Landflucht

»Ich bin eine einfache Frau«, sage ich neulich voller Inbrunst und in diesem Moment wird mir bewusst, dass es stimmt. Ich wohne in der Stadt, aber tief in meinem Herzen sehne ich mich nach einem einfachen (Land)leben. Ich beneide meine Tante, die in den Bergen wohnt und jeden Tag mit ihrem Hund eine menschenleeren Landschaft erwandern kann. Diese Reduktion ist für mich zutiefst spirituell und hat nichts mit einem eingeschränkten Weltbild zu tun. Im Gegenteil: Jeden Tag in einer weiten Landschaft zu gehen, macht die Gedanken weit und die Seele frei.

Ich habe Lockenkopfs Mann damals ausgelacht, als die beiden aufs Land zogen und er als grössten Vorzug des Landlebens die eingeschränkte Auswahl im Dorfladen pries. Heute denke ich, dass er recht hatte. Und manchmal erwische ich mich tatsächlich dabei, wie mich die Auswahl überfordert und ich mich verliere in der ständigen Bewegung, die von der Stadt ausgeht. Es gibt Statistiken, die besagen, dass weltweit noch nie so viele Menschen in Städten gewohnt haben wie heute. In der Stadt gibt es Arbeit, eine Infrastruktur. Städte bedeuten Wohlstand oder zumindest das Versprechen darauf. Da erinnere ich mich besonders gern an einen Kinobesuch mit meinen Freunden auf dem Land. In diesem Kino gab es ein Saal, und in dem einen Saal lief ein Film. Ich weiss noch, wie angenehm wir es fanden, dass uns keine Auswahl geboten wurde. Es war mein erster »Spiderman«-Film. Und vermutlich mein letzter. Aber das Erlebnis wird mir für immer in Erinnerung bleiben.

Erschienen am 11.02.2014 im Winterthurer Stadtanzeiger

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