Bsundrigi Ort, Essays

Ausstieg bei den Beduinen (Dahab, Ägypten)

«Hadoutas» (arab. Geschichten) hört man in Dahab viele. Doch keine so oft wie diese: «Ich wollte nur zwei Woche bleiben – nächsten Monat bin ich dreizehn Jahre hier.» Was ist so besonders an diesem ehemaligen Fischerdörfchen auf dem Südsinai, das Menschen dazu bewegt, ihr altes Leben aufzugeben und nochmals komplett neu anzufangen? Mindestens ein Drittel der Einwohner Dahabs sind Ausländer, besonders zahlreich ist die russische Gemeinschaft. Manche besitzen Häuser und bleiben das ganze Jahr über, viele verbringen die wärmere Hälfte des Jahres in Europa und den Winter in Ägypten. Nur die wenigsten sind mit ägyptischen Staatsbürgern verheiratet. Die meisten haben sich ganz einfach in den Ort verliebt, sind dem Charme des Lebensrythmuses erlegen, den man in Dahab in sich aufnimmt. Doch was ist es genau, was die Menschen an Dahab so verzaubert? Ist es die karge Wüstenlandschaft mit den schroffen Bergketten, deren Farben oszillieren zwischen Gelb, Ockerbraun, Schwarz, Rot bis zu grünlich? Die leuchtenden Korallenriffe, die die Küste säumen, bilden mit den bunten Fischen und anderen Unterwasserkreaturen einen überwältigenden Kontrast zu der frugalen, gleichförmigen Landschaft oberhalb des Meeresspiegels. Für mich ist es gerade die Einfachheit, die den Sinai zu einem besonderen Ort macht. Auch wenn das in der heutigen Zeit oft sehr heuchlerisch klingt.

Die Strassencafés in Dahab sind am Boden mit Polstern und Kissen ausgelegt, der Gast trinkt Beduinentee, raucht eine Wasserpfeife. Abenteuerlustige besteigen den Mount Sinai mitten in der Nacht und sehen um sechs Uhr morgens auf dem Gipfel dabei zu, wie die Sonne ihre ersten Strahlen zur Erde schickt und die karge Gegend in einen strahlenden gelbgoldenen Glitzer taucht – wie von einem übermächtigen Zauberstab berührt. Hier hat Moses die zehn Gebote empfangen, am Fusse des Bergs liegt das Katharinenkloster, das älteste christliche Kloster, das noch in Betrieb ist. Es wurde wegen seiner Abgeschiedenheit niemals von Invasoren erobert. Der Sinai – ein magischer Ort, wie aus der Zeit gefallen.

Dass die Uhren in Dahab anders ticken, wird auch für die Ägypter immer wichtiger. Zwischen der rasanten 15 Millionen-Metropole Kairo und dem Sinai liegt nicht nur eine Distanz von 500 Kilometern, sondern auch ein komplett anderer Lebensrythmus. In den letzten Jahren flüchten stadtmüde Ägpter immer häufiger für einige Tage von der Enge der Hauptstadt ins beschauliche Dahab. Um Kraft zu tanken oder auch, um auszubrechen aus dem Korsett der starren Konventionen und dem grossstädtischen Erfolgsdruck. Junge Leute fahren in die Wüste, zahlen der Polizei 5000 ägyptische Pfund als Schweigegeld und feiern die Nächte durch. Der Inlandtourismus in Dahab hat auch deshalb zugelegt, weil viele Ägypter sich die teureren Ferienorte am Roten Meer wie Sharm-el-Sheikh nicht mehr leisten können. Seit der Revolution sind die Preise bis ums Vierfache gestiegen – und dies bei gleichbleibendem Lohn. Seit einigen Jahren kommen auch die Israelis zurück: Blühte der Tourismus in Dahab in den 70er Jahren vor allem dank israelischer Touristen, blieben sie in den letzten Jahren fast völlig aus. Nun kehren sie zurück, vor allem rund um Feiertage. Schliesslich sind es bis zur israelischen Grenze nur 150 Kilometer. Joyce aus Tel Aviv sagt: «Jedes Mal, wenn ich über die Grenze komme, spüre ich, wie alles von mir abfällt und ich mich leicht fühle.» Auch die Studenten Shee und Nitsan nehmen sich in Dahab eine Auszeit vom Alltag. «Es wäre nicht das gleiche, wenn wir unseren Urlaub in Israel verbringen würden.» Shees Mutter mag es nicht, wenn ihre Tochter nach Ägypten fährt, zu tief liegen die politischen Differenzen. Obwohl die Studentin überzeugt ist, dass es ihrer Mutter in Dahab gefallen würde. Die meisten Israelis fahren für einen Kurzurlaub nicht bis nach Dahab, sondern übernachten weiter nördlich entlang der Küste des Golfs von Akaba am Strand in einfachen Hütten mit Strohdächern, so genannte «Huschas». Sie schlagen dort ihr Lager auf, machen ein Feuer, spielen zusammen Gitarre, verbringen sorglose Stunden in der Natur.

