Reportagen

Hindugott Krishna als Vexierbild

Das nordindische Vrindavan ist die Heimatstadt des Hindugottes Krishna. Im verspielten Gott mit der Flöte sieht jeder Anhänger etwas anderes: Väterlicher Freund, Verehrer oder Fussballkumpel. Eine Stadt im Taumel der Verehrung.

«Hare Krishna, Hare Krishna, Krishna Krishna, Hare Hare, Hare Rama, Hare Rama, Rama Rama, Hare Hare.» Der gleichmässige Singsang ist etwas, was einen sofort in den Bann zieht. «Das Chanting ist hier 24 Stunden nonstop im Gang», erklärt ein junger Krishna-Anhänger aus London beim Krishna Balaram Tempel. Er hat sich ein Dhoti, ein Baumwolltuch, um die Hüften geschlungen, ein gelber Strich prangt auf seiner Stirn. Es ist früher Abend im riesigen Tempel aus Marmor, die letzten Sonnenstrahlen des Tages tauchen die Szene in ein warmes Licht. Soeben hat das «Gauri Aarti» begonnen, die allabendliche Andacht mit Gesang für Lord Krishna. Es findet hier jeden Abend eine Stunde vor Sonnenuntergang statt, weil diese Zeit als glücksverheissend gilt. Mittig steht ein Altar, darauf eine Statue von Krishna, davor sitzt eine Gruppe Gläubige im Kreis, zwei westlich aussehende Männer trommeln einen Rhythmus und wiegen dazu ihre Körper im Takt. Barfüssige Gläubige verneigen sich vor der Krishna-Statue, berühren mit der Stirn den Boden, andere wippen ihre Körper zu den Takten der Musik. Eine junge Westlerin betritt den Tempelraum, barfüssig und in einen bunten Sari gekleidet. Sie geht nicht gemessenen Schrittes zum Altar, nein, sie rennt, ihre Arme weit ausgestreckt und wirft sich dann bäuchlings vor dem Altar auf den Boden. Eine warme, freudige Geste, Ausdruck treuer Gefolgschaft, wenn nicht kompletter Unterwerfung. Eine andere Westeuropäerin tänzelt um ihre eigene Achse und lächelt dabei entrückt. Wer ist dieser Gott, der es schafft, ein solch glückseliges Lächeln auf die Lippen seiner Anhänger zu zaubern? «Hare Krishna, Hare Krishna, Krishna Krishna, Hare Hare, Hare Rama, Hare Rama, Rama Rama, Hare Hare.» Der gleichmässige Singsang ist etwas, was einen sofort in den Bann zieht. «Das Chanting ist hier 24 Stunden nonstop im Gang», erklärt ein junger Krishna-Anhänger aus London beim Krishna Balaram Tempel. Er hat sich ein «dhoti», ein Baumwolltuch, um die Hüften geschlungen, ein gelber Strich prangt auf seiner Stirn. Es ist früher Abend im riesigen Tempel aus Marmor, die letzten Sonnenstrahlen des Tages tauchen die Szene in ein warmes Licht. Soeben hat das «Mangla» begonnen, die allabendliche Andacht mit Gesang für «Lord Krishna». Es findet hier jeden Abend eine Stunde vor Sonnenuntergang statt, weil diese Zeit als glücksverheissend gilt. Mittig steht ein Altar, darauf eine Statue von Krishna, davor sitzt eine Gruppe Gläubige im Kreis, zwei westlich aussehende Männer trommeln einen Rhythmus und wiegen dazu ihre Körper im Takt. Barfüssige Gläubige verneigen sich vor der Krishna-Statue, berühren mit der Stirn den Boden, andere wippen ihre Körper zu den Takten der Musik. Eine junge Westlerin betritt den Tempelraum, barfüssig und in einen bunten Sari gekleidet. Sie geht nicht gemessenen Schrittes zum Altar, nein, sie rennt, ihre Arme weit ausgestreckt und wirft sich dann bäuchlings vor dem Altar auf den Boden. Eine warme, freudige Geste, Ausdruck treuer Gefolgschaft, wenn nicht kompletter Unterwerfung. Eine andere Westeuropäerin tänzelt um ihre eigene Achse und lächelt dabei entrückt. Wer ist dieser Gott, der es schafft, ein solch glückseliges Lächeln auf die Lippen seiner Anhänger zu zaubern?

