Wüstenhochzeit

Eine Million Quadratkilometer von Ägyptens Fläche bestand aus Wüste. Alba konnte sich das im dicht besiedelten Kairo kaum vorstellen.
«Jeder Vierte Ägypter lebt in Kairo», erzählte ihr Mohammed eines Abends auf dem Dach des Carlton Inn. Es war Donnerstagabend und das Wochenende lag ausgebreitet vor ihnen, ein kitzelnder, verheissungsvoller Teppich. Er lachte. «Früher oder später landen wir eben alle in Kairo.» Er selbst stammte ursprünglich aus Luxor, seine Familie war seit Jahrzehnten im Tourismusgeschäft tätig, doch da er Männer liebte, gab es für ihn im konservativen Luxor keinen Platz. «Abbas’ Familie kommt aus dem östlichen Nildelta, ist aber vor zwei Jahren nach Kairo übersiedelt. Rashid ist der einzige von uns, der wirklich in Kairo aufgewachsen ist. Im Armenviertel Embeda bei seiner verwitweten Mutter.»
«Hast du Geschwister?», fragte Mohammed.
«Drei ältere Schwestern. Mein Vater hat die Familie verlassen, als ich fünfzehn war. Bald darauf hat er eine neue Familie gegründet.» Alba starrte nachdenklich ins Leere. «Stell dir vor, jede Stufe, die du im Leben erreichst, und immer war bereits jemand vor dir da, der sich den Ort zu Eigen gemacht hat. Egal, wohin ich gekommen bin, Kindergarten, Primarschule, Gymnasium … ich war nie einfach Alba, sondern immer die Schwester von Lorena, Mandala und Karolina. Mit der Zeit hat mich das so genervt.»
«Und hier darfst du zum ersten Mal einfach Alba sein?», fragte Mohammed.
«Ja, zum ersten Mal hinterlasse ich selbst irgendwo Spuren. Siehst du meine Turnschuhe?» Alba hob ihre Füsse und deutete auf ihre ausgetretenen Converse. «Ich bin Kilometer um Kilometer mit ihnen gelaufen, durch den Schutt, den Staub und den Müll von Kairos Strassen. Und es fühlt sich toll an. Alle beschweren sich über Kairos Schmutz, aber ich liebe ihn, er fühlt sich echt an.»
«Du hältst wohl nicht viel vom Weichspülgang?» Alba lachte über den Vergleich.
«Ich wurde viel zu lange weichgespült.»
Der Wind trug ihr Gelächter über Satellitenschüsseln, Gerümpel und Taubenschläge hinweg in den sattblauen Abendhimmel hinaus.
«Hast du vielleicht Lust, die Wüste zu sehen? Der Bruder unseres Freundes Karim heiratet dieses Wochenende in der Oase Bahariyya in der Libyschen Wüste. Du hättest die Gelegenheit, eine ägyptische Hochzeit mitzuerleben.»
Alba jauchzte begeistert auf und klatschte in die Hände. «Sehr gern!» Ian näherte sich ihnen, Mohammed und er tauschten einen Blick.
«Kommst du allein zurecht?», fragte Ian. «Wir gehen auf ein Zimmer.» Alba nickte und schaute ihnen verwundert nach, dann sprang sie auf und steuerte auf die Tanzfläche zu, magisch von der wogenden Menge angezogen. Im gleissenden Licht des Stroboskops liess sie sich von den Rhythmen der Musik mittragen, der Mond am Himmel stummer Zeuge ihrer Hingabe.
Am nächsten Morgen, die Sonne schickte eben ihre ersten Strahlen zur Erde, fuhr Mohammed mit seinem rostigen Wagen bei Alba vor, das Auspuffrohr spuckte dunklen Qualm.
Alba runzelte die Stirn. «Wie weit ist es?»
Mohammed grinste. «Dreihundertsiebzig Kilometer, aber keine Angst, auf dieses Baby ist Verlass», er tätschelte das Lenkrad. «Hüpf rein.»
Alba schmiss ihren Rucksack auf die Rückbank und sank ins Leder des Beifahrersitzes.
«Wollte Ian nicht mitfahren?», erkundigte sie sich. Mohammeds Miene verfinsterte sich.
«Eigentlich schon, aber ich kann dort schlecht mit einem Mann aufkreuzen.»
«Also bin ich dein Alibi?», fragte sie belustigt.
«Ganz genau.»
Sie schossen auf den Kairoer Hochbrücken dahin, schon nach einer Dreiviertelstunde erreichten sie die Aussenbezirke der Stadt. Übergangslos breitete sich die Wüste vor ihnen aus, die Sonne ein hellblasser Ball am Himmel. Eine dünne Linie markierte den Horizont, auf der schnurgerade Strasse in der Ferne flimmerte die Luft vor Hitze, Alba drückte ihre Nasenspitze ans Fenster, braune und ein weisser Fleck tanzten in der Weite, wahrscheinlich ein Beduinenhirte mit seiner Schafherde. Mohammed wich Schlaglöchern aus, der Wagen rumpelte, am Strassenrand dörrte ein ausgemergelter Dromedar-Kadaver in der Sonne. Alba drehte angewidert den Kopf weg, studierte stattdessen Mohammeds markantes Profil, der sein Augenmerk konzentriert auf die Unebenheiten in der Strasse richtete.£
«Dass in dieser unwirtlichen Umgebung Leben überhaupt möglich ist», bemerkte Alba.
«Warts ab, bis nach all den eintönigen Gelb- und Ockertönen plötzlich saftig-grüne Palmenhaine und Felder deinen Blick gefangen nehmen. Surreal wie ein Drogentrip. Dank natürlicher Quellen werden in den westlichen Oasen Datteln, Reis, Zitrusfrüchte, Mangos und Gemüse angepflanzt.» Er räusperte sich.
«In den Oasen ist die Mentalität der Menschen ziemlich anders als in Kairo.»
Er drehte den Kopf zur Seite und sah sie an.
«Sehr viel traditioneller.»
«Kein Sterbenswörtchen über Ian, ich verspreche es dir.»
«Danke», sagte Mohammed.
«Aber musst du dich nicht die ganze Zeit verstellen?», fragte Alba.
Mohammed zuckte die Schultern.
«Was bleibt mir anderes übrig? Meine eigene Familie ist zum Glück weit weg und durch den Umgang mit Touristen auch ein bisschen offener. Aber hier in der Wüste … « er schüttelte den Kopf. «Ich darf nicht daran denken, was mit mir passieren würde.»