Die Zunahme des Massentourismus hat in den letzten Jahren Problemen verursacht: Die Farbenpracht der Korallen hat zum Beispiel deutlich nachgelassen. Nicht wegen des Anstiegs der Wassertemperatur, sondern wegen rücksichtsloser Touristen, die auf die Korallen treten oder sitzen und sie dadurch beschädigen. Die Tauchspots rund um Dahab sind alle direkt vom Ufer aus zugänglich. Seit Mitte August hat das Umweltministerium nun reagiert und erhebt eine Gebühr von 10 US-Dollar für den Zutritt zum Blue Hole, der berühmt-berüchtigte Tauchspots nördlich von Dahab, der auch viele Tagestouristen aus Sharm-el-Sheikh oder Kairo anlockt. Die grosse Free Dive-Community hingegen, von denen sich viele als Tauchlehrer ein Auskommen sichern, können sich die Gebühr nicht leisten und werden nun an andere Tauchspots ausweichen müssen.

Mit den windschiefen Restaurants entlang der Strandpromenade und den Tafeln mit den kunstvollen Lettern in bunten Farben, die veganes Essen oder Yogalektionen auf Rooftops anpreisen, gleicht Dahab anderen Aussteiger-Ferienorten in Thailand oder Indien. In den kleinen Küstendörfern können Expats mit wenig Geld leben, sind in eine Gemeinschaft eingebunden und müssen dennoch auf nichts verzichten. Am Ende steht ein sehr grosses Plus in punkto Lebensqualität. Doch was Dahab im Vergleich mit anderen Hipster-Orten rund um den Globus einzigartig macht, ist der Einfluss der Beduinen. Aufgeteilt in zehn Stämme und einige Unterstämme, haben die Sinai-Beduinen ihre Wurzeln auf der Arabischen Halbinsel. Die Männer in ihren blütenweissen Gewändern und dem Palästinenser-Tuch als Kopfbedeckung sind ein Wüstenvolk, die Berge und Höhlen des Sinai ihre Heimat. Politische Grenzen bedeuten ihnen nichts, schliesslich waren sie ursprünglich ein Nomadenvolk. Erst nachdem die Sinai-Halbinsel 1982 von Israel an Ägypten zurückging, wurden sie überhaupt zu Ägyptern erklärt. Für sie ist die Kamelwirtschaft von zentraler Bedeutung, von den Tieren gewinnen sie Milch, Fleisch oder Medizin. Die andere wichtige Einnahmequelle ist der Tourismus. Von je her haben die Beduinen im Süden Geschäfte mit Ausländern gemacht, der Sinai ist ein Ort des Transits, eine kleine Seidenstrasse, wenn man so will. Doch während die Stämme an der Küste gute Geschäfte mit dem Tourismus machen, eskaliert im Norden die Gewalt. Die Beduinen im Norden der Halbinsel fühlen sich von den Ägyptern herablassend behandelt, teilweise wurden sie enteignet. Perspektivlosigkeit befeuert den Schmuggel von Alkohol oder Zigaretten mit dem Gazastreifen durch die unterirdischen Tunnels, aus Rachegefühlen treten einige der Stammesmitglieder auch terroristischen Gruppierungen wie dem IS bei, von Libyen aus mit Waffen versorgt.

Die Beduinen haben einen Pakt mit dem Wind und einen Clan mit seinen ganz eigenen Gesetzen im Rücken – ein Staat hat ihnen da wenig zu bieten. Ihre Loyalität gegenüber ägyptischen Institutionen ist niedrig. Und dennoch: Als während der ersten ägyptischen Revolution Polizeistationen brannten und die Beamten das Weite suchten, waren es die Beduinen, die an den Checkpoints auf dem Sinai die Kontrollen übernahmen – weil sie fürchteten, die Beduinen aus dem Norden könnten die chaotische Situation ausnützen und in den Süden einfallen. Die Beduinen des Südsinais gelten als besonders friedfertig. Mit ihrer zurückhaltenden Art sind sie Fremden gegenüber offen und scheinen trotzdem mit Argusaugen über allem zu wachen. Im Geiste von Gelassenheit, Demut und Spiritualität.

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