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Die Vereitlung des Tischgebets

Meine angedrohten Tischgebete sind in meinem Freundeskreis zu so etwas wie einem »running gag« geworden. Das war damals, als wir Amazonen einmal im Jahr ins Berghüttli fuhren und wunderschöne Tage mit Nichtstun verbrachten. Natürlich waren auch die Mahlzeiten wichtig, und weil ich dieses Fest der Freundschaft auch entsprechend würdigen wollte, hätte ich gerne ein Tischgebet gesprochen. (Was meine Freundinnen glücklicherweise meist auf liebevolle aber entschiedene Art verhindert haben). Ich muss gestehen: Ich bin eine Schwärmerin, die gerne in alles eine Bedeutung legt. Vielleicht habe ich mich deshalb in Indien so wohl gefühlt? Die hinduistische Kultur versteht es wie keine zweite, dem Leben eine tiefere Bedeutung zu verleihen. Das zinnoberrote Pulver, das sich verheiratete Frauen oberhalb der Stirn in den Haaransatz reiben, ist nur das offensichtlichste, was die hinduistische Kultur an Symbolen zu bieten hat. Bei einer Geschäftseröffnung halten auch die modernsten Inder eine «Puja» ab; eine Anrufung der Götter, dass die Unternehmung einen erfolgreichen Verlauf nehmen möge. Überhaupt Neuanfänge: Bei Geburten, Projektanfängen oder vor wichtigen Entscheidungen holt man sich im Tempel den Segen. An Geburtstagen trägt man neue Kleider, und sogar den Wochentagen ist eine Bedeutung zugeschrieben: Der Montag ist der Tag Shivas, der Dienstag «gehört» dem affenköpfigen Hanuman und so geht es weiter durch die ganze Woche. Wer auf besonderes Wohlwollen einer der Götter hofft, fastet am entsprechenden Tag oder isst zumindest kein Fleisch. Und was sind Rituale und Symbole anderes, als das Leben kostbar zu machen? »Sonst macht das Leben doch keinen Spass!«, versuchte mir mein Praktikumschef damals in Indien zu erklären.

Neulich war ich nach langer Zeit wieder mit zwei meiner Amazonen-Freundinnen auf Reisen. »Wieso willst du jetzt wieder Bedeutung in diesen Moment legen?«, wird mein kleinlauter Versuch nach einer kleinen Tischansprache wiederum abgewimmelt. Ich bin erstaunt, dass jemand so klarsichtig erkennt, was Tischansprachen und Gebete eigentlich bedeuten und noch etwas erstaunter über die ablehnende Haltung, die vorher nie so in Worte gefasst wurde. Macht es also Spass, einem Moment Bedeutung zu verleihen, oder verleiht es ihm nur eine unnötige Ernsthaftigkeit? Wenn ich ehrlich bin, bin ich gar nicht so unglücklich darüber, dass all meine Tischgebete vereitelt wurden. Selbst wenn es beim Versuch bleibt, den Moment zu würdigen, verleiht es ihm bereits Bedeutung.

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