Wiege der indischen Kultur

Laut Mythologie kam Gott Krishna vor 5000 Jahren auf die Erde. Er hätte sich jeden anderen Ort aussuchen können, aber er entschied sich für die Region Braj im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh. Auf der kulturellen Landkarte des Subkontinents ist das Land des blauen Gottes sehr gut abgesteckt, politisch gibt es jedoch keine klaren Grenzen. Selbst viele Inderinnen und Inder wissen nicht, dass die Region Braj nicht nur aus den beiden Zentren Mathura und Vrindavan besteht, sondern sich über eine Fläche von über 5000 Quadratkilometer und 1500 Dörfer erstreckt. Geboren in Mathura, ist Krishna später nach Vrindavan gezogen, wo er seine Kindheit verbrachte. Am Flussufer des Yamuna vergnügte er sich mit seinen Freunden, den Gopis, und spielte der Mutter Streiche, indem er ihr die Butter aus dem Topf stahl. Ein kleiner unschuldiger Junge, der gleichzeitig ein Gott ist. Später wird der fröhliche Kind-Gott zu einem erbitterten Kämpfer, der in der Mahābhārata seinen Freund Arjun instruiert. In Indien hat die Bagva Gita eine ähnliche grosse Bedeutung wie bei uns die Bibel: Auf ihr gründet eine ganze Philosophie, sie stellt die Leitplanken dar, nach der sich ein Hindu in seinem spirituellen Leben zu richten hat. In diesem Sinne ist die Region Braj und insbesondere die der Stadt Vrindavan mit einer heiligen Stadt wie Jerusalem zu vergleichen, die immer schon Pilger aus aller Welt angezogen hat. Die Tatsache, dass Lord Krishna dieser Erde berührt hat, macht sie für seine Anhänger heilig. Wie der junge Engländer es formuliert: «Für mich ist es sehr berührend. Krishna könnte hier vorbeirennen, genau jetzt, in diesem Moment.» Zweimal pro Jahr kommt er her, um seine Batterien aufzuladen. «Dieser Ort hat sich für immer in meinem Herzen festgesetzt.» Krishna ist in jedem Quadratmillimeter Erde von Vrindavan eingebrannt und Braj der Ort, wo alles begann. Nur sehr wenige Hindus halten sich deshalb mit der Frage auf, ob Krishna historisch tatsächlich existiert hat. Es gibt für sie keinen offensichtlichen Grund zu glauben, dass es sich nicht so zugetragen hat, wie es in den Büchern steht. Für den jungen Engländer ist das schönste an Vrindavan die Krishna-Statue des Krishna Balaram Tempel. «Wenn ich ihr in die Augen schaue, sehe ich in einen Ozean an Gnade.»

Der Götterstatue Luft zufächeln

In der Heiligen Stadt gibt es eine Vielzahl von Tempeln und Ashrams, die Krishna und seiner Lieblingsgopi, dem Hirtenmädchen Radha, geweiht sind. Etwas vom Wichtigsten in jeder der heiligen Stätten ist die Götterstatue, ein Abbild des Gottes aus Messing, Marmor oder Gold, die in keinem Tempel fehlen darf. Jede ist ein Unikat, und die Vishnuiten – also die Anhänger des Gottes Vishnu und seiner Avatars – sorgen dafür, dass es ihm an nichts fehlt. Als Opfergaben sind Esswaren sehr beliebt, auch trägt die Statue jeden Tag etwas anderes. Im Winter ist der Stoff der Kleidungsstücke dicker als im Sommer, in einigen Ashrams schieben die Gläubigen Schichten, um Lord Krishna in der extremen Sommerhitze zwischen April und Oktober mit einem grossen Fächer aus Stroh Luft zuzufächeln – von morgens bis abends, rund um die Uhr. Für säkulare Menschen nicht ganz einfach zu verstehen: Die Götzenstatue ist nicht ein Abbild von Gott, sie IST Gott.

