Italien – (fast) eine Liebeserklärung

Eine schmale Strasse schlängelt sich dem ausgetrockneten Flussbeet entlang, das Umland ist grün und hüglig, ab und zu kommt eine Schinkenfabrik in Sicht. Wir sind im Terre de Procciuto, irgendwo zwischen Parma und La Spezia im Apenningebirge. Das Auto holpert über die Krater, die sich unter dem Stassenbelag abzeichnen. Schlaglöcher sind hier Alltag, denn der Untergrund ist ständig in Bewegung, immer wieder rutschen ganze Teilstücke ab. Die Region westlich von Parma in der Provinz Emilia Romagna ist ein abgeschiedenes Fleckchen Erde mit Kastanienwäldern und einigen 2000ern, von deren Gipfel aus man bei guter Witterung das Meer und gleichzeitig die Alpen sehen kann. Ausländische Touristen verirren sich äusserst selten hierher, die Seenregion Lac Dei wird von Wochenendausflüglern oder naturliebenden Hundehaltern aus Parma besucht. Bestrebungen, den Tourismus anzukurbeln, gibt es immer wieder: einer der maroden Sessellifte wurde erneuert, doch die Bewilligung für die Inbetriebnahme aus der Provinzhauptstadt liess ein halbes Jahr auf sich warten.
Ich gebe zu: Die berühmte Italiensehnsucht, die so viele Alpenbewohner befällt und die Goethe zu seiner Italienreise veranlasste, hatte sich nie in meinem Herz geregt. Während meine KlassenkollegInnen Urlaub auf Stromobli oder Elba verbrachten und mit neuen italienischen Vokalben und der Sehnsucht nach einem Jungen mit widerspenstigen Haaren und dunklen Augen wieder nach Hause zurückkehrten, fuhr meine Familie an den Bodensee. Auf der Interrail-Reise mit einer Freundin war Italien nur ein notwendiges Übel auf dem Weg nach Griechenland. Athen und Istanbul wollten wir entdecken – Italien so schnell wie möglich hinter uns lassen. Griechenland als Wiege der Europäischen Kultur interessierte mich wesentlich mehr, als es Italien tat. Italiener waren für mich junge Secondos mit zurückgegelten Haaren, die in der Schweiz einem Telekommunikationsunternehmen arbeiteten und schöne Autos liebten. Leicht narzisstisch, leicht oberflächlich. Die Ironie des Schicksals will es, dass ich heute mit einem Mann zusammenlebe, der zur Hälfte Italiener ist. Vielleicht hat es deshalb so lange gedauert, bis wir zueinanderfanden. Und zu meiner Verteidigung lässt sich sagen: mit einer finnischen Mutter, einem italienischen Vater, kolumbianischen Genen und einer Schweizer Sozialisation ist er eher das Mischprodukt einer modernen Welt.

Corniglio, 1000 Meter über Meer, Steinhäuser mit roten Ziegeldächern, eine römische Burg, eine kopfsteingepflasterte Altstadt, eine Bar, ein Metzger und einen Tante-Emma Laden.

«Qui si mangia maiale» (Hier isst man Schwein), sagt die Nachbarin und bohrt den Zeigefinger ins Plastiktischtuch des Küchentischs, an dem ich mit ihr und meinem Freund sitze. Gerade hat er ihr gestanden, dass ich a) nicht Italienisch spreche und b) kein Fleisch esse. Kein Italienisch – okay, kann man lernen. Aber kein Fleisch? Qui si mangia MAIALE!

Mein Fleischverzicht war nie politischer Natur, ich wollte damit wirklich kein Statement setzen, ich mag den Geschmack von Fleisch einfach nicht und vielleicht spielt auch eine Art buddhistisches Gedankengut mit, ich sehe nicht ganz ein, warum ich ein anderes Lebewesen verzehren soll, wenn es Alternativen gibt. Ich kann also versichern: Wenn ich Fleisch mögen würde, würde ich es essen. Nur zählen diese Erklärungen in Italien nicht. Fakt ist: Ich esse kein Fleisch, und das ist eine Sünde.

