Kolumnen

Der russische Oligarch

»Dann geh ich halt zu Denner an die Kasse!«, sagen meine Freundinnen und ich, wenn wir mit unseren Whiskey Martinis auf unsere Niederlagen anstossen. Wir möchten uns verwirklichen, es zu etwas bringen und scheitern an der Realität. Ein Bachelor-Studium ist heute wie der Kindergarten – das hat jeder gemacht.

Aber uns steht ja die Welt offen.
Oder verlieren wir uns gerade darin?
It’s a maze, sagen die alten Leute, wenn ich sie durch den Flughafen schiebe. Ich schreibe und ich schiebe Rollstühle.
Ist das mein Leben?
Ist das meine Vorstellung von Glück?

Ich hatte einst den Himmel im Herzen.
Mit beiden Händen wollte ich ihn ergreifen.
Himmelsschreiberin sein und ein fettes »Yes, we can!« in den Himmel zeichnen.
Yoga machen und schreiben und einen Sommer lang nach Rom gehen
Arabisch lernen
ein Kind bekommen
In der Mongolei Englisch unterrichten und in einer Jurte wohnen
in einem kolumbianischen Kinderheim arbeiten
Blut spenden
Synchronschwimmen
Pole Dance machen
Meinen Arsch tätowieren lassen
Gibt es eigentlich etwas, was ich noch nicht wollte?

Ich wollte im Garten in der Erde graben und am nächsten Tag auf dem Flughafen Kofi Annan mit einem souveränen Lächeln willkommen heissen
Ich wollte Katzenmüttern bei der Geburt beistehen und am nächsten Tag mit meinem russischen Oligarchen Kaviar frühstücken
Ich wollte meine Brauen zupfen, meine Fingernägel rot lackieren und dann mit meinen gelben Regenstiefeln durch den Matsch waten
Einem Huhn den Hals umdrehen
einen Fisch ausnehmen
Oder mit einem Hengst durch eine regenschwere Wand galoppieren

Ich wollte ein Haus in Irland besitzen
eine Wohnung in Kairo
ein Chalet im Berner Oberland

Ich wollte Heli-Ski fahren
Mit dem Auto quer durch Amerika fahren
Einen Roadtrip durch Jordanien machen
Mit einem Schiff den Atlantik überqueren
Mit der Transibirischen Eisenbahn von Moskau nach Peking tuckern

Wer soll sich darin nicht verlieren
in diesem Labyrinth an Möglichkeiten
Und dann gibt es ja noch das sogenannt »private Glück«.

Mingle oder Muggel?
Wir möchten eine »gute« Ehe haben, uns aber auf niemanden richtig einlassen
Uns mit dem weniger guten zufrieden geben, bis das »richtige« kommt
Denn wer weiss heute schon, ob das richtige jemals kommen wird?
Das ist ähnlich wie die Frau, die sagt, sie könne ihren Job nicht aufgeben, schliesslich wisse sie ja nicht, wie lange ihr Freund ihr treu bleiben werde.
Absicherungs-Zynismus nenne ich das.

Auf unsere Generation hat niemand gewartet.
Während unsere Mütter sich ihre Jobs aussuchen konnten
tingeln wir von Praktikum zu Praktikum
sind ständig überqualifiziert und unterbezahlt

Unsere Mütter waren überzeugt, dass ihnen nichts zusteht, während wir überzeugt sind, dass uns alles zusteht
Wird zu viel von uns erwartet?
Oder erwarten wir zu viel von uns?

»Du kannst nicht alles haben. Entscheide dich.«
Sagen wir zu unseren Kindern.
Aber handeln wir selber danach?
Wir tun so, als könnten wir in der Theorie alles haben und als würde uns in der Praxis alles verwehrt.

Wir haben gelernt, illoyal zu unserem Arbeitgeber zu sein
Untreu gegenüber unseren Werten
Unverbindlich gegenüber unseren Partnern
Inkonsequent gegenüber unseren Kindern

Eine Generation auf der Suche nach dem verlorenen Glück

Schöne Babys bekommen
Blendend aussehen
Viel Geld verdienen
Alles scheint möglich
Und nichts ist erreichbar

Alles schon gesehen
Alles schon gemacht
Alles schon erlebt

Doch man muss nicht alles ausprobieren, um zu wissen, dass man es nicht möchte. Wenn jemand seine Speise wieder so erbricht, wie er sie hinuntergeschlungen hat, beweist dies, dass sie roh und unverdaut geblieben ist.
Das sagt Montaigne
Der Hunger wäre da
Aber der Verdauungstrakt fehlt                                                                 et/2015

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