Alouk ist ein junger Inder, der in Jodhpur im Bundesstaat Rajasthan lebt. Er ist für einen Tag nach Vrindavan gekommen und ist nicht per se ein Krishna-Anhänger. «Aber alle Inder vergöttern Krishna.» Die Vishnuiten machen ungefähr 70% aller Hindus aus. Alouk zeigt auf einen Mann, der Harmonium spielt und sagt: «Ich bin begeistert davon, wie der Sänger aufgeht in seinem Gesang. Man kann leicht erkennen, dass er ein Ausländer ist, aber sein Gesichtsausdruck zeigt, dass Krishna tiefe Gefühle in ihm auslöst – vielleicht sogar intensivere als bei mir.»  

Der erfolgreichste Verbreiter des Vaisnismus im Westen war A.C Baktivedant Swami, die Mitglieder nennen ihn Prabhupad. Er hat die ISCON gegründet, die internationale Bewegung des Krishna-Bewusstseins, im Westen bekannt unter dem Namen «Hare Krishna». Prabhupad hat sich auf rituelle Praktiken wie das «Mangla», die Anbetung Krishnas vor Sonnenuntergang konzentriert, denn er dachte, Emotionalität wäre für die Westler zu schwierig (?) Er war es auch, der den Krishna Balaram Tempel im Jahr 1975 gegründet hat.

Die Erfolgsgeschichte von ISCKON dauert an: Die 23-jährige Eccaradha wurde vor drei Jahren Mitglied von ISCKON. Seit einem Jahr ist sie initiiert, das heisst, ihr Guru hat ihr einen neuen Namen gegeben. Der blaue Sari, den sie um sich geschlungen hat, macht deutlich, dass sie sich bereits von der Welt entfernt hat, aus der sie kommt. Sie ist Italienerin, kommt aber nach Indien, so oft es geht. Lord Krishna hat Spuren auf ihrem Gesicht hinterlassen: Der gelöste Ausdruck, das entrückte Lächeln. Man könnte meinen, sie sei frisch verliebt. Für alle Begrifflichkeiten, die existieren, sei «Freund» wohl der passendste, um ihre Beziehung zum verspielten Gott mit der Flöte zu beschreiben. Die junge Italienerin albert mit den jungen Brajwasis herum, lehnt eine Einladung zum Abendessen jedoch ab, «weil ich Gokul nicht vernachlässigen möchte.» Gokul ist einer der vielen Namen von Krishna. Ihr Glaube daran, dass die Leute in Vrindavan glücklicher sind als anderswo, ist stark: «Wenn du eine Beziehung zu Gott hast, kannst du nicht traurig sein.»

Govinda sitzt in einer Ecke des Tempels und flechtet zusammen mit anderen Frauen Blumengirlanden, ihre Finger arbeiten schnell und geschickt. Sie liebt Blumen. Ihre ersten paar Monate in Vrindavan hätten sich tief in ihr Gedächtnis gebrannt, erzählt sie. Damals hat sie Tulsi-Blätter von Bäumen gepflückt und sie Krishna als Opfergabe überreicht, und sie hat dabei gespürt, dass sich etwas in ihr verändert. «Es hat sich angefühlt, als hätte ich etwas sehr Bedeutungsvolles in meinem Leben gefunden.» Seit damals sind 16 Jahre vergangen und sie hat Vrindavan immer noch nicht verlassen. Die Girlanden zu flechten ist heutzutage ihre Art, Krishna ihre Ehre zu erweisen. Die 46-Jährige sieht Krishna als ihren göttlichen Vater und seine Freundin Radha als die süsse Mutter, die immer sehr grosszügig ist zu ihren Kindern. Sie erwähnt, dass sie einen 14-jährigen Sohn hat, der die Gurukul Schule gleich neben dem Tempel besucht. «Manchmal spielt er Fussball mit Krishna», sagt sie und in ihrem offenen Gesicht spiegelt sich ein Lächeln.

