Wüstenwind

Die Winde standen gut, Alba blickte durch das Bordfenster in die Ebene. Der Nil, Ägyptens Lebensader, zog sich mitten durch die Landschaft und bewässerte einen Streifen grünes Land. Beim Landeanflug auf Kairo schoben sich die Pyramiden ins Blickfeld. Alba kniff die Augen zusammen, «wie Tobleronestücke», dachte sie, ihr Herz ein wild flatternder Vogel. In der Ankunftshalle eine Horde Männer, die sie bestürmte. «Madam, Taxi, Taxi?» oder «You are looking for hotel?» Etwas abseits stand ein älterer Herr mit Stirnglatze, in der Hand hielt er ein Schild mit ihrem Namen. Sicher dirigierte er sie zum Ausgang, lautlos glitt die Scheibe auseinander, Backofengluthitze. Auf der Autofahrt in die Stadt riss Alba die Augen weit auf, die durch schlanke Pfeiler gestützten Hochstrassen schienen in der Luft zu schweben, unberührt vom mächtigen Verkehrsstrom, der sich Tag für Tag darüberwälzte. Alba konnte nicht anders, sie musste einfach das Fenster runterkurbeln und ihr Gesicht in den warmen Fahrtwind halten. Als sie den in der Sonne glitzernden Nil erblickte, beschleunigte sich ihr Herzschlag. Niemals hätte sie es für möglich gehalten, dass sie den Mut für das hier tatsächlich aufbringen würde. Vor einer Woche hatte sie noch langweilige Sekretariatsarbeiten ausgeführt, stumpfsinnige Routine! Der Blick auf die flachen, sandfarbenen Dächer der Stadt machten sie schwindlig, ein Meer an Satellitenschüsseln wie an den Horizont geklebt und Hunderte von Minaretten, dicke Finger, die in den Himmel ragten. Das hier war der Orient, der seine Tore für Alba öffnete und sie war bereit, hindurchzuschreiten. Dieses Land bot ihr die Chance, die sie einfach packen musste.

Zum Haus gehörte ein alter Holzlift mit einem Metallgitter, der schepperte und nur bedächtig Fahrt aufnahm. Als sie im achten Stock aus dem Lift trat, erschien eine junge Frau im Türrahmen.

«Du musst Alba sein.» Die Französin Sophie hatte sich in Kairo auf ihr Praktikum beim Roten Kreuz in Palästina vorbereitet, nun würde Alba die frei werdende Wohnung übernehmen, mit den hohen Decken und dem rotbraunen Steinboden atmete sie den Geist einer anderen Zeit. Der staubige, leicht verwitterte Zustand verlieh der grossen 3-Zimmerwohnung Charme, denn die Wüste war nah. Der grösste Vorzug des Apartments war jedoch die geräumige Terrasse, die sich küchenseitig erstreckte. Von dort bot sich eine atemberaubende Aussicht über die Dachlandschaften Kairos. «Mein Adlerhorst», dachte Alba, das Glück ein Flächenbrand im ganzen Körper.

«Die Wohnung gehört einer über 80-jährigen Frau. Sie vermietet sie ausschliesslich an Europäer, welche vorübergehend in der Stadt sind. Komm, ich zeige dir noch die Küche.» Sophie führte sie in die Benutzung des Gasherds und der «Entsorgungsluke» ein, durch diesen Schlitz wurden Haushaltsabfälle geworfen. Mit einem lauten Scheppern landeten sie irgendwo im Innenhof des zehnstöckigen Gebäudes.

«Möchtest du Tee?», Eilig räumte Sophie einige Modezeitschriften von der Küchenbank, damit Alba sich setzen konnte.

«Gern, danke.» Sophie liess Wasser in einen Teekocher sprudeln, stellte ihn auf den Herd, drehte den Schalter und entzündete das herausströmende Gas geübt mit einem Streichholz. «Wie sind sie eigentlich so, die Ägypter?», fragte Alba, betont beiläufig.

«Kein anderes Volk kann dir so auf den Grund deiner Seele blicken», antwortete Sophie, Schranktüren klapperten, als sie zwei Glastassen herausnahm. Für Alba klang das recht rätselhaft. «Verscherze es dir nicht mit dem Bauwäb. Er ist der Wächter des Hauses und kann dir das Leben schwer machen.» Der Bauwäb, in jedem Kairoer Wohnhaus eine Institution, war der Hausmeister, aber auch der Aufpasser, nachts schützte er den Eingang vor Eindringlingen. Alba vermutete, dass Sophie von dem mürrischen bärtigen Mann in der Eingangshalle sprach, der vorhin in einer langen Galabeja an ihr vorbeigeschlurft war. «Steck ihm einfach jedes Mal, wenn du abends spät nach Hause kommst, ein paar Giney zu.»

Bis zu Sophies Abreise am nächsten Tag nächtigte Alba auf dem Sofa, aber sie fand keinen Schlaf. Das T-Shirt klebte ihr am Körper, der Ventilator kämpfte gegen die brüllende Hitze. Im Morgengrauen, als sie endlich eingedöst war, wurde sie von einem langgezogenen Ruf wieder geweckt. Der auf- und absteigende Ton bahnte sich einen Weg durch das Meer der Stille und brandete wie Gischt an eine Küste. Mit klopfendem Herzen lauschte sie den wogenden Gebetsrufen, bis sie abklangen und schliesslich verebbten, um wieder einer sich ausbreitenden Stille Platz zu machen.

 

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