Kolumnen

Das Turnschuh-Vakuum

Meine Lage ist misslich, stecke ich doch gerade mitten in einem Turnschuh-Vakuum. Eine Turnschuh-Ära meines Lebens ist zu Ende gegangen (Adidas, schwarz mit drei gelben Streifen, aufgerautes Leder) und eine nächste hat noch nicht begonnen. Meine Adidas-Treter und ich verbrachten während der letzten eineinhalb Jahre eine schöne Zeit zusammen. All diese Monate hinweg haben meine Alltagsschuhe mich wortwörtlich auf Schritt und Tritt begleitet. In ihnen habe ich unzählige Kilometer zurückgelegt, sie wurden Zeuge all meiner ausserhäuslichen Aktivitäten, waren mit mir in Zügen, Schiffen und auf Bergspitzen unterwegs, in ihnen habe ich mit Menschen geplaudert und gelacht, eine Kellertreppe rot gestrichen (rote Farbspritzer zeugen davon) und asiatischen Boden berührt. Spuren meiner Geschichte sind an ihnen haften geblieben, an ihnen hat sich Erinnerung materialisiert. Dennoch blieb mir vorige Woche nichts anderes übrig, als sie mit einem schweren Stossseufzer zu entsorgen – zwei grosse Löcher hatten sich in die Schuhsohle gefressen.

Ein Schuhpärchen ist ein Bekleidungsgegenstand mit Symbolgehalt. Ich kenne Leute, die sich deshalb beim besten Willen nicht von einem geliebten Paar alter Schuhe trennen können, seien sie auch noch so löchrig: Schuhe können Teil der eigenen Geschichte, der eigenen Identität sein, die man nicht einfach leichtfertig in den Mülleimer wirft. Ich habe allerdings auch schon das Gegenteil erlebt: Einmal sind ein paar ganz hübsche und noch ziemlich neue Turnschuhe über Umwege in meinen Besitz gelangt. Ihre ursprüngliche Besitzerin – eine entfernte Bekannte von mir – wollte sich von ihnen trennen, weil sie mit Erinnerungen an eine verflossene Liebe verknüpft waren. Aus diesen Schuhen war sie hinausgewachsen – oder herauskatapultiert worden. Gleichzeitig fühlte sie sich jedoch innerlich noch nicht dazu bereit, die Schuhe und die damit verbundene Erinnerung an diesen Menschen einfach so fortzuwerfen. Solche Schuhe trägt man in Ehren – weil man genau weiss, dass sie von der ureigenen Geschichte eines Anderen erzählen.

Unter diesen Vorzeichen ist es auch leicht zu erklären, warum Turnschuhe nicht einfach im Vorübergehen gekauft werden können wie ein T-Shirt oder eine Hose. Ein Turnschuhkauf muss wohlüberlegt sein, immerhin markiert das neue Schuhwerk die nächste Ära des eigenen Lebens. Welche Erfahrungen wird man in ihnen machen? Und welche Farbe ist dafür die richtige? Einst habe ich mich in roten Turnschuhen wahnsinnig gut und selbstbewusst gefühlt. Und ich erinnere mich auch noch genau an die dazugehörende Lebensphase. Dieses Mal steht mir der Sinn mehr nach Turnschuhen in weiss – mit farbigen Streifen. Keiner weiss warum. Aber ich werde solange suchen, bis ich das perfekte Paar gefunden habe, mit dem ich meine Reise auf diesem Weg fortsetzen will. Denn zu dritt sind wir ein unschlagbares Paar.

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