Geplatzte Träume

Fahles Licht drang durch die Vorhänge ins Zimmer, erst gegen Morgengrauen hatte der Verkehrsstrom abgeflaut und Alba war in einen unruhigen Schlaf gefallen. Im Dämmerzustand nahm sie eine leichte Berührung an der Schulter wahr, verschwommen registrierte sie Monas Gesicht dicht vor ihrem, ihr Haar war wieder unter das Kopftuch gebändigt, die Kreolenohrringe abermals angesteckt. «Ich gehe nach unten und trinke schon mal einen Chai», sagte sie sanft. «Um neun Uhr sollten wir losfahren können.» Alba fühlte sich gerädert, die wirren Träumen liessen sich kaum zurückdrängen und krallten sich an den Rändern ihres Bewusstseins fest. Sie richtete sich im Bett auf, strich sich die Haare aus dem Gesicht, mit aller Kraft stemmte sie sich aus dem Bett und trottete ins Badezimmer.

Im Frühstücksraum war Mona in die Morgenzeitung vertieft, vor sich eine dampfende Tasse Schwarztee. Sie hob den Kopf, als sich Alba an den Tisch setzte, ihr Blick prüfend.
«Wie hast du geschlafen?»
«Miserabel.» Alba stützte ihr Kinn auf, die Augenlider zuckten. «Es verfolgt mich. Bei jedem vorbeifahrenden Auto dachte ich, es ist Eric.»
Mona faltete die Zeitung sorgfältig zusammen und legte sie auf das fleckige Tischtuch. «Möchtest du, dass ich ihn anrufe?»
Albas Körper verkrampfte sich. «Was soll das bringen?» Sie schluckte. «Ich kann nicht mehr nach Kairo zurück. Meine Angst ist zu gross.»
Mona führte ihr Glas an die Lippen, pustete hinein, dann nahm sie vorsichtig einen Schluck.
«Und, was hast du vor?»
Alba zuckte die Schultern.
«Vielleicht fahre ich auf den Sinai und dann weiter nach Israel.»
«Und dann?»
Alba senkte den Blick, spielte mit den Stofffäden des Tischtuchs, die vom Saum baumelten.
«Von Tel Aviv aus gibt es Direktflüge in die Schweiz.»
«Bist du dir sicher?» Mona lehnte sich nach vorn, zwischen ihren Augenbrauen zeigte sich kurz eine senkrechte Falte. «Gib ihm nicht so viel Macht über dich. Heute Abend erreichen wir Siwa und warten im Hotel auf Mohammed und Dylan. Lass uns dann nochmals darüber sprechen.»
Alba nickte, pustete gedankenverloren in ihren heissen Tee. Die klebrige Süsse weckte sie und schien die schlechten Träume zu vertreiben. Sie ass sogar etwas Joghurt und Fladenbrot, mit einem Messer köpfte sie das hart gekochte Ei und musste zuerst an Eric, dann plötzlich an Abbas denken. Sie führte einen Teelöffel mit der labbrigen Substanz zum Mund, hielt mitten in der Bewegung inne, liess ihn wieder sinken, ihr Magen verkrampfte sich. Voller Ekel schob sie den Eierbecher von sich weg. «Von mir aus können wir los.»

Die Strasse führte der Küste entlang nach Westen, zu ihrer Rechten ein schmaler Streifen künstlich bewässertes Land, zur Linken erhoben sich die Dünen. Umzäunte Ferienanlagen, aber statt Touristen nur Bungalows, von denen der Putz bröckelte, in der Mitte ein Pool mit trübem Wasser. Mancherorts waren erst die Grundmauern in den begrünten Boden eingelassen. Alles wirkte verlassen, trostlos, in der Luft die Atmosphäre drohenden Unheils. Monas Handy klingelte, «Aiwa?», antwortete sie und schob das Gerät zwischen ihre rechte Wange und den Stoff ihres Kopftuches. Der tiefe Klangteppich ihrer Stimme mit den Kehllauten lullte Alba ein, sie betrachtete ihre Freundin im Profil, beide Hände fest am Lenkrad, den Blick konzentriert auf die Fahrbahn gerichtet, in ein intensives Gespräch vertieft. Von Zeit zu Zeit überholten sie einen Wagen. Alba sank immer tiefer in eine Wolke des Schweigens, während sie ihren Blick über die maroden Bauten wandern liess, alles Zeugnisse geplatzter Träume. Ab und zu tauchte ein Parkplatz auf, die blechernen Karosserien leuchteten im hellen Sonnenschein, schwarzglänzende Offroader standen neben verbeulten Wagen aus zweiter oder dritter Hand.
