Ich lese!

Ich lese. Was für ein Satz. Zwei Wörter nur, und dennoch so ungemein bedeutungsvoll. Wenn es ein T-Shirt gäbe mit dieser Aufschrift – ich würde es tragen, obwohl Tops mit aufgedruckten Botschaften eigentlich ins Reich der Modesünden gehören. Druckerschwärze-Süchtige wie ich haben die Angewohnheit, prinzipiell alles zu lesen, was ihnen unter die Augen kommt. Für die nichtlesende Gesellschaft mag das mitunter etwas nervtötend sein. Ich kann den Ärger darüber verstehen und plädiere dennoch für Verständnis: Lesen ist einfach zu schön! Und für mein Dasein existenzbegründend. Ich lese nach dem Aufwachen und vor dem Schlafengehen, auf dem Klo und im Zug. Dort ist es dank der Zeitschrift «Via» besonders leicht, andere Suchtgefährdete auszumachen. Eine Freundin hat die Kundenzeitschrift der SBB einst als «Bravo für Pensionierte» betitelt. Böse Zungen behaupten zudem, es sei die einzige Gratiszeitung im Zug, die niemand liest. Dennoch greife ich bei akutem Buchstabenmangel für gewöhnlich auch zu dieser Lektüre – mit leisem Unbehagen. Bis zu jenem Tag, als mir jemand treuherzig von einem Artikel in besagtem Magazin erzählte. «Du auch…?», habe ich über die Massen erleichtert ausgerufen, froh über dieses Bekenntnis. Der entgeisterte Blick verriet mir, dass der schlechte Ruf des Magazins noch nicht überall durchgesickert war. Das ermutigt. Ich spiele jetzt mit dem Gedanken, ein neues T-Shirt zu tragen. Jenes mit dem Aufdruck: «Ich lese sogar ‚Via‘ – na und?»

Erschienen am 15.07.2008 im Winterthurer Stadtanzeiger

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