An einer verlassenen Tankstelle machten sie Rast, Alba vertrat sich die Beine, streckte ihre Glieder, ein Staubfilm überzog die Karosserie von Mohammeds Wagen, gern hätte sie mit den Fingerspitzen eine Botschaft darauf hinterlassen. Mohammed tankte, dann schmetterten sie die verbeulten Wagentüren hinter sich zu und Mohammed fuhr an, die Räder gruben sich in den Sand, hinterliessen eine furchige Spur. Nach einer weiteren Stunde Wüstenpiste ragten stämmige Palmbäume in den Himmel, darunter eine Siedlung eingeschossiger Lehmziegelbauten.
«Wir haben es geschafft», sagte Mohammed.
Eine Frau in einem schwarzen Tschador huschte vorbei, als sie die Hauptstrasse entlangrumpelten, sonst wirkte alles sehr ausgestorben.
«Es ist Freitag, alle sind in der Moschee», erklärte Mohammed. «Bei der Familie meines Kumpels wird auch niemand zu Hause sein.»
Sie hielten vor einem schmalen, türkis getünchten Haus.
Das wenige Gepäck hatten sie rasch reingetragen. Mohammed führte sie durch die Küche und öffnete eine unauffällige Tür in einen blühenden Garten. «Ruh dich doch unter dem Zitronenbaum aus, ich komme gleich wieder»
Nach der staubigen Fahrt durch die Wüste hungerten Albas Augen nach Farben, sie konnte sich kaum sattsehen an den verschiedenen Grüntönen der Gewächse, ein Feuerwerk an Chlorophyll. Sie setzte sich auf eine kleine Bank unter dem schattigen Baum, auf dem Tisch daneben gebrauchte Teetassen wie ein Stillleben im Paradiesgarten. Sie kam sich vor wie ein Eindringling. Als sie das erste Mal auf die Uhr sah, war eine Viertelstunde verstrichen. Sie machte eine Runde im Garten, begutachtete den Hibiskusblütenstrauch und die Rosenstöcke, nahm wieder Platz, schlug die Beine übereinander, wippte mit dem Fuss. Nach einer gefühlten Ewigkeit hörte sie Wagentüren knallen, dann erschien Mohammed mit seinem Kumpel Karim, der sie – ganz der Orientale – begrüsste, als hätte sie schon immer zur Familie gehört. Die beiden Männer führten sie ins Haus, das sich langsam mit Menschen füllte, Onkel und Tanten drückten sie an sich, kniffen sie in die Wange, jemand reichte ihr ein Gläschen mit übersüsstem Tee. Sie war erschöpft aber glücklich, als ihr Karim schliesslich das Gästezimmer zeigte. Durch das kleine quadratische Fenster des Lehmhauses beobachtete sie die Sonne, die als Feuerball am Himmel ihren letzten Kampf ausfocht.