Früher hätte es im ganzen Dorf nach Schinken geduftet, erzählen sich die Alten. Die Lufttrocknung ist ein wesentlicher Bestandteil des Herstellungsprozesses des berühmten Parmaschinkens, manche Laibe hängen bis zu drei Jahre ab, bevor sie verkauft werden. Allein im Bergdorf Corniglio gab es in den 70er Jahren sieben Schinkenfabriken – heute sind es noch deren zwei. Seit einem heftigen Erdrutsch in den 90er Jahren, unter dem das halbe Dorf begraben wurde, darf in gewissen Zonen nicht mehr gebaut werden. Seither hat die Abwanderung – vor allem der jüngeren Generation – eingesetzt. Heute arbeiten die meisten unter der Woche in Parma, nur am Wochenende kommen sie her, ins Dorf ihrer Eltern, Grosseltern oder Urgrosseltern. Das macht Corniglio zu einem Geisterdorf: die Fensterläden der meisten Häuser sind unter der Woche geschlossen, die Strassen wie leergefegt. Im Umland findet man verwitterte Ställe, an denen im Frühsommer blühende Holundersträuche hochklettern, an vielen Gartentörchen heisst es: «se vendesi» – zu verkaufen. In der Ruhe und Abgeschiedenheit lässt sich gut kreativ sein, in meinen waghalsigen Spinstereien träume ich deshalb schon von Künstlerresidenzen, die sich hier einrichten liessen. Doch halt – will mich Italien überhaupt? Sind Italien und ich überhaupt kompatibel?

Der gelebte Genuss

La Spezia in der Provinz Ligurien, nur zwei Stunden von Corniglio entfernt, die Stadt am Meer empfängt uns freundlich, die Schaumkronen glitzern in der Abendsonne, im mondänen Hafen hat Berlusconi seine Jacht. Der Onkel und die Tante aus La Spezia möchten uns zu einer lokalen Spezialität einladen, der Teig für die Mantecatsis wird in Tontöpfe gedrückt und dann im Ofen gebacken, man isst sie, indem man sie mit Frischkäse, Pesto- oder Tomatensauce bestreicht oder mit Aufschnitt belegt. Für mich wird extra Gemüse bestellt, vegetarische Ernährung von der Tante als gesund gelobt, trotzdem wird es von niemandem am Tisch ausser mir angerührt. Unter den aufmerksamen Blicken von Tante und Onkel bestreiche ich meinen Fladen zaghaft mit Pestosauce, «mehr, mehr», fordern sie mich auf. Das Lokal füllt sich mit Familien mit Kindern, und sie sind laut. Kaum habe ich die ersten paar Bissen genommen, landen bereits wieder drei neue Teigfladen auf meinem Teller, «piu, piu», werde ich erneut aufgefordert. Ich platze beinahe, dennoch fahren sie munter damit fort, mir Brotfladen auf den Teller zu legen. Wie komme ich aus dieser Situation nur unbeschadet wieder raus? Das nächste Fettnäpfchen ist nicht weit: Wasser zum Trinken komme gar nicht in Frage! Zu diesem Gericht gehöre doch Rotwein. Was ihre Kultur betrifft – und Essen IST Kultur! – sind die meisten Italiener sehr bewahrend. Das fällt auch beim Blick in die Speisekarte auf, die wir eine Passfahrt später in der Toskana aufschlagen. «Ribollita», eine toskanische Gemüsesuppe, wird da angeboten, «verändert – mas pas no troppo» (aber nicht zu stark) steht da geschrieben. Ich muss schmunzeln.

