Paranoia

Alba streifte die Kleider ab, liess sie achtlos zu Boden sinken. Nackt ging sie zum Schlafzimmerfenster und öffnete es. Ihr Blick wanderte über das ordentlich gemachte Bett und die frisch gewaschenen Kleider auf dem Stuhl. Es war ihr, als wäre sie eine Ewigkeit weggewesen. In der geöffneten Fensterscheibe spiegelte sich ein heller Mond, fast voll. Sie machte kehrt und ging ins Badezimmer, die Neonröhre flackerte nervös auf, dann erlosch sie. Alba entwich ein Fluch. Zum Glück spendete der Mond etwas Licht durch das Fenster. Sie stieg über das kleine Mäuerchen in die Dusche, alte Rohre schlängelten sich der Mauer entlang, der Putz bröckelte. Sie drehte den Wasserhahn auf, das kalte Wasser strömte auf ihren Kopf und den Körper, sie schloss die Augen, spürte, wie sich Schmutz, Fett und Schweiss von der Haut ablösten, der Abfluss gurgelte, als das Dreckwasser kreisend darin verschwand. Sie drehte den Hahn ab, angelte sich ein Handtuch, trocknete sich ab und trat aus der Dusche, da bemerkte sie, wie sich ein dunkler Schatten an der Wand abzeichnete. Sie stiess einen spitzen Schrei aus.
«Schhh, ich bin’s», sagte eine Stimme. Im Licht zwischen Dunkel- und Helligkeit erkannte sie Erics Silhouette.
«Eric, du hast mich zu Tode erschreckt.» Sie presste ihr Handtuch an den Körper, mit der anderen Hand stützte sie sich an die Kacheln, ihr Atem raste.
«Es tut mir leid», meinte er reumütig. Ich habe deinem Bauwäb gesagt, er soll mich anrufen, wenn du nach Hause kommst. Ich muss dich sprechen.»
«Bist du wahnsinnig?» Albas Herz pochte immer noch. Ihre Nacktheit und die Enge des Badezimmers verstärkten ihren Drang, wegzukommen.
«Ich möchte mir etwas anziehen.»
«Klar.» Zielstrebig steuerte sie zum Ausgang, als sie an ihm vorbeiging, beugte er sich mit dem Kinn zu ihr hinunter.
«Hallo, übrigens.» Er wollte sie küssen, doch Alba drehte den Kopf weg.
«Setzen wir uns ins Wohnzimmer.»
Später sassen sie sich gegenüber, Alba in einem schmalen schwarzen Baumwollkleid mit Spaghettiträgern.
«Seit wann rauchst du?», fragte sie.
Eric zog gierig an einer Zigarette, seine Finger zitterten, als er sie zum Mund führte und einen Zug nahm. «Ach», er machte eine wegwerfende Handbewegung. «Das ist nur vorübergehend.» Er stiess den Rauch aus. «Hör zu, ich bin bedroht worden.»
«Du bist was?»
«Man hat mich vor meinem Haus abgefangen, mich brutal geschlagen und gewürgt, bis ich fast keine Luft mehr bekommen habe.» Seine Augen flackerten nervös. Erst jetzt erkannte Alba die Schrammen unter seinem linken Auge.
«Sie haben mich immer wieder als Verräter beschimpft. Sie müssen herausgefunden haben, dass ich Abbas kenne.»
Alba wurde kreidebleich. «Das ist ja schrecklich.»
«Mit dem Innenministerium ist nicht zu spassen. Ich glaube kaum, dass meine Akkreditierung verlängert wird, geschweige denn mein Visum.»
Er machte eine Pause. «Ich habe bereits mit den Leuten in London gesprochen. Sie wollen mich in den Libanon versetzen. Dort ist die Stimmung völlig anders. Dort könnten wir so richtig zusammen sein.»
Alba starrte Eric an, wie gelähmt.
«Komm mit mir in den Libanon», fügte er mit Nachdruck hinzu.
Sie öffnete den Mund, schloss ihn wieder.
«Was ist, hat es dir die Sprache verschlagen?»
«Nein», presste sie heraus.
«Was meinst du mit nein?»
Alba stellte sich vor, wie sie im Libanon Erics Haushalt besorgte und Stunden damit verbrachte, auf ihn zu warten. Sie schüttelte heftig den Kopf, der Gedanken war ihr lästig wie eine nervige Fliege.
«Ich will nicht. Hier in Kairo habe ich ein Netzwerk. In Beirut kenne ich niemanden.»
«Aber wir haben doch uns
Alba lachte auf. «Mach dich nicht lächerlich.»
Glaubst du immer noch, dass ich etwas mit dieser langweiligen Fernsehtussi hatte? Willst du mein Telefon nach irgendwelchen Indizien durchsuchen?» Er nahm sein Handy aus der Hosentasche und fuchtelte damit vor ihrem Gesicht herum. «Hier, tu es!»
«Ich glaube, es ist besser, du gehst jetzt.»
Er pflanzte sich vor ihr auf. «Und wohin soll ich deiner Meinung nach gehen? Seit diese Leute zu mir nach Hause gekommen sind und mich an meinen eigenen Küchenstuhl gefesselt haben, finde ich keine Ruhe mehr, bei jedem Geräusch zucke ich zusammen, jedes Rascheln alarmiert mich. Und wenn ich vor lauter Müdigkeit doch einmal einschlafe, träume ich, dass mir mit brennenden Eisenstäben die Augen ausgestochen werden.»
«In deiner Paranoia fällt dir also plötzlich ein, dass du mich brauchen könntest?», blaffte sie ihn an.
«Auf wessen Seite stehst du eigentlich?» Er fasste sie an den Handgelenken und drückte zu. Panik stieg in Alba auf.
«Lass mich sofort los», ihre Stimme bebte.
«Einen Dreck werde ich tun.»
Er umklammerte ihr Handgelenk noch härter, wie im Schraubstock und begann damit, feuchte Küsse auf ihren Hals zu verteilen.
Alba drehte den Kopf weg, wand sich, aber er war stärker.
«Eric, hör sofort auf.»
Er schubste sie zum Sofa. Alba schrie, er presste seine Hand auf ihren Mund, erstickte ihre Schreie. Er schlug sie hart ins Gesicht, stiess sie aufs Sofa, öffnete den Gurt seiner Hose.
«Bitte nicht, Eric …», winselte Alba, ihre Augen füllten sich mit Tränen. Alba stemmte sich mit aller Kraft gegen ihn, es gelang ihr aufzustehen, sie machte ein paar Schritte, stolperte, er bekam sie zu fassen und schleifte sie zurück auf Sofa, kniete sich auf sie, mit einer Hand presste er ihr die Hand auf den Mund, mit der anderen riss er ihr den Rock hoch, Alba hörte das Reissen von Stoff, ein quälender Schrei drang aus ihrer Kehle, als er gewaltsam in sie eindrang, heisse Tränen glitten an ihren Schläfen herunter, glänzten im silbernen Schein der Nacht.

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