Geräucherte Rentierherzen

Schnee erhellt die Landschaft, in der stillen Ödnis des klirrend kalten Wintermorgens lässt sich schemenhaft eine Reihe verschneiter Nordmannstannen erkennen. Kahle Äste ragen in den Himmel, um die Wipfel kreisen Raben und krächzen. Hendrik steht am Strassenrand, den Kragen seiner dicken Daunenjacke hochgezogen bis zum Kinn. Er hat Glück. Schon nach wenigen Minuten hält ein Auto. Mit klammen Fingern öffnet er die Beifahrertür und späht ins Innere des rostroten Gebrauchtwagens.

«Hallo», begrüsst er die Lenkerin, «dürfte ich mitfahren? Ich muss in die Stadt.» «Na klar, hüpf rein, ist ja auch eine Schweinekälte da draussen», erklingt eine weibliche Stimme aus dem Innenraum. Hendrik lässt sich auf den Beifahrersitz gleiten, behutsam zieht er die Beifahrertür zu, verstaut seine geröteten Finger sofort im Jackenärmel.
«Hast wohl deine Handschuhe zu Hause vergessen?», bemerkt die Fremde. Hendrik hebt den Kopf und schaut in ein offenes Gesicht. Am Hinterkopf werden die dunklen Haare von einem goldgelben Tuch zusammengehalten. Ihre blasse Haut mit den Sommersprossen und die wässrig-blauen Augen sehen sehr nordisch aus. Er schätzt sie auf Mitte dreissig.
«Mmm-mm», sagt er unbestimmt, reibt die Handflächen aneinander. Die Fahrerin dreht den Schalter der Heizung voll auf, Hendrik spürt, wie die Wärme in seine Glieder zurückkehrt.
«Möchtest du eine Tasse Kaffee?» Die Autofahrerin deutet mit dem Kinn zu einer grossen Thermosflasche, die zwischen den beiden Sitzen thront. Sie trägt wollene Pulswärmer an den Handgelenken. «Im Handschuhfach gibt es Tassen. Du kannst mir auch gleich eine eingiessen.»
Hendrik schaut sie überrascht an, beugt sich dann vor, öffnet umständlich das Fach, wo mehrere Keramiktassen sauber geputzt auf ihre Verwendung warten. Er nimmt eine grüne Tasse mit einem Smiley heraus, führt sie unter die Kanne, drückt darauf, ein Strahl schwarze Flüssigkeit schiesst heraus. Dankbar nimmt die Frau die dampfende Tasse entgegen, nimmt den ersten Schluck.
«Das weckt meine Lebensgeister. Nimm dir auch einen.»
«Danke, ich trinke lieber Tee.» Er dreht den Kopf zum Fenster, draussen gleitet der Wald vorbei.
«Wohnst du hier in der Nähe?», bricht die Fremde die Stille.
Hendrik wendet sich ihr nur halb zu, als er sagt: «Hundert Meter von dem Ort, wo du mich mitgenommen hast.»
«U-u-u, das ist aber ganz schön abgelegen.»
Hendrik zuckt die Schultern.
«Lässt du dich jeden Tag von jemandem mitnehmen?»
Hendrik schaut aus dem Fenster.
«Nur wenn ich den Bus verpasse.» Nach einer kleinen Pause fügt er hinzu: «Zum Leidwesen meines Bosses passiert das in letzter Zeit fast jeden Tag.»
«Ich wette, nicht alle Norweger sind solche Plappermäuler wie ich.»
Er deutet ein Lächeln an. «Die meisten sind recht schweigsam.»
Draussen wird es heller, in der Ferne schimmern die ersten Lichter der Stadt. «Ich würde den Bus auch dauernd verpassen. Deshalb habe ich ein eigenes Auto, auch wenn es nur eine Schrottkarre ist.» Sie tätschelt auf das Lenkrad ihres Golfs. «Wenn ich nur zwei Minuten zu spät komme, gehen meine Schüler wieder nach Hause. Da kennen sie kein Pardon.»
Erst jetzt fällt Hendrik auf, dass sich auf der Rückbank Hefte stapeln.
«Sie sind sicher eine gute Lehrerin», entfährt es ihm.
Sie lächelt. «Vor allem, wenn ich vergesse, Tests zu machen, weil ich so chaotisch bin. Das mögen meine Schüler ganz besonders an mir.» Sie schaut ihn an, bricht in Gelächter aus. «Ich heisse übrigens Jorun.» Sie schaut ihn auffordernd an, dann heftet sie ihren Blick wieder auf die Strasse.
«Und dein Name?»
«Oh, entschuldige, ich heisse Hendrik.»
«Hendrik, magst du Musik?» Er nickt. «Ich bin Bassistin in einer Viking Metal-Band. Am Samstag ist unsere CD-Taufe in der alten Scheune.» Am ersten Rotlicht am Stadtrand bringt sie das Auto zum Stehen, greift nach hinten in ihre Tasche und drückt ihm einen Flyer in die Hand.
«Die Tochter der Wikinger», liest Hendrik. «Ein eigenartiger Bandname.»
«Und wie. Und ich garantiere dir: Genauso eigenartig ist unsere Musik.»
Er deutet auf eine Werkstatt, in der ein schwaches Licht brennt.
«Du kannst mich gleich dort vorne absetzen.»
«Ich habe mir schon gedacht, dass du etwas mit den Händen arbeitest. Schreiner?»
«Metallbauschlosser», erwidert Hendrik und starrt nach unten.
«Dann musst du erst recht kommen», lacht Jorun auf. Verdutzt schaut er auf.
«Na ja, Viking Metal, Metallbauschlosser … das passt doch.»
«Der Beruf ist nicht gerade meine Passion. Aber mal sehen. Auf jeden Fall vielen Dank fürs Mitnehmen.»
«Keine Ursache.» Er öffnet die Autotür.
«Du kannst auch spontan entscheiden wegen Samstag», sagt sie und kurz, bevor sich die Tür schliesst, hört er sie noch sagen: «Ich lasse dich auf die Gästeliste setzen.»