Unter den Einheimischen ist der Tempel nur bekannt als «the angrazy mandir», der Tempel der Weissen. In den Leben der Brajwasis und der Brajbonitas spielt Krishna eine leicht andere Rolle. Praveen Bagag ist 19 Jahre alt. Seine Familie wohnt bereits in der achten Generation in Vrindavan. Alles, was Praveen weiss, hat er von seinen Eltern gelernt. Er lebt ein spirituelles Leben, ist reiner Vegetarier, und trotzdem muss er Geld verdienen, um sein Leben zu bestreiten. «Die Ausländer, die nach Vrindavan kommen, haben mehr Zeit für das Chanten. Das macht die Umgebung hier reiner, verglichen mit anderen spirituellen Orten.» Die Beziehung zwischen den Ausländern und den Brajwasis war immer gut, «weil ein gemeinsames Grundverständnis besteht.» Brajwasis sind im Allgemeinen sehr stolz darauf, aus der Region zu stammen und die Verbundenheit mit der Vaishnava-Kultur ist gross. Praveen: «Das erste, was Kindern hier beigebracht wird, wenn sie sprechen lernen, ist nicht «Mama» oder «Papa». Die ersten Wörter heissen «Radhe, radhe», unter Krishnajüngern eine beliebte Begrüssung und Anrufung Gottes.

Braj als Spielplatz Gottes

Kishore Das Baba hat sich ein Dhoti aus Baumwolle um seine Lenden gewickelt, sein Oberkörper ist nackt. Um seinen Hals baumelt eine Kette aus Tulsibohnen. Er ist in Vrindavan geboren und wird in Vrindavan sterben. «Mein Leben ist mit dieser Erde verbunden wie Feuer.» Gemeinsam mit 150 anderen Rishis lebt er in einem Ashram mit gelben Fenstern und Türen, die gepflegten Gehwege auf dem Gelände sind mit Sand bedeckt, was angenehm ist für die nackten Sohlen der Rishis. Das Anwesen ist gesäumt von mächtigen Bäumen, deren Kronen weit in den Himmel ragen. Die Rishis opfern Krishna ihr Leben – bedingungslos. Sie sind Hinduheilige, haben nie eine Familie gehabt oder sie irgendwann für Lord Krishna verlassen. In einer poetischen Sprache erklärt Das Baba: «Braj ist der Ozean, Mathura die Lotusblume und Vrindavan «markant», der duftende Teil unter der Blüte.» Und Krishna? «Krishna ist die Honigbiene, die am Nektar saugt.» Mit rollenden Augen und ausladenden Gesten unterstreicht er seine Worte. «Aber Krishna möchte nicht bei einer Blüte verweilen, sondern verschiedene ausprobieren.»

In Vrindavan dreht sich alles um das gleiche Epizentrum. Wie die sich um die Sonne dreht und die Sonne ihre Blüten gegen das Sonnenlicht richten, ist jeder in Vrindavan spirituell auf Krishna fokussiert. Ein bestimmtes Sanskrit-Mantra wird von den Einzelnen über tausend Mal am Tag laut rezitiert. Die spirituellen Klangschwingungen, die so entwickelt werden, sollen das Bewusstsein auf höhere Dimensionen richten und die Liebe zu Gott wecken. In Krishnas Heimatstadt sind die Anhänger unter sich und leben ihr Leben unter dem Schutze ihres Gottes. Wie im Kreis des Lebens taucht Krishna in verschiedenen Rollen auf: Für einen Rishi ist Krishna eine Quelle der Inspiration, eine junge Frau wünscht sich einen Freund, mit dem sie Abenteuer erleben kann, eine Frau in ihren 40ern sucht bei ihm Trost und eine Vaterfigur und ein 14-Jähriger möchte nichts in der Welt lieber als einen Fussballkumpel. Krishna als schillernde, facettenreiche Figur hat die Fähigkeit, all diese Bedürfnisse zu bedienen. Kishore Das Baba hält einen Moment inne, fügt dann nachdenklich hinzu: «Braj ist Gottes Spielplatz.»

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