Warten lernen

Toni stand an der Gepäckausgabe und knetete ihre Hände. So feucht wie ein Wandtafelschwamm, dachte sie leicht verärgert. Hat Schumi nicht vorausgesagt, dass ich in Indien werde warten lernen? Warum dauert das denn so lange? Oder sind meine beiden Rollkoffer etwa schon gestohlen worden? Das wäre ja ein super Start. Na, endlich, da kommen sie.

Toni packte die beiden schweren Koffer am Griff und zog sie vom Band, bugsierte sie energisch zur Passkontrolle. Der Einreisestempel auf Pass und Visum war noch nicht getrocknet, als sie bereits von Dutzenden von Männern umringt wurde, die versuchten, ihr das Gepäck abzunehmen und sie zu einem Taxi zu bringen. Energisch schüttelte Toni sie ab und wiederholte genervt, dass sie abgeholt werden sollte. Sie stolperte voran, die beiden schweren Koffer hinter sich herziehend, als ein ein junger Bursche, eigentlich noch ein Junge, im Gewühl auftauchte und in unsicherem Englisch sagte: «You’re Driver Mistar Singh? Mistar Singh comes late. Late! Come here!» Er winkte sie zu einer Taxi-Tafel. Toni hatte keine Ahnung, wie er gewusst hatte, wer sie war. Sehe ich so tollpatig aus, wie ich mich gerade fühle? Kennt er Mister Singh wirklich? Kann ich ihm vertrauen? Sie schaute ihn unsicher an, seine feinen Gesichtszüge strahlten viel Sanftheit aus. Sie zuckte die Schultern. Habe ich eine andere Wahl? Wenigstens scheint mir mein neuer Beschützer die aufdringlichen Taxi- und Rikschafahrer vom Leib zu halten. Auf einem ihrer Rollkoffer sitzend, konnte sie etwas zur Ruhe kommen und die neue Umgebung auf sich wirken lassen.
«Sie haben viel Gepäck», meinte ihr Beschützer und senkte den Blick.
«Bleiben Sie länger?»
«Ich hoffe nicht», sagte Toni mit einem gequälten Lächeln. Der Junge lachte ein schönes, freies Lachen, das Weiss seiner Zähne blitzte auf und kontrastierte mit seiner dunklen Hautfarbe.

Toni versuchte mit einer energischen Handbewegung eine lästige Fliege zu verscheuchen, als sich ein indisch aussehender Mann mit einem blauen Turban an sie wandte: «Are you Miss Antonia?», fragte er freundlich und blickte sie aus grossen, gütigen Augen an. Toni sprang auf, innerlich kochte sie.
«Ich wusste nicht, ob Sie überhaupt noch kommen», machte sie ihrem Ärger Luft und war unschlüssig, ob sie dem Mann Schimpf und Schande sagen, ihn stürmisch umarmen oder auf der Stelle hemmungslos in Tränen ausbrechen sollte. Der Mann neigte seine Stirn nach vorn und legte seine Handflächen zu einem Gruss zusammen.
«Namasté. Mein Name ist Singh. Dr. Singh. Ich bin seit vielen Jahren der Chauffeur ihres Vaters und werde für die Zeit Ihres Aufenthalts in unserem Land auch Ihr Fahrer sein, wie mit Ihrem gnädigen Vater besprochen», sagte er in tadellosem, leicht komischem Englisch. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in Delhi atmete Toni erleichtert auf. «Für mein Zuspätkommen entschuldige ich mich in aller Form. Mein Wagen war unpässlich.»
Tonis Wut verrauchte sofort.

«Die indische Tochter von Mister Thomas habe ich mir anders vorgestellt», bemerkte Mister Singh, der seelenruhig am Steuer sass und seinen Wagen souverän durch den chaotischen Linksverkehr Richtung Innenstadt lenkte. Toni sah seine Augen mit den buschigen Brauen im Rückspiegel, sie ruhten forschend auf ihr. Er kann ja nicht wissen, wie oft ich mir das schon anhören musste, sagte sie sich und beschloss, nett zu sein.
«Ich weiss, meine Haut ist sehr hell und meine Augen so blau wie der Himmel Kaliforniens. Aber ich bin in Pondicherry geboren und wurde dort von meinen Eltern adoptiert.»
«Ich möchte ja nicht sagen, dass es nicht möglich ist. In Indien gibt absolut nichts, was es nicht gibt. Frauen, die eigentlich Männer sind, fliegende Fische, Windpaläste, warum soll es da nicht auch eine weisse Inderin geben?»
Danke für die Analogie. Ich will weder mit einem fliegenden Fisch noch mit Transgendermenschen noch mit einem vermaledeiten Windpalast werden. Sie beschloss, das Thema zu wechseln.
«Sie haben einen schicken Wagen.» Die Ledersessel waren in einem schönen Hellbraun gehalten, die Motorhaube glänzte silbern-metallisé, der Mercedes-Stern am Bug blitzte. Das Kompliment verfehlte seine Wirkung nicht.
«Vielen Dank, ich pflege ihn auch wie das Ei des Kolumbus.» Erst auf den zweiten Blick hatte Toni in der Kleidung von Mister Singh eine beige Arbeitsuniform erkannt. «Kennen Sie meinen Vater gut?»
«Und wie!», Dr. Singh gestikulierte mit der rechten Hand, an deren Finger silberne Ringe mit Steineinfassung prangten. «Seit Mister Thomas zum ersten Mal indischen Boden betreten hat, bin ich sein Fahrer. Das muss jetzt bestimmt schon 15 Jahre her sein. Was wir schon alles zusammen erlebt haben! Sind Sie auch Ingenieurin?», wollte Mister Singh wissen.
«Nein, ich bin Juristin. Ich arbeite mit dem Gesetz», antwortete Toni.
«Oh, dann muss ich mich wohl immer genau an die Verkehrsregeln halten?»
Mister Singh lachte schallend und deutete auf die Strasse, wo knatternde  grüngelbe  Motorradrikschas von allen Seiten überholten.
Er japste kurz auf, dann wurde er wieder ernst. «Der Strassenverkehr in Indien», dozierte er, «ist Anarchie.» Er machte eine kurze Pause. «Aber ich werde alles daran setzen, dass sie davon gar nichts mitbekommen. Es sind noch 14 Kilometer bis nach Gurgaon. Machen Sie es sich bequem.»

009_9A

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s