Yoga-Tanten und Schildkröten

Toni klopfte an die Tür mit der Nummer achtzehn.
«Herein», rief eine weibliche Stimme.
Sie trat ein, der gleiche schöne Parkettboden, aber überall standen Umzugskisten und Spielzeug, sie musste über einen roten Trettraktor und einer Kiste mit Legosteinen steigen, um ins Wohnzimmer zu kommen. Das Klavier stand an der Stelle, wo bei Toni das Bücherregal war. Das Apartment hatte den gleichen Schnitt wie ihres, doch auf der Galerie befanden sich mehrere Zimmer.
Die beiden älteren Kinder sausten durchs Wohnzimmer, mitten in diesem Chaos sass Alice auf einer sonnengelben Yogamatte an der Fensterfront und hielt die Augen geschlossen. Der kleinste sass in der Ecke und spielte mit Schildkröte Frederik.
Toni räusperte sich. «Störe ich?»
«Ach nein, absolut nicht, komm rein. Ich habe nur ein bisschen Alice-Zeit auf der Yogamatte gebraucht.» Meine Güte, das ist eine dieser New-Age-Yoga-Tanten, dachte Toni bei sich. Da hätte ich ja gleich drauf kommen können. Behände erhob sie sich. Beweglich ist sie ja, das muss man ihr lassen.
«Die Kinder wissen, dass die Matte tabu ist. Wenn ich auf der Yogamatte bin und meditiere oder Asanas mache, dürfen sie mich weder ansprechen noch anfassen. Dagegen gilt das gleiche für sie: Wenn sie in der Ecke der Stille sind, störe ich sie nicht.»
«Ecke der Stille …?» Toni guckte irritiert.
«Die fehlt hier noch. Ich weiss noch nicht genau, wo sie hinkommt. Das Apartment ist etwas kleiner als das letzte in Singapur.»
Wenn sie den richtigen Ort nur nicht auspendelt, dachte Toni.
«Da muss dann zuerst der Familienrat zusammenkommen, um den richtigen Ort der Stille zu eruieren.»
Aha. Familienrat. Wo ist hier der Ausgang? Toni liess sich nichts anmerken und nickte mit einer verständnisvollen Miene, als wäre Ecke der Stille und Familienrat das alleralltäglichste.
«Dein Apartment ist möbliert, hm?», fragte Alice. Toni nickte.
«Es hat mich echt umgehauen. Normalerweise mietet mein Vater dieses Apartment. Er hat geschäftlich oft in Indien zu tun, aber er legt eigentlich nicht so viel Wert auf eine moderne Einrichtung.»
Alice nickte, ihr Blick plötzlich verträumt. «Ja, die Leute hier machen einen guten Job. Ich möchte am liebsten auch von möblierter Wohnung zu möblierter Wohnung ziehen. Aber ich hänge so an meinen Dingen. Und die Kinder natürlich auch, das Spielzeug und der ganze Kram.»
«Warum seid ihr umgezogen?»
«Mein Mann arbeitet für einen amerikanischen Pharmariesen. Er ist Techniker und entwickelt hochspezialisierte Geräte für die Erkennung von Antibiotika-Resistenzen. Alle zwei, drei Jahre ziehen wir weiter, damit mein Mann die Welt retten kann», sie lachte bitter auf. «Ich bin mit Superman verheiratet. Im Moment nimmt er gerade unseren neuen Wagen entgegen, damit er noch schneller bei seinen Rettungseinsätzen sein kann. Nur zu Hause ist er ein seltener Gast.»
Alice schaute einen Moment nach unten, dann straffte sie die Schultern und schaute Toni mit sicherem Blick in die Augen.
«Kommst du nachher ins Yoga?»
«Gibst du Yoga-Lektionen?»
Alice lachte und winkte ab, als wäre das ein völlig absurder Gedanke.
«Ach nein, nein, hier im Haus gibt es ein Fitnessstudio, das auch Yogastunden anbietet.»
«Ach, ich weiss nicht …» Mit Yoga verbinde ich in erster Linie endlose Verrenkungen gepaart mit tödlicher Langeweile. WER HOLT MICH HIER RAUS?

Wie mache ich ihr klar, dass mir dieses New Age-Getue so was von auf die Nerven geht? Wenn Sie mit ihren wallenden Kleidern und der blassen Haut durch die Gegend schwadronieren und mit ihrem dämlichen erleuchteten Gesichtsausdruck so tun, als hegten sie niemals Mordgedanken. So heilig kann man doch gar nicht sein.

