gar nicht. Eigentlich weiss niemand so genau, warum er eigentlich existiert. Der Vater von Jesus ist er jedenfalls definitiv nicht. Also, liebe Männer: Wenn schon lügen, dann wenigstens gekonnt. Vergesst den Josef. Sagt in Zukunft lieber, ihr seid eine der Heiligen drei Könige gewesen. Die verschenken grossmütig ihre Schätze, kennen sich mit Sternen aus und haben erst noch diesen Hauch von Exotik. Das sind Qualitäten, die heute gefragt sind. 23. Dez. 2006, erschienen im Landboten
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