Durch ein unregelmässiges, hartnäckiges Hämmern an der Tür schreckte Alba hoch. Sie setzte sich im Bett auf und sah sich im Raum um. Wie lange hatte sie geschlafen? Unverputzte Wände, die grobe Steinblöcke offenbarten. Das Haus von Karims Familie. Sie trottete zur Tür und öffnete sie vorsichtig. Mohammed stand davor, in ein hellrosa Hemd gekleidet, und grinste breit.
«Bereit für das grosse Fest?», fragte er.
«Ich muss eingeschlafen sein. Wie spät ist es?»
«So gegen elf. Es war so ruhig, ich dachte mir schon, dass du schläfst. Komm mit, du hast sicher Hunger.»
«Gib mir fünf Minuten, ich muss mich rasch umziehen.» Sie ging ins Badezimmer und spritze sich kaltes Wasser ins Gesicht.
«Was soll ich anziehen?», rief sie Mohammed aus dem Badezimmer zu. Dieser wartete immer beim Eingang, klimperte mit den Autoschlüsseln.
«Du kannst anziehen, was du willst, unser Ehrengast bist du so oder so.»
Viel Auswahl hatte sie nicht, und so entschied sie sich für ein geblümtes langes Baumwollkleid und leichte Ledersandalen.
«Vergiss nicht, eine Jacke mitzunehmen», warnte Mohammed, «die Wüstennächte sind frisch.» Sie trippelten durch das verlassene Haus.
«Alle sind schon auf der Hochzeit.» Sie traten ins Freie steuerten zum Wagen, Alba schlang ihr dünnes Jäckchen enger um den Oberkörper.
«Wer ist das eigentlich, der da heiratet?», fragte Alba. Sie kletterten in den Wagen, Mohammed hinters Steuer.
«Das sind Bekannte von uns.»
«Sind die beiden miteinander verwandt?» Alba hatte schon Geschichten von Cousinenheiraten gehört.
Mohammed drehte die Zündung, der Motor sprang an. Er schüttelte den Kopf.
«Aber hier heiratet man doch sehr früh, nicht?»
«Wenn man es sich leisten kann. Aber dieses Brautpaar ist nicht mehr so jung, gewisse … sagen wir, Vorkommnisse, haben den normalen Lauf der Dinge verzögert.»
«Was ist passiert?»
«Du kennst doch Mona? Der Bräutigam war eigentlich Mona versprochen.»
«Die Mona vom Carlton Hill?»
«Exakt.» Mohammed heftete den Blick auf die holprige Strasse.
«Und dann, was ist passiert?»
«Am Morgen des Hochzeitstags war sie verschwunden. Wahrscheinlich haben ihr Soldaten dabei geholfen, in die Stadt zu kommen. Sie hatte nicht mal Geld für ein Busticket. Die ersten paar Tage hat sie auf der Strasse gelebt. Nachdem sie beinahe vergewaltigt worden wäre, hat sie sich bei einer Frauenorganisation gemeldet. Die haben dafür gesorgt, dass sie ein Dach über dem Kopf bekommt.»
«Und wie hat die Familie reagiert?»
Mohammed zuckte mit den Schultern. «Sie tun so, als hätte es Mona nie gegeben.»
«Sie ist verstossen?» Mohammed hielt einen Moment inne.
«Ja, wahrscheinlich nennt man es so. Sie kann nicht zurück. Es wäre zu gefährlich. Der Bräutigam hat lang gehofft, dass sie vielleicht doch noch vernünftig wird.»
Mohammed manövrierte den Wagen geschickt in eine Parklücke und stellte den Motor ab, die Lichter der Scheinwerfer erloschen und machten der Dunkelheit Platz. Alba fühlte ein flaues Gefühl in der Magengrube. «Es muss schlimm sein, keine Familie mehr zu haben.»
Mohammed nickte, seine Gesichtszüge ernst. In einiger Entfernung war ein Zelt aufgebaut, zusammengenäht aus dicken Stoffquadraten, laute, fröhliche Musik schallte zu ihnen herüber.
«Was meinst du, bist du bereit?»
Alba nickte. «Darf ich Fotos machen und filmen?»
«Klar.» Energisch stiess er die Wagentür auf, Alba folgte ihm ins Zelt, die stickige schnitt ihnen den Atem ab, dicht gedrängt standen Leute vor einer Bühne, auf dem Podium thronte das Brautpaar auf zwei prachtvoll geschmückten Stühlen. Das weiss gepuderte Gesicht der Braut wirkte ausdruckslos, puppengleich. Der Bräutigam hatte sein Jackett ausgezogen und die Ärmel des Hemds hochgekrempelt, die Männer der Familie trugen ihn unter lauten Rufen auf Händen durch die Menge. Alba griff nach ihrer Canon und begann die Szene zu filmen, zoomte die glücklichen, schweissgebadeten Männer beim Singen und Tanzen ganz nah heran. Mohammed stellte sie überall als eine gute Freundin aus der Schweiz vor. Sie schüttelte Hände, jemand drückte sie in die Kissen auf dem Boden und stellte ihr überladene Teller mit Hammelfleisch, Reis, Datteln und Fladenbrot vor die Nase.

Als sie zur Toilette musste, führte sie ein Mädchen über eine enge Wendeltreppe ins Innere des angrenzenden Hauses. Der Duft von Patschuli waberte durchs Haus, süsse Mädchen patschten mit ihren Händchen nach ihr und fragten sie nach ihrem Namen, in festliche Stoffe gekleidete Frauen mit Sanduhr-Figuren stiessen Freudentriller aus, weiche Brüste drückten sie an sich. Während Alba durch das Fenster den Mond betrachtete, der wie eine Suppenschüssel am schwarzen Nachthimmel hing, hätte sie jauchzen können vor Glück.

 

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