«Für die Strände muss man Eintritt bezahlen», bemerkte Mona, dann fiepte ihr Handy erneut. Sie murmelte eine Entschuldigung. «Aiwa?» und war schon wieder in ein neues Telefongespräch verwickelt, manchmal zeigte sich die senkrechte Falte zwischen ihren sorgfältig gezupften Brauen. Alba verstand einzelne Wörter wie «Habibi», «Elhamdullilläh», und immer wieder «meshi, meshi» (in Ordnung). Nach einer halben Ewigkeit erreichten sie die Randbezirke von Marsa Matru, Flachdachbauten und Satellitenschüsseln, der Verkehr wurde dichter, Mona setzte den Blinker und brachte den Wagen an einer Tankstelle zum Stehen, Schweissperlen glänzten auf ihrer Stirn.
«Hier müssen wir volltanken, danach fahren wir bis Siwa nur durch Wüste.» Alba nickte, stiess die Wagentür auf, streckte ihre starren Glieder. Dann steuerte sie auf das Gebäude zu, «Wo ist die Toilette?», fragte sie den Tankstellenwart auf Arabisch, er zeigte auf die Hinterseite des Baus. Danach kaufte sie bei einem jungen Mann mit abstehenden Ohren Wasser, Chips und zwei Pappbecher Kaffee. Mona stand mit dem Rücken an der   Kühlerhaube, ein Fuss aufgestützt.
«Zucker?», doch diese lehnte dankend ab. «Am liebsten trinke ich ihn Schwarz.» Sie nahm einen kleinen Schluck. «Ich habe vorhin mit Mohammed telefoniert. Er fährt noch heute nach Heliopolis und schaut nach, ob Eric noch in Kairo ist.
Albas Magen krampfte sich zusammen. «Aber …»
«Ich habe ihm gesagt, dass wir Eric brauchen wegen Abbas, und das entspricht ja der Wahrheit.»
«Er ist bestimmt schon über alle Berge.»
«Dieser Feigling», zischte Mona.
«Willst du Rania auf ihn hetzen?», fragte Alba mit dem Anflug eines Lächelns.
«Warum nicht?» Mona legte ihren Kopf in den Nacken und leerte den Becher in einem Zug.
«Lass uns fahren. Wir haben noch dreihundert Kilometer vor uns.»
Im Zentrum zweigte eine Strasse ab, auf dem verwitterten Wegweiser ineinander verschlungene Arabische Schriftzeichen. «S-I-W-A», entzifferte Alba halblaut.
«Das ist die einzige Strasse, die durch die Quattara-Senke führ», sagte Mona. «Sie existiert gar noch nicht so lange, sie zu bauen hat zehn Jahre gedauert.»
Vom besiedelten Landstrich erreichten sie übergangslos Wüstengebiet, topfeben und gleissend hell, Alba wurde schwindlig, rote Lichtpunkte tanzten vor ihren Augen. Sie kniff die Augen zusammen, suchte den Horizont vergeblich nach einer Regenwolke ab. Sie fühlte sich wie ein in der Sonne vor sich hintrocknender Salamanderkadaver, zusammen-geschrumpft, saftlos, verwelkt. Verdorrte Zweige von Buschwerk ragten in den hellen Himmel wie spitze schwarze Finger, beim Anblick dieser kilometerweiten Ödnis krampfte sich Albas Brust zusammen, die extreme Enge nahm ihr fast den Atem. In dieser offenen Landschaft fühlte sie sich ungeschützt und verloren, wie ein Nichts in einem Meer aus Nichts.