Vor der alten Scheune brennen Fackeln. Hendrik ist froh, dass nur eine Handvoll Leute beim Eingang steht.
Hendrik räuspert sich. «Hi. Mein Name ist Hendrik. Ich bin auf der Gästeliste», sagt er zaghaft.
Der freundliche Mann überfliegt das Papier, das er vor sich liegen hat.
«Ach ja, hier. Gefunden. Du bist ein Freund der Wikingerin. Sie ist noch mit Magnus an der Bar. Geh doch rüber, sie freut sich sicher.» Er wedelt mit der Hand in die Richtung, aus der die Musik kommt. Hendrik bedankt sich und tritt in die wohltuende Dunkelheit. Er erkennt Jorun nicht gleich auf Anhieb, sie trägt ein Tank Top aus Leder und einen Rock, dazu Fellstiefel, quer über die obere Hälfte der Wange hat sie sich zwei dunkle Streifen gemalt. Sie und Magnus sitzen sich sehr nah. Hendrik will kehrtmachen, doch Jorun hat ihn schon gesehen.
«Hey, Hendrik, du bist also doch gekommen!» Sie umschlingt ihn mit ihren nackten Armen, Hendrik errötet.
«Darf ich dir Magnus vorstellen, der Sänger der Band und mein Freund.» Magnus drückt Hendrik an seinen verstaubten Fellumhang, sodass Hendrik husten muss. «Oh, entschuldige», sagt der Waldschrat, seine warmen braunen Augen strahlen Gutmütigkeit aus. «Ich wollte dich nicht ersticken.» Beide müssen lachen.
«Bist du noch rechtzeitig gekommen?», fragt Jorun. «Ich habe ihn am Mittwoch nach Narvik mitgenommen», erklärt sie, an Magnus gewandt.
«Ja, ging alles gut, danke nochmal. Und vielen Dank für die Einladung.»
«Hendriks Chef ist ein bisschen schwierig», informiert Jorun.
«Na ja, eigentlich ist mehr der Beruf das Problem und nicht der Chef. Das Material, mit dem ich arbeite, ist hart, es fühlt sich tot an unter meinen Händen.
«Arbeite doch mit Holz», schlägt Magnus vor.
«Magnus hat seine Küche selbst gezimmert.» Jorun schaut zu ihm auf und berührt mit der Hand seine Schulter. «Die sieht total schön aus. Und das Beste ist, dass er jeden Sonntag in seinem selbst gebauten Ofen Rentierherzen für mich räuchert.»
Magnus zuckt schuldbewusst die Schultern und sagt zu Magnus:
«Tja, ich bin ihr eben verfallen. Man nennt mich auch der Sklave der Wikingerin.»
«Eins, zwei, drei», klingt es von der Bühne herüber.
«Soundcheck», sagt Jorun. «Wir müssen.» Die beiden wenden sich zum Gehen.
Hendrik schaut ihnen nach, in ihren auffälligen Kostümen, wie sie sich an den Händen halten und Richtung Bühne tänzeln, leicht und unbeschwert, und trotzdem irgendwie angekommen im Leben.
«Geräucherte Rentierherzen», murmelt Hendrik, schüttelt den Kopf und lächelt leise in sich hinein.

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Ein Gedanke zu “Geräucherte Rentierherzen

  1. Pingback: Der Sklave der Wikingerin | Edita Truninger

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