Wie resistent gegen jede Art von geschmacklicher Veränderung die Italiener sind, musste auch der bekannte britische Starkoch Jamie Oliver erfahren, als er sich im Jahr 2006 für eine Doku-Soap eine Auszeit nahm und sich einen Jugendtraum erfüllte: mit einem VW-Bus inklusive Küchenanhänger durch Italien zu reisen und lokale Gerichte neu zu interpretieren. Es kam, wie es kommen musste: die Einheimischen rümpften angesichts seines gewürzten Fisches nur angewidert die Nase. Die Italiener sind überzeugt, dass sie die beste Küche der Welt haben – und vielleicht haben sie sogar recht. Und vor allem zelebriert kein Volk Genuss so überzeugend wie sie.

Ich erinnere mich an eine Venedig-Reise vor einigen Jahren, die ich allein unternahm. Dass sich die Stadt direkt in das Kanalsystem ergiesst und die Kanäle das sind, was in anderen Städten die Strassen, faszinierte mich. Nach einem Bummel durch die verwinkelten Gassen setzte ich mich um die Mittagszeit in ein Ristorante in der Altstadt – ich wählte einen Tisch draussen neben dem Brunnen, umringt von altehrwürdigen Häuserfassaden mit Fresken. Bald nahm eine Familie am Nachbartisch Platz, italienische Grosseltern mit ihren zwei kleinen Enkeln thronten um ein weiss gedecktes Tischtuch unter einem azurblauen Himmel, und als der Kellner die dampfende Pasta an einer scharfen Tomatensauce servierte, nickten die Erwachsenen ihm komplizenhaft zu, schnupperten geniesserisch, schüttelten kurz die blütenweisse Stoffserviette über dem Schoss auf, griffen schwungvoll zur Gabel, die sie mit lukullischer Freude zum Mund führten, um sich danach schwelgerisch dem Zerkauen hinzugeben, und dazu redeten und lachten sie, tupften den Enkeln die Saucenspritzer aus dem Gesicht, während sie ab und zu das Rotweinglas zum Mund führten. Noch nie zuvor hatte ich eine so eine geballte Ladung Sinnesfreude erlebt. Obwohl ein normales Mittagessen an einem gewöhnlichen Wochentag, war es mitnichten ein gewöhnliches Mittagessen, sondern da wurde tatsächlich ein Festessen zelebriert.

 Essen als gemeinsamer Nenner

In den Stein am Strassenrand ist eine Marienfigur eingelassen. Meine ich es nur, oder ist ihr Blick vorwurfsvoll? Essen ist in Italien eine Religion. Die langen Vorbereitungen in der Küche gleichen den Ritualen in der Kirche, und auch der Austausch von Neuigkeiten ist in der Küche genauso beliebt wie auf dem Dorfplatz nach dem Gottesdienst. Jede Region hat wieder ihre Spezialitäten, im Süden isst man ganz anders als im Norden, an der Adria ganz anders als am Mittelmeer. Die erste Frage, wenn man von einer Reise nach Hause kommt, ist in Italien immer: Wie hast du gegessen? Anna aus Pulien ganz im Süden sagt, das Essen sei der gemeinsame Nenner der ganzen Nation, das verbindende Element, liefere Gesprächsstoff, wenn man sich nicht gut genug kennt, um über Persönliches zu sprechen. Also in etwa so,  wie wenn die Engländer übers Wetter sprechen, wenn sie sich nicht gut kennen. Konturlose Regenlandschaft gegen lustvolles Feiern kulinarischer Köstlichkeiten … ich meine, kann man dagegen ernsthaft etwas sagen, ohne total lustfeindlich zu erscheinen?
Eigentlich nicht. Trotzdem erzähle ich gern die Anekdote, wie mein Freund und seine Schwester bei einem Italienaufenthalt mindestens einmal vom Bergdörfchen Corniglio in die Ebene hinunter nach Parma fahren, im Einkaufszentrum in die Prosciuttobar marschieren, sich Focaccia und Prosciutto auf der Zunge zergehen lassen und dann wieder zurückfahren und das als völlig normalen Ausflug ansehen. Dem Essen so viel Gewicht beizumessen – vielleicht bin ich tief in meinem Innern doch protestantischer, als ich dachte.

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