«Hast du überhaupt schon einmal Yoga gemacht?», riss Alice Toni aus ihren Gedanken.
Toni nickte zögernd. «Ja, einmal, im Fitnessstudio. Aber ich trainiere lieber an den Geräten. Ich bin nicht so der Typ für Yoga und solches Zeugs.»
«Was heisst hier Yoga und solches Zeugs? Urteile nie vorschnell. Das hat schon Buddha gesagt. Komm, zieh dir ein paar Leggins an, wir treffen uns in fünf Minuten am Lift. Keine Widerrede.»
«Und … und die Kinder?», stotterte Toni.
«Roshni sollte jeden Moment hier sein.»
«Roshni.»
«Ja, Roshni. Das Kindermädchen. Ich habe sie per Skype-Vorstellungsgespräch bereits von Singapur aus eingestellt. Ein niedliches junges Ding. Und so hübsch! Wie die indischen Frauen halt sind.»
Das Fitnesszentrum im fünfzehnten Stock war gigantisch und hatte eine eigene Yoga-Abteilung. Schon am Eingang leuchtete ihnen das Bild eines goldenen Buddhas entgegen. Das kann ja heiter werden, dachte Toni.
«Und wenn diese Leute hier sprechen, statt zu hauchen, mache ich auf der Stelle kehrt», warnte sie Alice, die nur lachte und sie am Ärmel zog.
Vor dem Eingang streifte Alice ihre Flip-Flops ab und platzierte sie neben den anderen, die schon dalagen. Toni tat es ihr gleich. Dann betraten sie das Studio.
«Namasté», begrüsste sie die Rezeptionistin.
«Namasté», echote Alice. «Komm schon, Indien ist das Mutterland des Yoga.» Sie machte eine kurze Pause, nahm einen tiefen Atemzug.
«Findest du nicht auch, dass die Atmosphäre hier so eine Erhabenheit verströmt?»
«Oh, ja stimmt, jetzt, wo du es sagst. Ich spüre es im linken kleinen Zeh», erwiderte Toni.
Alice lächelte gutmütig und tätschelte ihr den Unterarm. «Es wird dich befreien.»

Im grossen Raum im ersten Stock lagen bereits Dutzende regungslos auf ihren Matten. Ob die wohl alle hier im Gebäude wohnen?, fragte sich Toni. Der hohe Raum mit dem Holzboden und der grossen Fensterfront ist zugegebenermassen doch sehr einladend. Toni legte sich mit dem Rücken auf die Matte, die Alice ihr in die Hand gedrückt hatte und versuchte sich innerlich zu sammeln und an nichts zu denken. Der Versuch scheiterte kläglich und ihre Gedanken schweiften sofort ab, von den Slumgebieten, an denen sie auf dem Weg vom Flughafen hierher vorbeigefahren waren, bis zur New-Age-Alice und der Schildkröte Frederik. Plötzlich regte sich die Gruppe. Die zierliche Yogalehrerin schwang sich in den Lotussitz, und auf ein unsichtbares Kommando begannen alle damit, ein Mantra zu singen.
Om Sahana Vavatu Sahanau Bhunaktu
Saha Veeryam Karavaa Vahai
Tejasvi naa Vadhee Tamastu Maa Vidvishaa Vahai
Om Shaanti Shaanti Shaantihi

Die Augen hielten sie dabei geschlossen, die Hände mit den Fingerspitzen zeigten nach oben. Toni fühlte sich überrumpelt. So hatten sie das im Fitnesscenter nie gemacht. Tonlos bewegte sie die Lippen.
Hoffentlich sieht es wenigstens so aus, wären mir die Worte vertraut. Warum habe ich mich bloss darauf eingelassen, ich Idiotin? Wie lange dauert dieses Gebet denn noch? Was? Jetzt noch Atemübungen? Was soll das denn? Das ist anstrengend für den Bauch. Es kitzelt irgendwie. Wann beginnt endlich das eigentliche Yoga? Na endlich, der erste upwardfacing dog. Das ist leicht. Hab ich auch schon gemacht. Doch als die Gruppe zum ersten Sonnengruss ansetzte, konnte Toni ihr Yoga-Debüt unmöglich mehr verheimlichen. Ihre Arme und Beine schlenkerten unkoordiniert in der Luft, ständig hinkte sie den Moves der Gruppe ein paar Sekunden hinterher. Jetzt wünsche ich mir doch tatsächlich die Atemübungen zurück, dachte Toni und verfluchte sich selbst dafür, dass sie sich darauf eingelassen hatte. Als Alice und die übrigen Yogis mit geschmeidigen Bewegungen in den Kopfstand übergingen, kapitulierte sie endgültig. Eine Minute, zwei Minuten, drei Minuten verstrichen, und auf den Gesichtern zeigte sich nicht mal das kleinste Zeichen der Anstrengung. Toni lag auf dem Rücken und sah ungläubig zu. Bilde ich es mir bloss ein oder perlt da gerade ein Schweisstropfen von Alices Stirn? Jetzt muss ich mich echt beherrschen, um nicht laut «ha, du auch! Also doch!» zu rufen. Als die neunzigminütige Tortur endlich vorbei war, fühlte sie sich erschöpft und ausgelaugt und kein bisschen entspannt oder befreit. Befreit wovon, eigentlich? Beim Teespender stiess Alice sie in die Seite. «Na, wie hat es dir gefallen? Tut doch gut, was?» Toni grunzte, dann sagte sie: «Ja, es hat echt gewirkt. Jetzt ist jeder Muskel meines Körpers maximal verspannt.»

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