«Das hier ist doch kein Ort zum Leben», murmelte Alba gedankenverloren, stützte sich mit dem Oberarm auf den Fensterrahmen.
Mona zuckte die Schultern «Mikroformen von Leben sind auch unter diesen extremen Bedingungen möglich, du solltest die Wüste sehen, nachdem es geregnet hat, überall spriessen winzige Gräser, bilden einen wunderschönen grünen Teppich.»
«Wie oft regnet es?»
«Praktisch nie. Südägypten ist sogar noch regenärmer. Siebenjährige Kinder wissen dort nicht, wie sich Regen anfühlt.»
«Ich fühle mich ausgewrungen und ausgetrocknet.»
«Es wird besser. Denk an Gorhan. Kannst du dir vorstellen, wie sehr er sich freuen wird, uns zu sehen?»
Sie schossen auf der einsamen Strasse dahin, weit und breit keine Spur von Mensch oder Tier. Mona runzelte die Stirn.
«Siehst du das da vorne?» Mona deutete mit dem Zeigefinger durch die Windschutzscheibe auf die schnurgerade Strasse. Ein Wolkenband in Gelb- und Ockertönen türmte sich in einiger Entfernung vor ihnen auf, schien näher zu kommen. Ein Wind frischte auf, durch das offene Autofenster wirbelte er Alba durch das Haar und zerrte Mona am Kopftuch, Sandverwehungen landeten auf der Kühlerhaube und auf der Strasse, Mona drosselte das Tempo, das Auto holperte, kam zum Stehen, der Motor erstarb.
«Ein Sandsturm», sagte Mona, in der Stimme ein Anflug von Panik. «Schliess das Fenster.»
Alba kurbelte am Fenstergriff, jedoch in die falsche Richtung, sodass sich die Scheibe noch mehr senkte, Sand drang ihr in Augen, Mund und Nase, alles um sie herum wurde gelblich, es verschlug ihr den Atem. Sie verlor den Griff, fieberhaft tastete sie die Innenwand nach der Kurbel ab, «schliess das verdammte Fenster», hörte sie Mona gegen das Heulen des Windes rufen. Plötzlich spürte sie, wie Mona über ihren Schoss hechtete, die Kurbel packte und kurbelte, sie hatte ihr Kopftuch gelöst, den Stoff presste sie sich vor Mund und Nase. Die Scheibe glitt in die Abdichtung, eine unheimliche Stille breitete sich in aus, heftig schlug der Wind gegen den Lancia. Mona atmete schnell, kroch auf ihren Platz zurück, richtete ihr Kopftuch. «Ohne ein Tuch vor Mund und Nase bist du verloren.»
«Es tut mir leid.»
«Kein Ding.»
Mit Sand gefüllte Luft rollte heran, türmte sich vor ihnen auf. Die Winde zerrten am Wagen, schüttelten ihn heftig, Alba fühlte sich wie in einem Kokon, trotzdem tastete sie schutzsuchend nach etwas, woran sie sich festhalten konnte.
«Hier drin sind wir sicher», versuchte Mona Alba zu beruhigen. «Hast du gesehen, ein Kopftuch hat doch nur Vorteile?» Sie brachen beide in Lachen aus, es löste die Anspannung.
«Kommt das häufig vor?», fragte Alba.
«Für diese Jahreszeit ist es eher ungewöhnlich.»
«Wie lange kann das dauern?»
Der Wind zerrte an den Seitenspiegeln.
«Ein paar Stunden wahrscheinlich.»
Alba spürte, wie sich ein Kloss im Hals bildete. Ihr Blick fiel auf die Wasserflaschen zu ihren Füssen.
«Hoffen wir, dass das Wasser reicht.»
«Im Notfall trinken wir das Kühlwasser», sagte Mona.Alba schluckte leer und lauschte schweigend dem Pfeifen des Windes.

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